Zum Hauptinhalt springen

"Man muss Mut haben, Uni-Fächer zu streichen"

Von Eva Stanzl und Katharina Schmidt

Politik
Man muss den Mut haben, Studienrichtungen zu schließen oder auszulagern, findet Sonja Hammerschmid.
© Stanislav Jenis

Universitäten-Chefin Sonja Hammerschmid kann sich vorstellen, Studienrichtungen zu schließen oder an FHs auszulagern.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 8 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

"Wiener Zeitung": Heinrich Schmidinger war eher ein ruhiger, besonnener Uniko-Chef; sein Vor-Vorgänger Christoph Badelt umtriebig und fordernd. Wie legen Sie Ihre Amtszeit an?

Sonja Hammerschmid: (lacht) Jeder, der mich ein wenig kennt, weiß, dass ich sehr gerne gestalten will. Dadurch bin ich wahrscheinlich eher auf der Seite von Badelt anzusiedeln. Ich will unbedingt, dass wir in der Hochschulpolitik und gerade in den Finanzierungsfragen einen großen Schritt weiterkommen.

Sie sind die erste Frau an der Spitze der Uniko. In Ihrer ersten Rede als Rektorin der Veterinärmedizinischen Universität meinten Sie, dass sich Quoten erübrigen, wenn Mädchen von Eltern und Lehrern mehr Selbstvertrauen erhalten . . .

. . . so habe ich es nicht formuliert. Ich habe gesagt, dass das Selbstvertrauen ein wichtiger Punkt ist, damit sich Mädchen Karriereschritte zutrauen. Aber ich habe nicht gesagt, dass sich Quoten erübrigen. Wenn wir uns anschauen, was sich ohne Quoten bewegt, sehen wir schnell: nicht viel. Durch die Quotenregelung im Universitätsgesetz hat sich binnen zehn Jahren das Blatt gewendet, wir haben alle Gremien paritätisch besetzt, das ist selbstverständlich geworden. Ich bin kein Fan der Quote, das stimmt schon, aber ich halte sie für eine ganz wichtige Erste-Hilfe-Maßnahme. Derzeit bewerben sich kaum Frauen für Spitzenpositionen, obwohl zwischenzeitlich mehr Frauen ein Studium abschließen als Männer.

Wie ist das an der VetMed?

(lacht) Bei uns ist das ein bisserl anders. Wir haben 80 Prozent weibliche Studierende, allerdings sinkt der Frauenanteil ab der PhD-Arbeit. Bei der Habilitation sind wir auf 50:50 und bei den Professoren haben wir viel zu tun. Wenn wir Professuren ausschreiben, ist hier intensives internationales Headhunting angesagt, damit wir Bewerbungen von Frauen erhalten.

Die Unis beklagen stets die schlechte Finanzierung. Nun kann man sich immer mehr Geld wünschen. Aber werden die vorhandenen Mittel effizient eingesetzt?

Man kann immer etwas verbessern, aber mit Blick auf die Zahlen seit Inkrafttreten der Autonomie 2004 haben wir eine enorme Effizienzsteigerung geschafft. Zwischen 2008 und 2014 sind die Studierendenzahlen um 25 Prozent gestiegen, das hat sich im Budget nicht adäquat niedergeschlagen. Von 2007 bis 2013 haben wir die Drittmittel von insgesamt 400 auf 600 Millionen Euro jährlich gehoben. Wir haben unsere Hausaufgaben also sehr wohl gemacht. Jeder von uns versucht, seine Mittel effizient und bestmöglich einzusetzen, weil das Ressourcen für unsere Kernanliegen, die Wissenschaft und Forschung, freispielt. Aber natürlich müssen wir danach trachten, besser, effizienter und schneller zu werden. Wir brauchen eine kapazitätsorientierte Studienplatzfinanzierung. Das wäre ein faires, transparentes, nachhaltig planbares System. Denn es ist fahrlässig, im Dreijahres-Rhythmus nicht zu wissen, wie es mit Studierenden und Mitarbeitern weitergeht.

Woran liegt das, dass das immer noch nicht umgesetzt ist?

Am Budget und an unzureichenden Zugangsregeln. Die Zugangsregelungen in der Medizin funktionieren, unsere Studierenden schließen zu einem Großteil in einer vernünftigen Zeit ab und haben Betreuungsverhältnisse, die eine gute Ausbildung gewährleisten. In anderen Studienrichtungen, selbst dort, wo in den vergangenen Jahren Zugangsregelungen eingeführt wurden, passt das nicht. Dort hat man einfach den Durchschnitt an Studienanfängern der letzten drei Jahre als Obergrenze definiert - nicht reflektierend, welche Kapazitäten dahinterstehen - eine Augenauswischerei.

Auf der anderen Seite sagt Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner den Unis eine Mittelerhöhung um 615 Millionen Euro bis 2018 zu - mit den Worten: "Mehr Spielraum war nicht da."

Das glaube ich ihm. Er war ganz neu im Amt. Wir anerkennen, dass ihm das gelungen ist. Wenn man aber Betreuungsverhältnisse anlegt, die sich an internationalen Benchmarks orientieren - er selbst strebt laut Gesamtentwicklungsplan eine Quote von einem Lehrenden auf 40 Studierende an -, dann reden wir ganz schnell von ganz viel Geld. In der Uniko rechnen wir gerade belastbare Zahlen aus, wie viel die Studienplatzfinanzierung kosten wird. Das Ministerium spricht von zumindest 400 Millionen Euro im Jahr.

Forschungsratsvorsitzender Hannes Androsch bezifferte den Bedarf jüngst sogar mit 2 Milliarden Euro.

In dieser Summe ist aber unter anderem auch der FWF dabei. Der muss auch besser ausgestattet werden, das sind unsere Mittel für die Grundlagenforschung. Derzeit liegt die Zuschlagsquote bei 10 oder 15 Prozent, das ist ein Wahnsinn. Wir erleben immer wieder, dass perfekt begutachtete Projekte nicht finanziert werden können. Das ist eine unglaubliche Frustration für unsere Forscher und schwächt uns immens in der Berufungspolitik. Die besten Köpfe können es sich aussuchen und folgen besseren Angeboten wie etwa aus der Schweiz oder aus Deutschland.

Müsste sich das Angebot der Unis nicht stärker an den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts orientieren? Warum streichen wir, böse gesagt, nicht die "Orchideenfächer"?

Das ist immer so ein Schnellschuss. Hätte jemand je gedacht, dass man Lehrstühle für Islamistik brauchen wird? Sich am Arbeitsmarkt zu orientieren, ist wichtig, aber nicht alleiniges Kriterium. Wir brauchen die Expertisen aus Kunst, Kultur und Geisteswissenschaften für die großen gesellschaftlichen Fragestellungen dringender denn je. Das andere ist: Ich kann eine Studienrichtung schließen, aber ich habe mit dem Kollektivvertrag und Beamtendienstrecht keine Handhabe, das dazugehörige Personal, also die Professoren, zu versetzen beziehungsweise zu kündigen.

Wo sehen Sie innovative Lösungen?

Wir können im Zuge der Autonomie überlegen, was wir ausbauen, halten oder schließen wollen. Den Mut muss man haben. Aber wir müssen den Prozess sehr gewissenhaft machen und genau evaluieren, was ins Portfolio passt und was man vielleicht an die Fachhochschulen übertragen kann. Derzeit gibt es eine Annäherung der FHs an die Unis anstatt der notwendigen Differenzierung. Die Kernaufgabe der Universitäten ist es, forschungsgeleitet zu lehren, darum beanspruchen wir auch das Promotionsrecht für uns.

Aber es kann sein, dass Studienrichtungen ausgelagert oder geschlossen werden?

Ja, das kann ein Ergebnis sein, mit allen Konsequenzen. Nur: Wenn wir Fächergruppe A zu den FHs übertragen, können wir nur versuchen, das Personal zu motivieren, mitzugehen. Ob uns das gelingt, ist eine andere Frage - im beamteten Bereich sicher nicht.

Die Qualität einer Universität wird über Rankings gemessen, die sich an der Zahl der Publikationen orientieren. Sind solche Rankings ein gutes Messinstrument für Qualität?

Als Faktoren für die Rankings werden nicht nur die Publikationen herangezogen, es geht oft auch um Drittmitteleinwerbungen und Betreuungsverhältnisse. Ganz oft sind es Letztere, die uns in den Rankings ins Abseits schießen. Aber für die Weiterentwicklung sind Rankings ein Anreizsystem. Publikationen sind weniger ein Problem bei Rankings als für die alleinige Messung des Karrierefortschritts. Wenn wir Stellen ausschreiben, orientieren wir uns an der wissenschaftlichen Leistung, wo der Indikator notgedrungen - mangels anderer - die Publikation ist. Daneben ist die Drittmitteleinwerbung ein Faktor, bei uns an der VetMed auch die Führungserfahrung, aber wir diskutieren immer wieder darüber, wie wir Performance adäquat messen können.

Es heißt immer, dass dem Auftrag der freien Forschung und Lehre an einer Uni wirtschaftliche Interessen gegenüberstehen. Sehen Sie da auch ein Spannungsverhältnis?

Ich sehe das gar nicht. Es braucht beides. Es braucht die völlige Freiheit der Grundlagenforschung unter Einhaltung aller ethischen Bestimmungen. Und es braucht die angewandte Forschung, die immer näher am Produkt, am sogenannten Nutzen, ist. Wenn wir in der Grundlagenforschung Ansätze für neue Medikamente und Therapieformen entwickeln, wäre es ein Wahnsinn, das Wissen nicht der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen. Es ist aber nicht unser Auftrag, fertige Produkte zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Das ist die Kernkompetenz der Industrie. Wir können nur Nutzen stiften, indem wir der Gesellschaft Lösungen anbieten. Ich würde mir wünschen, dass unsere Wissenschafter auch von der Politik mehr nachgefragt werden, und dass man das Know-how abgreift. Aber dazu müssen wir mehr Bewusstsein für das schaffen, was wir leisten können. Denn derzeit werden die Experten von den Politikern oft gar nicht angefragt. Wir haben ein Wertschätzungs- und ein Wahrnehmungsproblem.

Die Medizin-Unis in Wien und Innsbruck haben einen so guten Ruf, dass sich dort Politiker aus aller Welt operieren lassen. Wie können wir auch in anderen Forschungsgebieten so attraktiv werden?

Aber reden Sie uns doch nicht so schlecht. Es gibt Quantenphysiker von Weltruhm in Österreich, wir haben hervorragende Mathematiker, wirklich gute Leute in der Medizin, aber auch in ausgewählten Technologiefeldern oder in der Kunst und Musik. Wir haben so viele Kooperationen mit der Industrie wie nie zuvor, und die Industrie sucht den besten Partner. Es ist unglaublich toll, dass wir es trotz unserer budgetären Herausforderungen immer noch schaffen, in ausgewählten Themen Weltspitze zu sein.

Zur Person Sonja Hammerschmid

Die Molekularbiologin (47) ist seit 2010 Rektorin der Veterinärmedizinischen Universität Wien, davor war sie seit 1999 in der staatlichen Förderbank aws tätig. Seit Jänner 2016 ist Hammerschmid die erste Frau an der Spitze der Universitätenkonferenz (Uniko).