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Madame Zauberflöte

Von Konstanze Walther

Politik
"Wir dürfen die Macht der Anziehungskraft Europas nicht vergessen", mahnte Christine Lagarde.

Die Direktorin des Währungsfonds, Christine Lagarde, wirbt bei ihrem Wien-Besuch für die EU und outet sich als Mozart-Fan.


Wien. Finanzminister Hans Jörg Schelling hatte "Dear Christine" schon im November nach Wien zu seiner Veranstaltungsserie "Finanz im Dialog" eingeladen. Aber erst jetzt ist die Chefin des Internationalen Währungsfonds IWF seiner Einladung gefolgt. Es hätte so praktisch sein können, da beide ohnedies einen Tag davor schon in Luxemburg beim EU-Finanzministerrat miteinander getagt hatten. Aber ihre Keynote über die "europäischen Herausforderungen" Freitagvormittag hat über Nacht mit dem Mord an der Parlamentarierin in Großbritannien unerwartete Brisanz bekommen. "Ich habe mich mit meinem Team beraten, ob ich im Kontext von dem, was gestern passiert ist, überhaupt das Thema Brexit anschneiden soll", erklärt Christine Lagarde am Podium in der Hofburg. Sie kam zu dem Entschluss, dass sie zwar auf die prognostizierten ökonomischen - negativen- Folgen hinweisen werde, "aber aus Respekt heraus möchte ich eigentlich nicht mehr zu dem Thema sagen", sagt Lagarde und drückt den Angehörigen des Mordopfers Jo Cox ihr Beileid aus.

Lagarde musste trotzdem die Einschätzung des IWF von ökonomischen Nachteilen im Falle eines Brexits verteidigen. Auf die Frage, ob man den Unkenrufen bezüglich eines Brexits denn trauen darf, da die Prognosen von Ökonomen oft genug daneben lägen, schmunzelt die Französin: Das sei eine existenzialistische Frage für Ökonomen. Fehler zu machen sei menschlich, "und dagegen gibt es kein Heilmittel, das sagt schon Samuel Beckett", zitiert Lagarde aus dem Stück "Endspiel" des irischen Schriftstellers. Sie räume zwar ein, dass Ökonomen oft Positionen vertreten, über die man diskutieren kann, bezüglich der Nachteile eines Brexits "sind sich alle Ökonomen bis auf ein einziges Institut einig. Ich glaube, sie können marginal daneben liegen, aber ich glaube nicht, dass sie in der Tendenz falsch liegen."

Trotz ihrer internationalen Organisation mit Sitz in Washington positioniert sich Lagarde in Wien als glühende Europäerin. Um das europäische Projekt zu verteidigen, zieht sie in ihrem Vortrag viele Analogien zu ihrer Lieblingsoper, Mozarts "Zauberflöte". "Oberflächlich geht es dabei um einen feschen Prinzen, der ein Fräulein in Not retten muss." Aber dabei könne man hier auch die europäische Geschichte hineinlesen, vom düsteren Mittelalter hin zum Zeitalter der Aufklärung. Das europäische Projekt habe die Serie der bewaffneten Konflikte beendet. "Wir als Europäer müssen uns daran erinnern, von wo wir kommen, und was wir erreicht haben. Fortschritt ist niemals linear." Sie erinnert auch an die versandete Aufbruchsstimmung in den Ländern des Arabischen Frühlings. Tunesische Beamte hätten in Gesprächen mit ihr sogar die EU dafür verantwortlich gemacht, dass die Phase des politischen Übergangs in Osteuropa in den 1990ern vergleichsweise glatt verlaufen sei. Denn die Länder wussten, wohin sie wollen: "Die hatten die EU gleich nebenan." Dagegen würde Nordafrika noch um Stabilität ringen. "Wir dürfen nicht die Macht der Anziehungskraft vergessen, die wir Europäer generieren können", sagt Lagarde.

"Zu viele Ankündigungen,zu wenige Ergebnisse"

Sie wisse, dass sich viele Europäer Sorgen machen, dass ihre Kultur verwässert wird, oder dass ihnen Arbeitsplätze weggenommen werden - insbesondere da der IWF empfiehlt, die Flüchtlinge schnell in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Sie wisse, dass den Unzufriedenen versprochen wird, alles wäre viel besser, wenn man doch nur die Grenzen schließen würde. Sie wisse auch, dass der europäische Prozess gepflastert sei mit zu vielen Ankündigungen, und zu wenigen Ergebnissen. Sie sei mit Schelling bei Verhandlungsmarathons wie etwa in Sachen Griechenland "endlose Tage und manchmal endlose Nächte" zusammengesessen, "und am Ende haben wir etwas präsentiert, von dem viele dachten, dass das nur ein dünnes Ergebnis war. Aber es war ein Ergebnis."

Man dürfe auch nicht vergessen, dass nur ein geeintes Europa gegenüber Großmächten wie den USA, China, Indien Gewicht habe. Die Verhandlungsrunden mit der Welthandelsorganisation WTO würden anders aussehen, wenn man als einzelner Player, etwa Frankreich, auftritt: "Egal wie viel Hartkäse oder wie viele Flugzeugteile man anzubieten hat."

Die europäische Währungskrise sei erfolgreich eingedämmt worden, doch ihr Erbe werde uns noch eine Zeit in Form von verhaltenem Wirtschaftswachstum begleiten. Es sei Zeit, die Bankenunion voranzutreiben - insbesondere den verbleibenden Zankapfel der gemeinsamen europäischen Einlagensicherung. "Vergessen Sie nicht: Vor zehn Jahren galt Deutschland als der kranke Mann Europas. Um die heutigen Sorgenkinder könnten es in ein paar Jahren auch ganz anders aussehen", beschwört sie den wirtschaftlichen Zusammenhalt. "Denken Sie an die ,Zauberflöte‘! An das Duett der Königin der Nacht mit Papageno! Das sind zwei komplett verschiedene Stimmen! Und doch singen sie gemeinsam!"

"Der IWF hat sein Engagement in Griechenland nicht beendet"

Am Donnerstagabend war am Rande des EU-Finanzministerrats beschlossen worden, dass der Euro-Rettungsschirm ESM die Zahlung einer weiteren Kredit-Tranche in Höhe von 7,5 Milliarden Euro nach Griechenland genehmigt. Der IWF beteiligt sich vorerst nicht an weiteren Hilfszahlungen, da die Vorstellungen des Fonds von Pflichten, die man Griechenland auferlegen muss, bekanntermaßen von denen der EU-Kommission abweichen - dabei geht es vor allem um die Schuldentragfähigkeit des Sorgenkindes. "Der IWF hat aber sein Engagement in Griechenland nicht beendet. Wir versuchen weiter, zu helfen. Das Ziel ist noch immer dasselbe: Griechenland muss finanziell ein stabiles Land werden." Man werde den nächsten Expertenbericht abwarten, um abzuschätzen, wie es um Griechenland steht. "Derzeit denken wir nicht, dass die griechische Schuldenlast tragfähig ist. Laut den IWF-Regeln dürfen wir daher keine weiteren Kredite geben."

Am Samstag wird Lagarde ihren Wienaufenthalt für einen Opernbesuch nutzen. Sehr zu ihrem Leidwesen steht Mozart nicht auf dem Programm - dafür "das schottische Stück", Macbeth.