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"Man muß alles untersuchen"

Von Edith Grünwald

Politik

Der Gründer des Jüdischen Dokumentationszentrums für die Opfer des Nationalsozialismus, Simon Wiesenthal, ist von der Notwendigkeit von Nachforschungen über die wirtschaftliche Ausbeutung, den | Raub von Gütern der Holocaust-Opfer und über die Profite durch Zwangsarbeit überzeugt. "Man muß alles untersuchen · aus historischen Gründen", sagte Wiesenthal im Gespräch mit der APA.


"Die Geschichte des Leids der Juden ist auch die österreichische Geschichte". Der 90jährige Überlebende des Holocaust bedauert, daß diese Untersuchungen erst jetzt erfolgen: "Es ist sehr

spät · die Leute, die etwas bekommen sollten, sterben jeden Tag". Die mit Banken und Unternehmen vereinbarten Entschädigungssummen sollten zum Großteil direkt denen zugutekommen, die persönlich unter

der Nazi-Verfolgung gelitten haben. Die meisten davon seien aber schon gestorben, auch gebe es in Österreich kaum Namenslisten von Opfern, beklagt Wiesenthal. Schon im November 1946 habe er als neuge

wählter Vorsitzender des Bundes jüdischer Verfolgter des Nazi-Regimes Briefe an österreichische Firmen geschrieben, die Zwangsarbeiter beschäftigt hatten. Damals seien diese Unternehmen nicht

bereit gewesen, den Menschen ihre Leistungen zu entgelten. "Niemand wollte damals bezahlen".

Wiesenthal war selbst als Zwangsarbeiter bei der Ostbahn-Ausbesserung eingesetzt. "Wir waren damals 300 Leute in einer Gruppe · heute lebe nur mehr ich". Seine Versuche, andere Leidensgenossen

aufzutreiben, seien erfolglos geblieben. Bei der ganzen Ostbahn waren 20.000 Juden als Zwangsarbeiter eingesetzt, von denen viele die Torturen nicht überlebten. Auch viele österreichische

Firmen arbeiteten in den besetzten Ost-Gebieten und bekamen Zwangsarbeiter zugewiesen. "Wenn man sie umgebracht hat, haben sie neue bekommen", erzählt Wiesenthal bitter.

In Wien seien 70.000 Wohnungen von geflüchteten und ermordeten Juden von den Nazis geplündert worden. Der Rest des Mobiliars wurde im Dorotheum versteigert, schildert Wiesenthal. Auf seine

Nachforschungen hin habe das Dorotheum erklärt, Kataloge seien nur bis zum Jahr 1938 vorhanden. "Ich weiß nicht, ob das stimmt und will sie nicht beschuldigen", meinte Wiesenthal. Trotzdem sollten

auch hier Nachforschungen unternommen werden.

Auch der Vatikan sollte seine Archive öffnen, appellierte Wiesenthal, um die Rolle der Katholischen Kirche während des Nationalsozialismus offenzulegen. Die christlichen Antisemiten hätten

etwas vergessen, betont Wiesenthal: "Ohne Judentum gibt es kein Christentum". Offiziell hätten Päpste falsche Vorwürfe wie "Hostienschändung" oder "Ritualmord" verurteilt, doch wurden "tausende

Unschuldige umgebracht wegen etwas, was nie geschehen ist".

Der Kampf gegen das Vergessen und für Gerechtigkeit ist für Simon Wiesenthal, der vergangenen Silvester seinen 90. Geburtstag feierte, zum Lebenswerk geworden. Von den Nazis wurde er in zwölf

Konzentrationslager gesperrt, doch Wiesenthal überlebte. Seit seiner Befreiung aus dem KZ Mauthausen 1945 widmet er sich der Suche nach Naziverbrechern und gründete das Dokumentationszentrum des

Bundes jüdischer Verfolgter des NS-Regimes. Bis heute hat Wiesenthal mitgeholfen, mehr als 1.100 Fälle vor Gericht zu bringen.