Zum Hauptinhalt springen

Manche Patienten sind eben gleicher ...

Von Christian Ortner

Kommentare

Von einer Zwei-Klassen-Medizin, behauptet Gesundheitsminister Alois Stöger tapfer, "kann keine Rede sein". Na klar, und die Erde ist eine Scheibe, um die sich die Sonne dreht. Wer allen Ernstes behauptet, zwischen dem Kontostand des Patienten und der Qualität der Behandlung im weitesten Sinne gebe es absolut keine Zusammenhang, hat noch nie im Leben eine Arztpraxis von innen gesehen, leidet unter akuter Wahrnehmungsstörung oder ist führender Gesundheitspolitiker in Österreich.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 13 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Denn natürlich macht es bei uns - wie in jedem anderen Land der Welt auch - einen gewissen Unterschied, ob ein Patient Geld, gute Beziehungen oder auch nur eine private Versicherung hat. Ein Gesundheitssystem, in dem dies keine Rolle spielt, gibt es nicht (und wird es wohl nie geben). Dass etwa der manchmal therapeutisch durchaus wichtige Faktor "schneller Operationstermin" unmittelbar mit Geld und Beziehungen korreliert, weisen (nicht nur für Österreich) etliche Studien nach. Daran wird sich nichts Grundsätzliches ändern, solange Ärzte - legitimerweise - auch an einer Optimierung ihrer Einkommenssituation interessiert sind.

Das ist bei realistischer Betrachtung kein allzu großes Unglück, weil hierzulande die medizinische Betreuung der Patienten in der von Stöger verleugneten "zweiten Klasse" nach wie vor recht gut, wenn auch weniger komfortabel ist. Wirklich ärgerlich ist viel eher, wie töricht die Politik die Fiktion von der klassenlosen Medizin zum eigenen Nutzen aufrechterhält. Der Schmäh funktioniert freilich nur solange einigermaßen, als ihn nicht einer der Akteure öffentlich entlarvt - wie nun eine Privatkrankenversicherung, die ganz öffentlich schnellere OP-Termine als in der Holzklasse der gemeinen Krankenkassen verspricht. Da muss der Minister unverzüglich ausrücken, um dem Volk einzuschärfen, dass die Erde eine Scheibe ist, um die sich die Sonne dreht.

Den Preis für die Aufrechterhaltung der Illusion zahlen letztlich genau jene, die vermeintlich von der klassenlosen Medizin profitieren: sozial schwache, eher ungebildete und finanziell minder gut gerüstete Mitbürger. Der einigermaßen erfolgreiche Schmäh von der vermeintlich klassenlosen Medizin vermittelt gerade ihnen den fatalen Eindruck, ein wenig private Vorsorge im Rahmen der Möglichkeiten sei völlig unnötig. Klar, dass in diesen Milieus dann eher der Flat-screen fürs Wohnzimmer angeschafft wird als eine Privatpolizze für den medizinischen Ernstfall (deren Kosten bloß den Ausgaben eines durchschnittlichen Rauchers für Zigaretten entsprächen).

Politisch redlicher wäre, den Menschen die Wahrheit zuzumuten: dass trotz relativ guter medizinischer Normalversorgung zusätzliche Qualität mit Geld erkauft werden kann und deshalb jeder bis zu einem gewissen Grad selbst zu verantworten hat, ob ihm dieser zusätzliche Nutzen ein gewisses Maß an Konsumverzicht in anderen Bereichen des Lebens wert ist. Oder eben nicht. Denn die Wirklichkeit verschwindet bekanntlich nicht, wenn man sie - wie der Herr Gesundheitsminister - einfach bestreitet.