Zum Hauptinhalt springen

Malaysia: Regierung stützt Islamisten

Von Julia Yeow und Christiane Oelrich

Politik

Gerichtsurteil lässt Muslime auf die Barrikaden steigen. | Können auch Christen zu "Allah" beten? | Kuala Lumpur. (dpa) Brandsätze auf Kirchen, Wurfgeschosse auf Moscheen - Malaysias selbst propagiertes Image als Musterland der Religionsharmonie gerät ins Wanken. Seit das Oberste Gericht einer christlichen Zeitung am Silvestertag den Gebrauch des Wortes "Allah" für Gott erlaubt hat, ist Aufruhr im Land. Neun Kirchen sind schon attackiert worden. "Das ist ein Mangel an Toleranz, das grenzt an Ignoranz", sagt die Bankerin Goh Lee Yin, eine Christin, in der Hauptstadt Kuala Lumpur. "Wenn das ein Vorbote dessen ist, was wir als Minderheit erwarten können, sieht die Zukunft düster aus."


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 14 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Klassengesellschaft

Das Urteil hat radikale Muslime auf den Plan gerufen, die den Streit heraufbeschworen haben. Sie beanspruchen ein Exklusivrecht auf "Allah", auch wenn das Wort nur die arabische Form von "Gott" ist und in arabischen Ländern seit Jahrhunderten auch von Christen und Sikhs benutzt wird. So tat es auch die katholische Zeitung "Herald" in ihrer malaysischen Ausgabe - bis die Behörden dies 2006 plötzlich verboten und mit Lizenzentzug drohten. Es könne die Muslime in ihrem  Glauben verwirren, hieß es. "Es ist unangemessen, den Christen in Malaysia ein Wort zu verbieten, das von Religionen in aller Welt verwendet wird", meint die Hausfrau und Buddhistin Fong Shiau Chen.

Zum Politikum wird der Streit, weil die Regierung sich hinter die Radikalen stellt. Ihr passt es auch nicht, dass Christen zu "Allah" beten können. Sie hat Berufung gegen das Urteil eingelegt. "Das Ganze schürt ernsthafte Fragen über die Zukunft unseres Landes", meint Oppositionspolitiker Lim Kit Siang. "Man hat den Eindruck, dass wir nicht mehr in einer offenen und freien Gesellschaft leben."

Den Eindruck haben viele Malaysier schon lange. Verfassung und Gesetze sorgen - trotz Religionsfreiheit - für eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Laut Verfassung sind alle Malaien - die Ureinwohner der Halbinsel, auf der der Großteil Malaysias liegt - von Geburt an Muslime. Das sind rund 60 Prozent der 28 Millionen Einwohner. Für sie reserviert das Gesetz einen Prozentsatz der Regierungsaufträge, der Studienplätze, bestimmte Posten in Verwaltung und Wirtschaft und die meisten Stipendien.

Mit diesen Privilegien wollte die seit der Unabhängigkeit 1957 regierende Koalition den Malaien nach Rassenunruhen in den 60er Jahren helfen, zu den wirtschaftlich erfolgreicheren Nachfahren eingewanderter Chinesen und Inder aufzuschließen. Nach 40 Jahren ist der Erfolg mäßig. Im Wahlkampf 2008 wurde erstmals richtig Unmut über die Diskriminierung laut.

Von einer schleichenden Islamisierung spricht die malaysische Sozialwissenschafterin Maznah Mohamad. Für Muslime gilt das islamische Gesetz der Scharia. "Nach Iran und Saudi-Arabien hat Malaysia wahrscheinlich das umfangreichste Scharia-Gerichtswesen der Welt", schrieb sie. Die 40 Prozent der Nicht-Muslime fühlten sich mehr und mehr marginalisiert. Aus Sorge vor Stimmenverlusten wende die Koalition eine bewährte Taktik an: "Sie tut so, als würde der Islam von Ungläubigen bedroht, und schreitet dann als edler Retter der bedrohten muslimischen Gemeinschaft ein."

Akte der Solidarität

Im Alltagsleben berichten Christen und Muslime noch von Solidaritätsaktionen. Muslimische Jugendgruppen haben Schutzpatrouillen für Kirchen angeboten. Die durch Brandsätze am schwersten getroffene Kirche "Metro Tabernacle" in Kuala Lumpur hat zu Vergebung aufgerufen. "Wir beten, das aus dieser Sache etwas Gutes herauskommt", meint Gemeindemitglied Joanna Loy. Oppositionspolitiker Lim sieht die Gefahr, dass Hitzköpfe die Situation ausnutzen. Wie ein Schreiber, der im Internet zu Vergeltung aufgerufen hat: "Diese Attacken auf Kirchen hören nicht auf, bis es Rache gibt", schreibt er. "Erst, wenn auch Moscheen brennen, schreitet die Polizei ein."