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"Man hatte den Eindruck, da draußen herrschte Krieg"

Von Judith Kormann

Politik

Nachdem eine Serie von Anschlägen die französische Hauptstadt erschüttert hat, herrscht in Paris Entsetzen und Fassungslosigkeit.


Paris. Kerzen brennen an der Ecke des Boulevard Richard-Lenoir und der Rue Oberkampf im 11. Arrondissement, mitten in Paris. Daneben haben Menschen Blumen niedergelegt. Der Teil des Boulevards, in dem sich der Konzertsaal Bataclan befindet, ist abgesperrt. Mehrere Polizeiautos stehen davor. Hier haben sich einige Menschen eingefunden. Ihre Gesichter sind ernst, fassungslos. Sie versuchen zu begreifen, was hier in der Nacht zuvor passiert ist.

Es war etwa 21Uhr 30, als es am Freitagabend an mindestens sechs verschiedenen Orten in Paris zu Schießereien und Explosionen kam. Die Gegend nahe des Stade de France, im Norden der Stadt, wo das Fußball-Länderspiel Deutschland gegen Frankreich stattfand, wurde von drei Explosionen erschüttert. Fast zeitgleich stürmten schwer bewaffnete Angreifer die Konzerthalle Bataclan im Stadtzentrum, schossen wahllos in die Menge und töteten mindestens 87 Menschen. Einige der Besucher konnten in das Attitude Café, ein Stück die Straße hinunter, fliehen. "Die Menschen hatten Schusswunden, überall war Blut", erzählte der Barmann mit bitterer Stimme.
Auch in zwei Restaurants nahe des Place de la République, sowie etwas weiter südlich in der Rue de Charonne und in der Brasserie Comptoire Voltaire eröffneten Angreifer das Feuer.

"Was passiert ist erscheint mir komplett irreal, ich fühle mich einfach machtlos", sagt der 20-jährige Tancredé. "Ich war im Sommer öfters mit Freunden im Batalcan, das war das erste, woran ich gestern denken musste." Gemeinsam mit seinem Bruder Alban legt er einen Blumenstrauß an der Absperrung am Boulevard Richard-Lenoir nieder. "Bekannte von mir waren gestern im Bataclan, sie konnten sich in einer Bar in der Nähe in Sicherheit bringen", erzählt Alban. "Auch wenn wir heute noch die Angst im Hinterkopf behalten, es war uns ein Anliegen, herzukommen, unser Mitgefühl mit den Angehörigen der Opfer auszudrücken und Einigkeit zeigen", fährt er fort.

Am Tag nach den Anschlägen steht die Stadt unter Schock. Staatspräsident François Hollande hatte kurz nach den Ereignissen den Ausnahmezustand ausgerufen und die Pariser dazu aufgefordert, vorerst zu Hause zu bleiben. Zwar sind am Samstag Nachmittag einige Menschen auf den Straßen, allerdings viel weniger als gewöhnlich. Auch die sonst am Wochenende stets vollen Metros sind so gut wie leer. Immer wieder ertönen auf der Straße Polizeisirenen. Die meisten Bekleidungsgeschäfte haben geschlossen, geöffnet sind hauptsächlich Lebensmittelläden, Bars und Boulangerien. Auch vor dem Ratshaus des 11. Arrondissements liegen Blumen. Dort wurde eine Stelle zur psychologischen Erstbetreuung eingerichtet.

Ein Stück weiter den Boulevard Richard-Lenoir hinunter, auf der anderen Straßenseite auf Höhe des Batalclans, blickt Teixeira Cabral fassungslos auf die Konzerthalle. "Ich habe zwei große Anschläge in Paris miterlebt, 1981 und 1995, aber was gestern passiert ist, war mit Abstand das Schlimmste", stammelt die 53-Jährige. "So habe ich die Stadt noch nie gesehen. Als ich nachts nach Hause gekommen bin, ist mir meine 11-jährige Tochter in die Arme gefallen und hat gerufen: 'Zum Glück bist du am Leben!' Ich habe jetzt Angst, um mein Leben und vor allem um das meiner Kinder.""Es hat keinen Sinn, sich zu fürchten", widerspricht Doukas Constantin, der sein Rad den Boulevard entlang schiebt. "Wir müssen lernen, uns besser zu schützen".

Auch am anderen Ende der Absperrung, an der Kreuzung des Boulevard Richard-Lenoir und des Boulevards Voltaire haben sich mehrere Menschen versammelt. "Es ist genau vor meiner Haustür passiert", sagt Sheherazade Bahri und deutet auf das Gebäude an der Kreuzung. Die Künstlerin steht in Schlafanzug und Hausschuhen auf der Straße und starrt hinüber zur Konzerthalle. "Gegen 22 Uhr habe ich gestern draußen Krach gehört, aber ich habe natürlich nicht gleich realisiert, was los war. Dann hörte ich Polizei-Sirenen. Durch das Fenster sah ich Einsatzfahrzeuge, Menschen rannten davon und schrieen", erzählt Bahri, "Man hatte den Eindruck, da draußen herrschte Krieg."

Am Place de la République haben sich vom späten Nachmittag an zahlreiche Menschen eingefunden - trotz des Versammlungsverbots, die Polizeipräfektur bis 19. November verhängt hat. Am Fuße der Mariannen-Statue zünden sie Kerzen an, bis spät in die Nacht hinein. Szenen, die an die Solidaritätsbekundungen nach dem Anschlag auf die Satirezeitung Charlie Hebdo im vergangenen Januar erinnern.

Unterdessen warten noch immer hunderte Menschen auf Neuigkeiten von ihren Angehörigen. Unter #rechercheParis posten sie auf Twitter und Facebook Fotos und eine kurze Beschreibung der Vermissten, in der Hoffnung, mehr über deren Verblieben herauszufinden.