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Machiavelli in Korea: Der Süden ist der Willkür des Nordens ausgeliefert

Von WZ-Korrespondent Martin Fritz

Analysen

Die einen sind arm und schießen, die anderen sind reich und reden. So sieht das asymmetrische Verhältnis der koreanischen Teilstaaten heute aus. Auch im 21. Jahrhundert entspricht die Versenkung einer Korvette einer klassischen Kriegserklärung: Ohne Provokation feuerte ein U-Boot einen Torpedo auf die südkoreanische "Cheonan" ab, die auf ihrer Seite der Seegrenze patrouillierte. Experten haben Nordkoreas Urheberschaft für den Tod von 46 Soldaten eindeutig festgestellt.


Dennoch hat Südkorea jede militärische Antwort vermieden und sehr kontrolliert reagiert: Mehr als zwei Monate nach dem Zwischenfall stellt Seoul nur den ohnehin bescheidenen innerkoreanischen Handel ein und plant ein Seemanöver mit den USA sowie Propaganda-Durchsagen an der Grenze. Der Süden will zwar vor dem UN-Sicherheitsrat schärfere Sanktionen gegen Pjöngjang verlangen, doch wird das wenig bringen. Schon die bestehenden UN-Handelsbeschränkungen sind die härtesten, die je gegen eine Nation verhängt wurden. Ein Land, das sich freiwillig abschottet, ist eben nur schwer mit Isolation zu bestrafen.

So lernt Südkoreas konservativer Präsident Lee Myung-bak die frustrierende Lektion, dass er der Willkür von Nordkoreas Regime ausgeliefert ist. In seinen Reaktionen muss Lee nämlich Rücksicht nehmen auf den südkoreanischen Finanzmarkt und die Geschäfte der Konzerne Samsung und Hyundai. Dagegen kann sich Nordkoreas Führer Kim Jong-il als guter Machiavelli-Schüler ganz auf den eigenen Machterhalt konzentrieren. Diesem Ziel dient seine bewährte Taktik, durch militärische Eskalationen seine Gefährlichkeit zu demonstrieren und so politische und wirtschaftliche Zugeständnisse zu erpressen.

Wahlweise setzt er dabei mögliche Atombomben, Raketen, Torpedos oder die auf Seoul gerichteten Geschütze als Druckmittel ein. Auch die innerkoreanische Entspannung ist dieser Taktik jetzt zum Opfer gefallen, weil Südkorea seine Hilfe von nördlichen Zugeständnissen abhängig gemacht hat. Kim Jong-il wendet sich daher vom Süden ab und sucht den Schulterschluss mit seinem einzigen Verbündeten China. Peking soll ihn dafür bezahlen, dass er in Pjöngjang an der Macht bleibt, damit es kein Chaos an Chinas Grenze gibt.

Mit dem Torpedo-Schuss im Gelben Meer verfolgt der "geliebte Führer" noch ein höheres Ziel: Kim Jong-il will seinen dritten Sohn Jong-un bis zum Jahr 2012, wenn sein eigener Vater und Staatsgründer Kim Il-sung 100 Jahre alt werden würde, als seinen Nachfolger installieren. Die Versenkung der "Cheonan" zeigt Nordkoreas Elite in Armee und Partei, dass Kim der uneingeschränkte Herrscher ist und Anspruch darauf hat, den Thronfolger zu bestimmen. Bis dahin werden Nordkoreas Nachbarn noch einige Provokationen ertragen müssen.

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