Zum Hauptinhalt springen

Machtkampf ums Handy-Bezahlen

Von Sophia Freynschlag

Wirtschaft
Öffi-Fahrscheine und auch Parktickets in Wien können bereits über den NFC-Chip im Handy bezahlt werden. Bald soll auch die Einkaufssumme im Supermarkt mit einer Handbewegung beglichen werden können.

Wer am Kuchen für mobiles Zahlen mitnaschen will. | Bisher hakte es in Österreich an der Infrastruktur. | AK warnt vor fehlendem Überblick über Einkäufe.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 12 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Wien. Mühsam die Münzen in der Geldbörse zusammensuchen oder die Karte zücken könnte bald ein Ende haben: Das Handy an die Kassa halten und schon ist bezahlt - so kann in naher Zukunft der Einkauf ablaufen. Nach dem Start von kontaktlosem Kreditkarten-Zahlen in Österreich wird bald das Handy im Einzelhandel Bargeld oder die Karte ersetzen können. Viele Unternehmen - von Banken über Mobilfunkbetreiber bis hin zu Kreditkartenunternehmen - arbeiten derzeit an Projekten. In die Karten schauen lassen will sich aber noch niemand.

T-Mobile und A1 verweisen lediglich auf laufende Projekte. "Zum Thema NFC wird heuer noch etwas kommen", heißt es etwa von A1-Sprecherin Livia Dandrea-Böhm. "Wir sind derzeit in der Testphase für mobiles Bezahlen. Ende des Jahres werden wir wissen, wohin der Weg geht", sagt Ursula Riegler, Sprecherin von McDonald’s Österreich.

Für Verbraucher ist das Zahlen per Funkchip komfortabel, weil sie nicht das passende Kleingeld bei sich haben müssen. Handy-Zahlen eignet sich vor allem für niedrige Beträge. Bis zu 25 Euro ist in der Regel keine Autorisierung nötig. Bei höheren Summen kann zur Sicherheit eine Unterschrift oder ein Code verlangt werden. Damit nicht aus Versehen Geld abgebucht wird, ist die Reichweite auf rund zehn Zentimeter begrenzt.

Google preschte mit Bezahldienst in USA vor

Anfang 2012 wird Visa die kontaktlose Karten-Zahlungsmöglichkeit PayWave als Erweiterung für das Mobiltelefon anbieten. Mit dem Handyhersteller Samsung will das Kreditkartenunternehmen zu Olympia 2012 in London Zahlen per NFC (Near Field Communication) über das Mobiltelefon möglich machen. Von Samsung stammen dabei die Handys mit NFC-Chip, von Visa kommt das Handy-Programm. Kurt Tojner, Visa Europe Country Manager für Österreich, erwartet mit London 2012 "einen weiteren Sprung nach vorne" für mobiles Bezahlen. Er geht davon aus, dass Handy-Zahlen über NFC auch in Österreich 2012 in Erscheinung treten wird. Wie bei der Karte (auf dem Chip) wird dabei im Mobiltelefon ein "Secure Element" mit derselben Sicherheitstechnologie wie bei der Kreditkarte "personalisiert".

Auch Rivale Mastercard ist mit seinem kontaktlosen Angebot Paypass auf dem Vormarsch und kooperiert bei "Google Wallet" in den USA mit der Citibank und den Google-Smartphones "Nexus S" aus dem Netz des US-Mobilfunkanbieters Sprint. Die Kreditkarten-Daten werden dabei in einem Zusatzprogramm am Handy hinterlegt. Die Präsentation des Handy-Bezahldienstes im Mai hatte Signalwirkung - bisher war es lediglich bei Ankündigungen von Konzernen geblieben. Der Bezahldienst PayPal konterte den Google-Vorstoß sofort mit einer Klage, weil frühere Mitarbeiter internes Wissen verwendet haben sollen. Das verdeutlicht, wie hart um den neuen Markt gekämpft werden wird.

Der Marktforscher Gartner schätzt, dass bis 2014 340 Millionen Menschen per Handy bezahlen und dabei 245 Milliarden Dollar ausgeben werden. In Österreich wird mobiles Bezahlen in etwa drei Jahren verbreitet sein, erwarten Experten. Eine Revolution des bargeldlosen Zahlungsverkehrs erwartet Peter Neubauer, Vorsitzender der Geschäftsführung beim Kartendienstleister Paylife, aber nicht: "Handy-Zahlen wird ein weiterer Kanal der bargeldlosen Abwicklung."

KPMG: Kooperation von Rivalen wahrscheinlich

Die NFC-Technik ist bereits seit rund fünf Jahren ausgereift, Japan gilt als Vorreiter beim Einsatz im Alltag. In Österreich können über die A1 paybox seit längerem unter anderem Fahrscheine für die Wiener Linien und Parktickets kontaktlos mit dem Handy bezahlt werden.

Der Durchbruch im heimischen Einzelhandel und in Restaurants scheiterte aber bisher an der fehlenden Infrastruktur - also an NFC-fähigen Lesegeräten sowie Handys. Michael Jerne, Sprecher des NFC-Chip-Entwicklers NXP Semiconductors Austria, spricht von einem "Henne-Ei-Problem".

Nun bauen aber immer mehr Hersteller NFC-Chips in ihre Handys ein - Nokia war Vorreiter, andere Produzenten wie Research in Motion (RIM) mit dem Modell "Blackberry Curve" holen auf. Ob das neue iPhone 5 NFC-fähig sein wird, ist jedoch noch nicht bekannt.

Während es sicher scheint, dass mobiles Bezahlen bald verbreitet sein wird, steht die Form, in der Handy-Bezahlung ablaufen wird, noch nicht fest, schreibt das Beratungsunternehmen KPMG im "Mobile Payments Outlook". Banken, Handyhersteller, Netzbetreiber und Kreditkartenunternehmen wittern ihre Chance, vor allem bei der Abrechnung. "Obwohl sich jeder Mitspieler den größten Einfluss und den damit verbundenen Marktanteil sichern will, ist Co-opetition (Kooperation von Konkurrenten, Anm.) der wahrscheinlichste Weg zum Erfolg", schreibt KPMG.

In Deutschland haben sich Mitbewerber zusammengeschlossen: Deutsche Telekom, O2 und Vodafone wollen heuer ein Gemeinschaftsunternehmen gründen, um ihren Handy-Bezahldienst Mpass zum Durchbruch zu verhelfen, schreibt das "Handelsblatt". Ab 2012 bieten die drei Mobilfunker NFC-Sticker an, mit denen jedes Handy zur elektronischen Geldbörse nachgerüstet werden kann.

Anbieter müssen aber potenzielle Sicherheitsbedenken überwinden, betont KPMG. Die Arbeiterkammer warnt, dass Konsumenten bei kontaktlosem Bezahlen den Überblick über getätigte Einkäufe verlieren könnten: "Wird nicht mit Bargeld bezahlt, können vor allem gefährdete Personen schnell in die Schuldenfalle geraten", sagt Martin Korntheuer von der AK Wien.

Mobiltelefon soll durch kontaktloses Zahlen Geldbörse ersetzen - Start in den kommenden Monaten geplant