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"Made in China 2025": Ein Zwischenstand

Von Bernhard Seyringer aus China

Wirtschaft

Das Reich der Mitte will die "Werkbank der Welt" für sämtliche Zukunftstechnologien werden.


Im Mai 2015 hat die chinesische Regierung die Smart-Manufacturing-Strategie "Made in China 2025" verabschiedet. Die Strategie wurde von der Chinese Academy for Engineering (CAE) in enger Kooperation mit deutschen Forschungseinrichtungen, nach dem Vorbild des deutschen "Industrie 4.0"- Konzepts entwickelt.

Es handelt sich dabei um einen Zehnjahresplan, der sich nahtlos in Xi Jinping’s Zeitachse des "Chinesischen Traums des Nationalen Wiederaufstiegs" einfügt: Bis 2025 soll das Land "Produktionsgroßmacht" und bis zum hundertsten Geburtstag der Volksrepublik China im Jahr 2049 "Führende Produktionssupermacht" werden. MIC2025 fügt sich in ein engmaschiges Netz an weiteren Hochtechnologie-Plänen wie "Internet Plus", der "Digitalen Seidenstraße" oder dem "Nationalen Aktionsplan für Künstliche Intelligenz" ein.

Spektrum von über 100 Industriesektoren

Ursprünglich wurden darin zehn prioritäre Industrien festgelegt: Von Informations- und Agrartechnologien, neuen Werkstoffen bis hin zu Medizin- und Pharmaprodukten. Seit 2017 hat sich das Spektrum in über 100 Industriesektoren ausdifferenziert. In fast 4.000 Pilotprojekten wird die Implementierung neuer Erkenntnisse in der Hightech-Produktion vorangetrieben. Mit der Überarbeitung im Jahr 2018 kamen für die chinesische Innovationspolitik noch völlig neue Aspekte hinzu: Die Entwicklung innovativer Finanzierungsinstrumente, Marken-Design und die Erforschung neuer Anwendungsfelder für Basistechnologien wie Blockchain oder Künstliche Intelligenz.

Der Unterschied zwischen MIC2025 und unterschiedlichen Vorläufern ist, dass sie sich nicht auf die Weiterentwicklung der "Innovationspolitik chinesischer Prägung" oder auf Modernisierung bestimmter Industriesektoren beschränkt. Es wird zwar erneut das Ziel der "autarken Innovation"- definiert als "Technologie- und Produktentwicklung ausschließlich von chinesischen Unternehmen" betont, aber China möchte damit sektorübergreifend den gesamten Produktionsbereich modernisieren.

Kontrolle der Wertschöpfungsketten

Es beabsichtigt, die "Werkbank der Welt" für sämtliche Zukunftstechnologien zu werden, inklusive Kontrolle der gesamten Wertschöpfungsketten: Von der Rohstoffgewinnung über die Logistik der Transportrouten (Belt-and-Road), die Produktionsstandorte bis hin zu Forschung und Entwicklung. Mit welcher Ambition derartige Ziele vorangetrieben werden, zeigt das Beispiel Solarzellen: China hatte im Jahr 2006 etwas mehr als 10 Prozent Weltmarktanteil. Im Jahr 2020 kontrolliert Peking praktisch alle Rohstoffe und einen Anteil von über 70 Prozent an der globalen Produktion.

Eines der wichtigsten Ziele des MIC2025 ist es, eine "Selbstversorgungsquote" von 70 Prozent bei technologischen Basiskomponenten und Rohstoffen zu erreichen. Das muss primär mit Blick auf die Halbleiterindustrie verstanden werden, die immer noch die Achillesferse der chinesischen Technologieentwicklung ist. Hier zeigt sich auch die Diskrepanz zwischen Ambition und Umsetzung: Obwohl die Halbleitertechnologie seit dem 8. Fünfjahresplan von 1991 höchste Priorität genießt, prognostiziert das Marktforschungsunternehmen IC Insight den Anteil chinesischer Unternehmen am globalen Halbleitermarkt für 2025 bei nur etwa 20 Prozent. Damit steht bereits fest, dass der angestrebte Anteil von 70 Prozent kolossal verfehlt wird. Auch die Erhöhung der direkten staatlichen Förderung von 33 Prozent im Jahr 2015 auf 45 Prozent im Jahr 2020 brachte offenbar nur bescheidenen Fortschritt.

Das Ziel heißt Marktverdrängung

Ergänzt wurde MIC2025 durch die vom National Manufacturing Strategy Advisory Committee (NMSAC) im September 2015 veröffentlichte "Technology Roadmap". Ein von zirka 450 Experten verfasster Fahrplan, der genaue Marktanteils-Ziele für chinesische Unternehmen in unterschiedlichen Branchen bis 2025 vorgibt: Bei Elektroautos 80 Prozent (seit 2017: 90 Prozent), bei Erneuerbaren Energien 90 Prozent oder bei Industrierobotern von 80 Prozent. Dem Dokument wurde durch die offensive Unterstützung durch Vize-Premier Ma Kai zusätzliches diplomatisches Gewicht verliehen.

Dieser Fahrplan hat heftige Reaktionen in westlichen Industrienationen ausgelöst: Schließlich werden mit diesen Marktanteils-Zielen sowohl die Industriesektoren als auch der "Verdrängungsgrad" westlicher Unternehmen staatlich festgelegt. Daher wird MIC2025 seit Sommer 2018 von offizieller chinesischer Seite nicht mehr verwendet. Die Vorgaben bleiben aber und wurden im März 2021 in den 14. Fünfjahresplan und den "Mittel-und Langfristigen Entwicklungsplan (2021-2035)" aufgenommen. Zusätzlich hat das Handelsministerium im August 2021 mit der "Strategie zur Diversifizierung der Importe" ein Dokument verabschiedet, das russische Unternehmen bevorzugt.

Unterschiede zu "Industrie 4.0"

Auch wenn sich die Grundlage von MIC2025 auf "Industrie 4.0" bezieht, sind die beiden kaum vergleichbar. Industrie 4.0 zielt stark auf die Entwicklung und Stärkung von Institutionen, Marketingmaßnahmen und schließlich auf internationale Kooperation. MIC 2025 ist ein Konzept "Importsubstituierender Industriepolitik" und zielt auf "Autarkie" und "Selbstversorgung". Beides sind Mythen aus der imperialen Vergangenheit Chinas, die auch zum maoistischen Basisvokabular zählen.

Da die technologische Aufholjagd gegenüber dem Westen beschleunigt werden soll, ist die Übernahme internationaler Unternehmen durch chinesische Investoren, ein zusätzlicher Zweig von MIC2025. Dabei wird stets auf eine Mischung aus Staatsunternehmen und extrem undurchsichtige Investorennetzwerke gesetzt. Möglicherweise ist es auch kein Zufall, dass die Strategic Support Force, Chinas Cyberspionage-Armee, auch 2015 ins Leben gerufen wurde.

Was bedeutet das für Österreich?

Chinas Offensive ist eine offene Kampfansage an den Produktionsstandort Österreich und Zentraleuropa. Das Land macht keinen Hehl daraus, dass es europäische Wettbewerber nicht nur vom chinesischen Markt verdrängen möchte, sondern versteht sich auch zunehmend als direkter Konkurrent bei der Entwicklung und Produktion von Highend-Produkten. Für die Politik wäre es höchste Zeit, sich mit dem Thema zu beschäftigen.