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"Man lernt, die Müdigkeit zu überwinden"

Von Alexa Jirez

Wirtschaft
Traumberuf mit Schattenseiten: Turnusärzte sind oft überlastet. Foto: stock.xchng

Lokalaugenschein der "Wiener Zeitung" | im Spital. | 25 Stunden Dienst keine Seltenheit. | Wien. Hier ist nicht der "Emergency Room". Vor der Urologieambulanz der Rudolfstiftung im 3. Bezirk sitzen einige Männer auf grauen Plastiksesseln und nützen die Wartezeit für einen kleinen Imbiss. Vor der Tür zur Gynäkologie geht eine junge Mutter mit Kind auf und ab. Ein Rettungsteam führt eine alte Frau im Rollstuhl durch die Gänge, die Reifen quietschen auf dem Plastikboden - das lauteste Geräusch in den vergangenen Minuten.


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Keine Sirenen, keine aufgescheuchten Ärzte, die Tragbahren hinterherlaufen und am Fließband Leben retten. So beschaulich geht es aber längst nicht jeden Tag zu, weiß Turnusarzt Thomas Agnese. Er ist Vertreter der Ärztekammer und mit den Arbeitsbedingungen der Turnusärzte nicht immer glücklich.

Besonders in der Urlaubszeit kann es zu einer "angespannten Arbeitssituation kommen", erklärt Agnese. Für Engpässe, die durch Krankenstände oder Urlaube entstehen, würde er sich "mehr Pufferpersonal" wünschen, aber "es ist klar, dass das auch eine Geldfrage ist".

"Tatsächlich ist es so, dass Turnusärzte, die im Dienst der Gemeinde Wien stehen - also vom Krankenanstaltenverbund (KAV) eingestellt werden - keine unbezahlten Überstunden machen und auch nicht mehr arbeiten, als der Gesetzgeber vorsieht", weiß Silvia Türk, Verantwortliche für die Ausbildung der Turnusärzte im KAV. Die gesetzlich erlaubte Höchstarbeitszeit beträgt aber immerhin 72 Wochenstunden. "60 Stunden pro Woche sind Durchschnitt" meint Agnese. Auch 25Stunden-Schichten sind keineswegs die Ausnahme.

Beruf wie kein anderer

"Diesen Beruf kann man mit keinem vergleichen, es gibt sonst keinen Beruf, wo jede Handlung derartige Konsequenzen hat" erzählt der Turnusarzt im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Die langen Dienste haben aber auch Vorteile: "Bei jeder Dienstübergabe geht Wissen verloren, im Sinne der Kontinuität ist es schon sinnvoll, wenn ein Arzt einen Patienten über einen längeren Zeitraum beobachten kann", glaubt Agnese.

Aber ist es nach 20 Stunden Wachzustand noch möglich, konzentriert zu arbeiten? "Man lernt, die Müdigkeit zu überwinden, der momentane Stress lässt einen von einer Minute auf die andere wach werden", berichtet der Arzt. Der erste Nachtdienst ist für junge Turnusärzte eine echte Bewährungsprobe: Erstmals ist ein Turnusarzt allein für Patienten verantwortlich - obwohl der KAV in Sachen Ausbildung einiges investiert hat und es ein strukturiertes Programm und einen Leitfaden für junge Ärzte gibt.

Agnese erinnert sich an seine ersten Nachtdienste: "Bei jedem Telefonläuten hatte ich am Anfang Bauchweh - man weiß nie, ob das jetzt eine Kleinigkeit ist oder ein Notfall - und manchmal geht das wirklich 25 Stunden so."

Hört man sich im Krankenhausmilieu ein wenig um, erfährt man, dass Müdigkeit auch zu Fehlern führt. "Es passiert schon, dass übermüdete Ärzte sich bei der Dosierung vertun", erzählt eine Krankenschwester.

Traumberuf Arzt

Trotz der schwierigen Arbeitsbedingungen ist der Andrang auf das Medizinstudium ungebrochen. "Das liegt auch am hohen Sozialprestige des Berufes", glaubt Türk. Auf die Frage, warum sie Mediziner werden wollen, antworten viele Jungärzte mit "ich will Geld verdienen" oder "weil ich Menschen helfen will". "Beides sind keine guten Gründe", meint Türk. "Mediziner ist in erster Linie ein wissenschaftlicher Beruf, es braucht Begeisterung für Naturwissenschaften, soziale Kompetenz - und man sollte Menschen mögen." Aber auch enorme Belastbarkeit ist nötig.