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Macher und Justizflüchtling

Von Rainer Mayerhofer Rom/Hammamet

Politik

· "Nach Italien kehre ich nur als freier Mann zurück, sonst nicht, weder als Lebender noch als Toter", hatte der langjährige Chef der Sozialistischen Partei Italiens und Ex- | Premierminister Bettino Craxi in einem Interview vor einigen Monaten gesagt. Die Familie lehnt deshalb auch das Angebot der italienischen Regierung ab, ein Staatsbegräbnis auszurichten. Craxi wird | heute, Freitag, in Tunis in einem von der tunesischen Regierung organisierten Staatsbegräbnis beigesetzt.


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In seiner Heimat polarisiert Craxi die Meinungen auch nach seinem Tod. Tochter Stefania warf der italienischen Justiz vor, ihren Vater umgebracht zu haben. In ersten Stellungnahmen nach dem

plötzlichen Tod des ehemaligen Regierungschefs, betonten zahlreiche italienische Politiker aller Coleurs, daß Craxi eine außergewöhnliche politische Persönlichkeit gewesen sei, im Guten wie im

Schlechten.

Am 24. Februar 1934 in Mailand als Sohn eines hohen Staatsbeamten und aktiven Widerstandskämpfers geboren, der nach dem Kriegsende erster Präfekt von Como wurde, schloß sich Craxi, der als Kind

Priester werden wollte, schon in seiner Studentenzeit der Sozialistischen Partei (PSI) an, wo der legendäre Parteichef Pietro Nenni sein Förderer wurde. Von 1960 bis 1970 vertrat er die PSI im

Mailänder Stadtrat, von 1965 bis 1968 stand er an der Spitze der Parteiorganisation in der Lombardei, 1969 wurde er Vizesekretär der nationalen Parteiorganisation. Nach den Wahlen vom Juni 1976, als

die Sozialisten unter Parteichef Francesco De Martino wieder nur magere 9,6 Stimmprozente erreichten, während die Kommunistische Partei bei 34 Prozent lag, übernahm Craxi die Parteiführung. Zwischen

der damals noch allmächtigen Democrazia Cristiana und den seit 1948 von der Regierung ferngehaltenen Kommunisten spielte Craxi, dessen Partei bei den zahlreichen Regierungsbildungen immer das

Zünglein an der Waage war, eine zunehmend bedeutendere Rolle. Bei den Präsidentenwahlen 1978 forderte er, dass das Amt des Staatsoberhauptes mit einem Sozialisten besetzt werden müsse. Sandro

Pertini, der Craxi am wenigsten genehme sozialistische Kandidat, machte damals das Rennen.

Obwohl der PSI bei den nachfolgenden Wahlen der grosse Durchbruch versagt blieb · 1979 kam sie gerade auf 9,8, 1983 auf 11,4, 1987 auf 14,3 Prozent · erreichte Craxi mit taktischem Geschick für seine

Partei mehr als ihr die Wähler zugestanden hatten. In wichtigen Städten · wie Mailand und Venedig · stellte sie die Bürgermeister, im Oktober 1980 traten die Sozialisten erstmals nach langen Jahren

wieder in ein Mitte-Links-Kabinett ein. 1983 wurde Craxi von Präsident Pertini, der 1981 mit dem Republikaner Giovanni Spadolini erstmals in der italienischen Republik einen Nicht-Christdemokraten

mit dem Amt des Regierungschefs betraut hatte, mit der Regierungsbildung beauftragt. Seine Regierung · Craxi blieb bis zum 8. April 1987 im Amt · war die stabilste und längstdauernde der

italienischen Nachkriegszeit. In der Frage der automatischen Lohnanpassung legte sich Craxi mit den Kommunisten an und trug den Sieg davon. 1985 legte er sich mit der Regierung Reagan an, als er den

mutmaßlichen Drahtzieher der Entführung des Kreuzfahrtschiffes Achille Lauro, Abu Abbas, nach Jugoslawien abschieben und nicht an die USA ausliefern ließ.

Auch nach seinem Rücktritt als Regierungschef zog Craxi · ein enger Freund von Silvio Berlusconi · weiterhin die politischen Fäden, geriet aber zunehmend in den Strudel von Korruptionsaffären um

illegale Parteienfinanzierungen. Bei den Wahlen 1992 erlitt seine Partei erstmals leichte Einbußen und fiel auf 13,6 Prozent zurück, 1994 sollte sie kurz vor ihrer Auflösung nur noch auf 2,2 Prozent

kommen. Craxi selbst hatte den Parteivorsitz im Februar 1993 aufgegeben und 1994 war er vor der italienischen Justiz, die ihn zu langjährigen Haftstrafen verurteilte, in seine Ferienresidenz nach

Hammamet in Tunesien geflohen, wo er Mittwoch nach langer Krankheit · er litt u. a. an Diabetes und einem Nierentumor · an einem Herzinfarkt starb.