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Macht Wohlstand friedlich?

Von Walter Hämmerle

Leitartikel
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Frei nach Mark Twain: Nachrichten vom bevorstehenden Ableben der Welt sind definitiv stark übertrieben. Daran ändern auch die mit bemerkenswerter Lust am Untergang ausgebreiteten Storys über die Kriegsgefahr im Mittleren Osten, das Wettrüsten in Südostasien oder die sozialen und wirtschaftlichen Verwerfungen in Südeuropa aufgrund der Schuldenkrise nichts.

Deutlich zu kurz kommen dagegen Nachrichten, die die Zukunft in nicht ganz so düsteren Farben zeichnen. Die publizistische Geringschätzung guter Neuigkeiten ist eben eine alte Geschichte.

Dennoch ein Versuch: Laut dem eben publizierten Bericht "Global Trends 2030" des Pariser Instituts für Sicherheitsstudien (ISS) wird die Zahl jener Menschen, die als Mittelklasse bezeichnet werden können, in zwei Jahrzehnten auf 4,9 Milliarden steigen - bei einer geschätzten Gesamtbevölkerung von dann rund acht Milliarden. Als Mittelklasse definiert der Bericht Personen mit einem täglich frei verfügbaren Einkommen zwischen 10 und 100 US-Dollar. Heute trifft dies nur auf rund zwei von sieben Milliarden Menschen zu. Eine ungeheure Wohlstandsexplosion, dass sie hauptsächlich in Asien und - in geringerem Ausmaß - Lateinamerika stattfindet, ändert nichts an diesem Befund.

Mit dem Wohlstand steigt auch das Selbstbewusstsein. Wer wirtschaftlich unabhängig ist, fordert Rechte und Freiheiten auch in anderen Bereichen. Man muss kein Prophet sein, um vorhersagen zu können, dass ein Gutteil der Regierungen dieser Welt aus heutiger Sicht diesem neuen Anspruchsdenken ihrer Bürger nicht gewachsen sein wird - mental, organisationstechnisch und politisch. Manche, vor allen in den reichen Ländern des Westens und Nordens, wohl auch deshalb, weil sie daran scheitern, grenzüberschreitende Lösungen für grenzüberschreitende Probleme ins Leben zu rufen.

Möglich, dass der steigende Wohlstand der Wegbereiter für jenes auf gemeinsamen Werten beruhende Weltbürgertum sein wird, das der Westen seit Immanuel Kant herbeisehnt. Sicher ist das allerdings nicht.

Vor 150 Jahren hat in Europa eine ähnliche soziale und ökonomische Entwicklung einem durchaus bürgerlichen Nationalismus zum Durchbruch verholfen, dessen Folgen äußerst blutig waren. Man kann schließlich niemandem verbieten, die gleichen Fehler noch einmal machen zu dürfen. Gut wäre es allerdings schon.