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Magnet für Balkan-Eliten

Von Nedad Memic

Politik

Heuer feiert die Universität Wien ihr 650-jähriges Jubiläum. An dieser und anderen Hochschulen in Wien bildete sich seit Jahrhunderten die intellektuelle Elite aus Kroatien, Serbien und Bosnien-Herzegowina aus.


Wien. Wenn man heutzutage jemandem auf Bosnisch, Kroatisch und Serbisch sagt, dass man der "Wiener Schule" angehört, dann zeugt das von guten Manieren. Wien ist seit Jahrhunderten eine Stadt, die nicht nur geopolitisch dem Balkanraum sehr nahesteht. Insbesondere kulturell und intellektuell ließen sich die Balkan-Eliten von Trends aus Wien inspirieren. "Im 19. und 20. Jahrhundert, aber auch in früheren Jahrhunderten spielt Wien eine entscheidende Rolle bei der Ausbildung der kroatischen Eliten", sagt Josip Sersic, Autor der im Jahr 2013 in Wien publizierten Monografie "Kroatisches Wien / Hrvatski Bec". "Viele Kroaten kommen nach Wien, um hier zu studieren, einige hatten einen Dienst am Habsburger Hof, einige waren auch Diplomaten", so Sersic. Einer der größten kroatischen Erfinder aller Zeiten, der Mathematiker, Physiker und Astronom Ruder Josip Boskovic (1711 bis 1787), wohnte von 1756 bis 1760 und 1763 in Wien und schuf hier sein Hauptwerk "Theorie der Naturphilosophie", eine Pionierarbeit im Bereich der Atomforschung.

Serbische Zeitung nach Vorbild der "Wiener Zeitung"

Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts treten auch serbische Intellektuelle in Wien in den Vordergrund. "Impulse dazu gaben die Reformen des Kaisers Joseph des II. im gesamten Bildungswesen", erklärt Wolfgang Rohrbach, Experte für österreichisch-serbische Beziehungen. Einer der ersten serbischen Intellektuellen, die in Wien wirkten, war der berühmte Schriftsteller der serbischen Aufklärung, Dositej Obradovic (1739 bis 1811). Hier lebte er sechs Jahre lang und lernte dabei die deutsche Sprache.

Im Jahr 1792 wurde in Wien sogar eine eigene serbische Zeitung gegründet: "Novine Serbske". Als Vorbild diente die damalige "Wiener Zeitung". Laut Rohrbach waren Serben aufgrund ihrer Kaisertreue und militärischen Verdiensten hochgeschätzt: "Sie genossen als Wehrbauern an der Militärgrenze und als Oberste und Generäle der kaiserlichen Armee, aber auch als Händler besondere Privilegien", so der Historiker. Viele Serben im 19. Jahrhundert sahen Wien sogar als eine Art Hauptstadt.

Für die Wirkung vieler slawischstämmiger Intellektueller bot Wien damals eine günstige Atmosphäre. So fand hier der bosnische Franziskaner und Schriftsteller sowie der Begründer der bosnischen Moderne Ivan Frano Jukic (1818 bis 1857) seinen letzten Zufluchtsort. Dieser Aufklärer gilt in kulturhistorischen Kreisen als Schöpfer der ersten informellen Verfassung in Bosnien-Herzegowina. Wegen seiner Forderungen nach mehr Rechten für christliche Bewohner Bosniens fiel er in Ungnade und musste das Land verlassen.

Preradovic schrieb Text der österreichischen Bundeshymne

Im 19. Jahrhundert war Wien die Stadt, in der namhafte kroatische und serbische Dichter lebten. Die berühmten serbischen Dichter der Romantik, Laza Kostic (1841 bis 1910) und Branko Radicevic (1824 bis 1853), starben in Wien, an sie erinnern zwei Tafeln: eine in der Sternwartestraße 74 in Währing, die andere in der Schlösselgasse 12 im 8. Bezirk.

Einer der größten kroatischen Dichter und Generäle, Petar Preradovic (1818 bis 1872), verbrachte die letzten zwei Jahre seines Lebens in Wien, seine Enkelin Paula von Preradovic schrieb den Text der österreichischen Bundeshymne. Der im kroatischen Split geborene Komponist Franz von Suppé gilt als Begründer der Wiener Operette.

Als Forschungsstätte südslawischer Sprachwissenschafter spielte Wien eine zentrale Rolle. Im Jahr 1850 versammelten sich hier führende serbische und kroatische Intellektuelle und verfassten ein programmatisches Werk, das in der Geschichte der südslawischen Linguistik als das "Wiener Abkommen" bekannt ist. In dieser Erklärung wurde zum ersten Mal die sprachliche Einheit der Serben und Kroaten proklamiert. Diesem Abkommen ging die sprachreformatorische Arbeit Vuk Stefanovic Karadzics voraus. Karadzic (1787 bis 1864) gilt als Schöpfer der modernen serbischen Sprache und Literatur. In Wien schuf er seine bedeutendsten Werke: eine Sammlung serbischer Volkslieder (1814), die erste serbische Grammatik (1814) sowie das erste serbische Wörterbuch (1818). Auch an der Wiener Slawistik spielten im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts südslawische Sprachwissenschafter eine führende Rolle: Der erste Vorsitzende der Wiener Slawistik war der slowenischstämmige Franc Miklosic, sein Nachfolger der Kroate Vatroslav Jagic.

Nach der Okkupation Bosnien-Herzegowinas im Jahr 1878 öffnet sich diese ehemalige osmanische Provinz dem intellektuellen Einfluss aus der Donaumonarchie. Erste Intellektuelle aus Bosnien-Herzegowina entdecken Wien und seine Universität als wichtigen Ausbildungsort. "Wien spielte seit dem Ende des 19. Jahrhunderts eine große Rolle für die Entwicklung der bosnisch-herzegowinischen Intellektuellenschicht", sagt Armina Galijas, Historikerin am Zentrum für Südosteuropastudien in Graz. "Die Zahl der Intellektuellen, die nach Wien zu Studienzwecken kamen, war anfangs nicht groß. Sie waren aber Pioniere und leiteten einen Prozess des intellektuellen und wissenschaftlichen Austausches, der immer noch anhält", so Galijas.

Die ersten Promovierten bekamen Titel an der Uni Wien

Interessant ist dabei, dass der erste promovierte Mann und die erste promovierte Frau aus Bosnien-Herzegowina ihren Doktortitel an der Universität Wien bekamen. Der Bosniake Safvet-beg Basagic (1870 bis 1934), oft als Vater der bosniakischen Renaissance genannt, studierte hier orientalische Philologie und promovierte zum Thema der Bosniaken in der islamischen Literatur im Jahre 1910. Marija Kon (1894 bis 1987), eine bosnische Jüdin aus Sarajevo, promovierte im Jahr 1916 an der Universität Wien über den Dichter Petar Preradovic und war Mitbegründerin des Germanistischen Instituts in Sarajevo im Jahr 1950. Einer der bedeutendsten bosniakischen Politiker des 20. Jahrhunderts und Minister im Königreich Jugoslawien, Mehmed Spaho, erlang seinen Doktortitel in Rechtswissenschaften vor dem Ersten Weltkrieg ebenfalls in Wien.

Wien blieb bis heute einer der wichtigsten Anziehungspunkte der serbischen, kroatischen und bosniakischen Elite. Unter fast 84.000 ausländischen Studierenden an den öffentlichen Universitäten in Österreich lagen im Winter-Semster 2014 Studierende aus Bosnien-Herzegowina auf Platz drei (3828 Studenten), aus Kroatien auf Platz fünf (2463) und aus Serbien auf Platz sechs (2378).