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Mahner und Gestalter

Von Simon Rosner

Politik

Franz Küberl verlässt nach 18 Jahren die Spitze der Caritas Österreich.


Wien. "Armut ist eine Schande in einem so wohlhabenden Land wie Österreich" - Franz Küberl vor drei Tagen. Und wie oft in den vergangenen 18 Jahren, die Küberl der Caritas Österreich präsidierte, hat man Derartiges von ihm gehört? Im buchstäblichen Sinn unermüdlich hat Küberl darauf hingewiesen, auf dass es niemand übersieht, und schon gar nicht jene, die es übersehen wollen: Armut ist in Österreich längst wieder Realität geworden.

Und die Armut ist keine leichte Gegnerin, sie wird auch immer stärker. Am 13. November wird die Armutsbekämpfung in Österreich dann ein neues Gesicht erhalten, denn Franz Küberl wird nach 18 Jahren an der Spitze der Caritas kein weiteres Mal für das Präsidentenamt kandidieren.

Es ist kein Rücktritt, sondern ein Rückzug, denn Küberl, mittlerweile 60 Jahre alt, wird Caritas-Direktor in der Steiermark bleiben und damit am 13. November auch über seinen Nachfolger mitentscheiden, der von den neun Direktoren der Caritas gekürt wird. Als Favorit gilt Wiens Caritas-Chef Michael Landau.

18 Jahre sind eine lange Dauer für eine Aufgabe, die an Sisyphos gemahnt. Als Küberl sein Amt im Jahr 1995 antrat, waren rund 420.000 Österreicher von manifester Armut betroffen, mittlerweile sind es um fast 100.000 mehr. Und dennoch, sagt Küberl, "habe ich es immer wahnsinnig gern gemacht und war mit Herzblut und Kraft dabei". Das lag freilich auch daran, dass die Caritas in dieser Zeit sehr vielen Menschen helfen konnte, "und ich war immer ein Medium dafür, dass sich unendlich viele Leute bei mir bedankt haben, denen Gutes widerfahren ist". Das gibt Kraft.

Modelle für die Zukunft

Unter Küberl ist es der Caritas aber auch gelungen, aus den vielen Einzelfällen, mit denen die Hilfsorganisation tagtäglich beschäftigt ist, Fachexpertisen in den unterschiedlichen Aufgabengebieten der Caritas zu entwickeln. "Es ist wichtig, dass die Caritas ihre konkrete Arbeit macht, von Gesicht zu Gesicht, aber es ist auch wichtig, die gemeinsamen Erfahrungen zu nutzen, um Vorschläge zu erarbeiten", sagt Küberl. Die Mindestsicherung war so ein Modell, das Küberl jahrelang propagiert hatte, bis sie vor drei Jahren dann tatsächlich eingeführt wurde. Und auch eine monatelange, teilweise emotional geführte Auseinandersetzung mit dem damaligen Innenminister Ernst Strasser über die Verpflegung von Asylwerbern hat mit einem Erfolg der Caritas geendet; die Grundversorgung für Asylwerber ist von einem Gnadenakt zum Recht geworden.

Das Thema Flucht und Asyl war auch in den vergangenen Jahren ein sehr wesentliches für die Caritas, zuletzt als Vermittler und dann als Unterkunftgeber für protestierende Flüchtlinge aus Pakistan und Afghanistan in Wien. Das hat der Caritas auch immer wieder Kritik eingebracht, und das nicht nur aus Richtung der FPÖ.

Franz Küberl hat seine Position dabei nie verlassen und sie stets mit leidenschaftlicher Beharrlichkeit vertreten. "Eine Solidarität light geht nicht", sagt er mit Verweis auf den Wahlkampf der Freiheitlichen, in dem die Nächstenliebe propagiert wurde, ihr allerdings Grenzen gesetzt wurden: Solidarität ja, aber nur für Österreicher. "Das geht aber nicht und würde die Gesellschaft in die Irre führen", sagt Küberl.

Alles hängt zusammen

Denn es hängt eben alles zusammen: das spottbillige Hemd aus der hiesigen Modekette und der Flüchtling aus Pakistan, wo das Hemd produziert wurde; der Kostendruck in der Baubranche und der rumänische Arbeiter, der in Österreich strandet und plötzlich ohne Geld und Obdach dasteht. "Die Welt ist ein Dorf geworden, und wir sind Teil dieses Dorfes. Die Solidarität muss wie ein Tau durch die gesamte Gesellschaft gehen", sagt Küberl. Die wachsende Komplexität dieser Zusammenhänge macht es für die Caritas nicht einfacher, den Solidaritätsgedanken zu beschwören. "Wir haben da schon Einbrüche, das muss man nüchtern feststellen". Für das Zusammenleben sei Solidarität, und zwar auch internationale Solidarität, aber unverzichtbar: "Wir können nur gemeinsam leben, wenn es den anderen auch halbwegs gut geht", sagt Küberl.

"Das Grunddrama ist aber, dass alle, die etwas erworben haben, sofort eine Art Schrebergarten aus ihrem Wohlstand machen, und das gilt für die gesamte Politik, der es am liebsten wäre, die Armen bleiben draußen vor den Toren." Doch heute ist es unklarer als je zuvor, wo diese Tore liegen? An der Landesgrenze? Der EU-Grenze? Im Mittelmeer? Und wieder passt der Satz von der Welt, die zum Dorf geworden ist. Nicht zuletzt deshalb hat Küberl in seiner Amtszeit auch die Auslandshilfe der Caritas intensiviert.

Am 13. November wird die Ära Küberl nach 18 Jahren enden. Dass damals erstmals ein Laie an die Spitze der Caritas kam, war damals nicht selbstverständlich und hat für viele Laien in der katholischen Kirche Motivation bedeutet. Als Direktor in der Steiermark wird Küberl der Caritas aber ohnehin erhalten bleiben.

"Ich bin eh schon ein Fossil", sagt er einigermaßen kokett. "Die Leute, die ich vorgefunden habe, als ich damals gewählt wurde, gibt es alle nicht mehr." Er meint damit wohl vor allem jene, denen er, wie Kardinal Schönborn via "Kathpress" in einer Würdigung formulierte, "auf die Nerven gegangen ist". Und das waren nicht zuletzt Politiker, die während seiner Amtszeit kamen und gingen und sich von Küberl ins Gewissen reden lassen mussten. Vielleicht ist das ja der Grund, weshalb bis auf die Grünen keine einzige Partei auf die Ankündigung seines Rückzugs reagierte.