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"Man fightet an der Gitarre"

Von David Sarkar

Reflexionen
Diknu Schneeberger mit seinem Instrument.
© diknuschneeberger.com

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"Wiener Zeitung": Herr Schneeberger, vor zehn Jahren hatten Sie im Alter von 14 Ihren ersten gefeierten Auftritt als Jazz-Gitarrist, zusammen mit Ihrem Vater Joschi am Kontrabass. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Diknu Schneeberger: Das hat Spaß gemacht. Viele Verwandte waren bei diesem Konzert dabei und haben sich über mein Spiel gefreut. Leider ist direkt am Anfang eine Gitarrensaite gerissen, aber dann habe ich einfach mit fünf Saiten weitergespielt. Das ging auch. (lacht)

Waren Sie aufgeregt?

Wirklich aufgeregt bin ich bis heute nicht. Wenn ich die Gitarre in der Hand habe, läuft es irgendwie. Schwierig wird es für mich eher, wenn ich vor vielen Leuten reden muss. Das mache ich ungerne. Deshalb halte ich die Ansagen zwischen den Liedern auch immer sehr kurz.

Sie wurden bereits nach wenigen Auftritten gefeiert, standen sehr früh im Rampenlicht. Ging das damals zu schnell?

Ja, das würde ich schon sagen. Auf der anderen Seite wollte ich immer großen Erfolg haben, weil ich dachte, dass das Leben dann perfekt ist. Doch Erfolg ist nur eine große Illusion. Anerkennung macht nicht zwangsläufig glücklich. Das habe ich in den letzten Jahren gemerkt und mich deshalb dem Buddhismus zugewandt. Ich war einfach erschöpft von all dem Trubel. Im Buddhismus habe ich einen Ausweg gesucht, durch den Weg nach innen.

Und hat das funktioniert?

Ich lebe nun viel bewusster. Ich bin meditativer geworden, ruhiger und achtsamer. Das spiegelt sich auch in meiner Musik wieder. Ich spiele heute viel gelassener. Die Musik ist ja sowieso nur ein Spiegel deiner selbst. Als ich früher launisch war, hat sich auch meine Musik nicht gut angehört. Aber auch das wird immer besser. Heute setze ich mich auch auf die Bühne, wenn es mir schlecht geht. Die Gitarre schafft es, dass ich mich wieder gut fühle.

Sie werden oft als "Jahrhunderttalent" bezeichnet. Ist das für Sie eher Fluch oder Segen?

Beides. Diese Bezeichnung kann eine Chance sein, aber auch eine Blockade. Wenn die Leute dich "Supertalent" oder "Star" nennen, kannst du eingebildet werden, dann ist es eine Blockade. Oder du siehst das Ganze einfach als Antrieb, als eine große Möglichkeit. So wie eine Leiter, die dir zur Verfügung gestellt wird, auf der du hochklettern kannst. Ich bin diese Leiter hochgeklettert und wieder hinunter.

Sie haben einmal in einem Interview gesagt: "Die Leute können mit dir alles machen. Entweder sagen sie, du bist ein Arschloch. Dann wirst du im KZ verbrannt. Oder sie heben dich auf die Bühne - dann bist du ihr Gott. . ."

Ja, so ist es ja auch. Wenn du Talent hast und auf der Bühne stehst, wirst du gelobt. Aber wenn du kein Talent hast, Zigeuner bist und zufällig Zweiter Weltkrieg ist, dann wirst du verbrannt. Du bist der öffentlichen Meinung ausgeliefert. Ich habe mir all diese Bezeichnungen ja nicht ausgesucht. Du kannst nicht beeinflussen, was die Leute über dich sagen.

Gemeinsam mit Ihrem Vater und Ihrem früheren Gitarrenlehrer Martin Spitzer sind Sie seit vielen Jahren als "Diknu Schneeberger Trio" in Europa unterwegs. Wie funktionieren Sie als Trio?

Wir sind eine super tolle Organisation und eine Freunde-Firma. Auf der einen Seite sind wir hochprofessionell, auf der anderen Seite einfach Kumpel. Jeder hat seine Aufgabe und weiß, was zu tun ist. Selbst beim Autofahren wechseln wir uns ab.

Wenn Sie mit Ihrem Vater auf der Bühne stehen - ist er dann mehr Vater oder Bandkollege?

Das ist eine schwierige Frage. Am Anfang habe ich mich sehr schwer damit getan. Ich wusste nicht, ob mir auf der Bühne mein Vater, mein Freund, mein Bandkollege oder mein Konkurrent gegenüber steht. Mittlerweile kriegen wir das beide gut hin, indem wir einfach nur zwei Menschen sind. Erst danach kommt Vater, Kollege und Freund.

Wie viele Stunden am Tag üben Sie heute?

Früher war ich ein Extremist. Ich habe zwölf Stunden am Tag gespielt und nichts anderes mehr gemacht. Mittlerweile habe ich die Lust am Üben verloren. Heute macht es mir nur noch Spaß, gemeinsam mit anderen Menschen Musik zu machen. Die Theorie bringt dir auf der Bühne wenig.

Mit 16 wurden Sie am Wiener Musikkonservatorium aufgenommen, obwohl das erst ab 18 möglich ist. Nach drei Jahren haben Sie die Ausbildung abgebrochen - warum?

Ich war überfordert. Die Ausbildung war mir viel zu intellektuell. Du musst viel über Musik nachdenken, sie analysieren und bis ins letzte Detail auseinandernehmen. Damit konnte ich nichts anfangen. Ich war immer schon ein Gefühlsmensch. Heute könnte ich diese Ausbildung sicher besser angehen. Ich habe mich damals auch nur beworben, um einen Abschluss zu haben. Den habe ich jetzt nicht - und bin immer noch am Leben. (lacht)

Wie hat Ihr Vater auf Ihre Entscheidung reagiert?

Meine Eltern waren zunächst dagegen. Das Konservatorium abzubrechen war für sie ein Tabu. Sie haben mir gesagt, dass ich durchhalten solle und die Unzufriedenheit schon verschwinden werde, aber so war es nicht. Ich war von Anfang an unzufrieden. Ich habe dort auch nichts gelernt. Irgendwann hat es dann auch mein Vater kapiert, dass ich dort nicht glücklich werden kann.

Sie haben die Teenagerzeit größtenteils an der Seite Ihres Vaters auf der Bühne verbracht. Haben Sie das Gefühl, in Ihrer Jugend etwas verpasst zu haben?

Eigentlich nicht. Bevor ich mit der Musik anfing, hatte ich ununterbrochen mit jungen Menschen zu tun und habe mich ausgetobt. Während der Musikzeit waren dann eher ältere Menschen um mich herum, aber das habe ich auch gewollt. Dadurch habe ich nichts verpasst. Jetzt merke ich aber, dass ich zunehmend wieder mit Jüngeren in Kontakt komme.

Ich stelle es mir schwierig vor, einen Freundeskreis über die Jahre zu halten, wenn man ständig unterwegs ist . . .?

Ja, das stimmt. Es ist mir über die Jahre nicht gelungen, einen Freundeskreis aufrechtzuerhalten. Immer wenn meine Freunde am Wochenende frei hatten, stand ich auf der Bühne. Freunde zu finden und zu halten war seit dem 16. Lebensjahr immer ein großes Defizit. Aber jetzt bin ich wieder dabei, Freundschaften aufzubauen. Ein großer Cliquenmensch war ich aber sowieso nie.

Wie wichtig ist der Kontakt zu den Fans?

Wenn mich jemand etwas fragt, antworte ich gerne. Viele Leute schreiben sehr nette Dinge unter unsere Videos. Darüber freue ich mich. Ohne Youtube könnten wir kaum auf uns aufmerksam machen, da wir mit Gypsy-Jazz in den Massenmedien kaum vorkommen.

Glauben Sie, dass sich das eines Tages ändern wird?

In den vergangenen Jahren hat sich unser Bekanntheitsgrad schon sehr gesteigert, aber ich glaube nicht, dass kommerzielle Radiosender jemals unsere Musik spielen werden. Das liegt vor allem daran, dass Gypsy-Jazz traditionell keinen Gesang hat.

Auf dem Album "Friends" von 2012 sind auch Violine, Klarinette und Mundharmonika zu hören. Neben Gypsy-Sounds spielt ihr lateinamerikanische Klänge und Songs von den Beatles. Muss Gypsy-Jazz solche Einflüsse aufnehmen, um attraktiv zu bleiben?

Müssen vielleicht nicht unbedingt, aber wir machen das sehr gerne. Wir wollen nicht nur die Musik der 1930er Jahre spielen, sondern auch experimentieren. Dadurch können sehr interessante Songs entstehen, die das Publikum begeistern.

Ihre Musik ist inspiriert durch Django Reinhardt, der in den 30er Jahren die traditionelle Musik der Roma mit Jazz und französischen Walzern mischte. Ist Reinhardt bis heute der beste Gypsy-Gitarrist aller Zeiten?

Auf jeden Fall. Er ist der Größte, weil er das alles erschaffen hat. Er hatte eine große Individualität und einen ganz eigenen Stil. Der ist bis heute unerreicht. Django spielte einfach Django. Wenn ein anderer Django spielt, ist er nur eine Kopie. Ich spiele viele seiner Songs bis heute, aber ich werde ihn nie erreichen können.

Sie sagen, Django Reinhardt sei bis heute unerreicht. Wie ist das möglich? Reinhardt hatte ja nach einem Unfall nicht alle Finger zur Verfügung - trotzdem kommt heute niemand mit gesunden Fingern an ihn heran?

Ja. Aber es geht hier nicht nur um einen Wettbewerb. Django spielte bloß mit Zeige- und Ringfinger. Das ist unglaublich. Er war ein Virtuose. Er muss der ehrgeizigste Mensch der Welt gewesen sein. Was Django aber wirklich ausmacht, ist zweifellos seine Musikalität. Er ist deshalb unerreicht, weil er viele positive Qualitäten in Harmonie gebracht hat. Seine Spontaneität, seine Leidenschaft, sein Schöpfergeist. Er hatte eine entwickelte Seele.

Welche Rolle spielt der Wettbewerb unter Gypsy-Swing-Gitarristen? Wird stets Ausschau gehalten, wer der fingerfertigste und schnellste Gitarrist ist?

Ja, das ist schon so. Mittlerweile weiß ich auch wieso. Natürlich will sich der Mensch mit anderen messen. Der Mensch möchte siegen, nicht verlieren. Und Gypsy-Swing fordert die Finger vieler Gitarristen heraus. Durch die Musik kann man seine Gefühle ausleben, man muss sie nicht unterdrücken. Deswegen fightet man sehr gerne an der Gitarre. Für viele Gitarristen ist Gypsy-Swing ein Kampfsport-Ersatz. Wenn man diesen Wettbewerb nicht zu ernst nimmt, kann es großen Spaß machen, gegeneinander zu spielen.

David Sarkar studiert Germanistik und Politische Wissenschaft an der Leibniz Universität Hannover und schreibt Interviews und Reportagen für diverse Zeitungen und Magazine.

Diknu Schneeberger, geboren 1990 in Wien, ist Gitarrist in der Tradition des Gypsy Jazz. Sohn des Jazz-Bassisten Joschi Schneeberger, hatte er im Juni 2004 seinen ersten öffentlichen Auftritt; im Oktober 2004 spielte er seine erste CD mit dem Joschi Schneeberger Quintett ein. Zusammen mit dem Gitarristen Martin Spitzer und seinem Vater Joschi am Bass bildet er das Diknu Schneeberger Trio, von dem es drei Alben gibt (zuletzt "Friends", 2012).

2006 erhielt Diknu den "Hans Koller Preis" als "Talent des Jahres".