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"Männer haben die Krise produziert"

Von Michael Schmölzer

Politik
"Moralische Keule ist ein Übel": Pölzlbauer. Foto: Newald

Christa Pölzlbauer im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". | "Riskante Aktionen sind Männeraktionen." | "Wiener Zeitung": Es kursiert eine französische Studie, wonach von Frauen geführte Unternehmen in der jetzigen Wirtschaftskrise profitabler arbeiten. Wenn das stimmt, warum?


Christa Pölzlbauer: Frauen können aus ihrer Lebensgeschichte heraus besser haushalten. Diese Wirtschaftskrise ist einfach von den Männer produziert worden. Es ist eine Tatsache, dass Männer die Wirtschaft in den Sand gesetzt haben. Frauen sind es - das kennt man aus der Nachkriegszeit -, die aufbauen. Die riskanten Aktionen sind eher Männeraktionen.

Das heißt: Die mächtigen Männer hinterlassen ein Trümmerfeld und Frauen sind dann die, die das Ganze wieder aufräumen und das liegt in ihrem Wesen begründet?

Nein, das sage ich ganz sicher nicht. Wenn die Rollen umgekehrt wären, wenn Männer die unbezahlte Arbeit leisten müssten, sich um die Kinder kümmern und um die Pflege der Alten, dann wären sie es, die sorgsamer wären. Frauen müssen durch die zusätzliche Arbeitsleistung höllisch aufpassen, dürfen nicht alles auf eine Karte setzen. Ich sehe es als möglichen Rettungsanker, wenn man Frauen in diesem Aufbau mitreden und mithandeln ließe, in den Entscheidungsprozess einbindet.

Die Wirtschaftskrise ist also durch das forsche, männliche, sich durchsetzende Ellbogenprinzip entstanden. Dieses Konzept ist gescheitert und Frauen könnten jetzt an die Hebel der Macht?

Diese Form von neoliberalem Faustrecht hat die ganz Welt zum Beben gebracht, die bebt immer noch. Jeder kreative Mensch würde jetzt fragen, was gibt es da sonst noch? Nur befürchte ich, dass unsere männlichen Politiker hier nicht wirklich ein kreatives Potenzial haben, wenn man sich ansieht, wie sie jetzt schon wieder die hohen Posten besetzen, bin ich pessimistisch.

Warum? In Island ist jetzt im Zuge der Finanzkrise eine Frau an der Regierungsspitze, die immerhin sogar eine lesbische Beziehung offen lebt. Ist das nicht ein positives Signal für Sie?

Das ist eine Ausnahme. Ich glaube, wegen der Wirtschaftskrise werden die verantwortlichen Männer keine Sekunde daran denken, zweitklassige Männer gegen erstklassige Expertinnen auszutauschen. Jene an der Macht werden die Ärmel aufkrempeln und die alten phantasielosen Trampelpfade weiter gehen. Darunter fällt das Füttern der Banken und vor allem der Autobranche.

Wie sieht jetzt der feministische oder frauenbestimmte Weg aus der Krise aus? Keine Bankenstützungen und keine US-Milliarden?

Konkrete Schritte müssen die Experten durchdenken. Eine feministische Forderung ist, dass man hier auch Expertinnen mitreden lässt. Gut wäre auch, wenn gleiche Bezahlung von gleichwertiger Arbeit vorangetrieben wird. Dann haben wir schon eine Armutsreduktion.

Wenn es der Wirtschaft jetzt aber so schlecht geht, wie soll man da die Einkommen ausgleichen? Man kann den Männern ja nichts nehmen, oder? Dann sind vielleicht die Frauen Opfer dieser Wirtschaftskrise?

Dadurch, dass das Geld in die Banken gepumpt wird, fehlt es dem Staat. Die Infrastruktur, die notwendig ist, damit Frauen arbeiten gehen können, wird reduziert. Diese Arbeitsleistung wird wieder in der unbezahlten Frauenarbeit landen. Der ganze Profit und das Weltwirtschaftswachstum ist auf die schlecht bezahlte oder nicht bezahlte Frauenarbeit begründet. Wenn das entlohnt würde, dann wären die Frauen die Multimillionäre.

Glauben Sie, dass sich Anliegen der Geschlechtergleichstellung zu Zeiten der Hochkonjunktur und der niedrigen Arbeitslosigkeit, wie das in den 70ern der Fall war, leichter durchsetzen lassen?

Ja. In den 70er Jahren ist ja auch viel passiert. Es gab erstmals eine Frauenstaatssekretärin. Da hat sich, auch dank Johanna Dohnal enorm viel getan.

Gehen Frauen mit Macht eigentlich anders um als Männer?

Ich glaube, dass bei Frauen, wenn sie ein Problem bearbeiten, nicht der Machttrieb im Vordergrund steht, sondern die Bearbeitung der Sache. Männer benutzen Ellbogen und wollen gut dastehen. Das erwartet die Welt auch von ihnen. Für Frauen ist die Sachorientierung, das gute Produkt viel wichtiger.

Jetzt sind Sie Obfrau eines Dachverbands von ganz verschiedenen Frauenverbänden, von Prostituierten bis ÖVP-Frauen, Katholikinnen und ganz linken, radikalen, kommunistischen Frauen. Wie laufen da die Konflikte und wie führen Sie den ganzen Verein?

Dass es funktioniert, liegt daran, dass ich sie alle unglaublich schätze, alle, ihr Engagement, ihr Können, ihr Wissen, ich habe einen Riesenrespekt vor diesen Frauen.

Ist also Frausein der gemeinsame Nenner? Kann man das so sagen?

Nein, ganz sicher nicht. Der gemeinsame Nenner ist, viele unbearbeitete Probleme lösen zu wollen. Gemeinsam sind wir stark.

Apropos stark: Es gibt beim Bundesheer jetzt schon viele Soldatinnen. Ist Krieg nicht ein Männerhandwerk?

Wenn Frauen Interesse haben an militärischem Tun, warum sollen sie es nicht machen können.

Haben Frauen eigentlich einen andern Zugang zu physischer Gewalt als Männer?

Schwierige Frage. Da kommt wieder die Sozialisation ins Spiel. Wenn ich zärtlich Menschen hege und pflege und das Wachstum begleite, ob ich dann genauso leicht wen erschieße - ich kann es mir nicht vorstellen. Deshalb wäre es wichtig, dass Männer viel mehr Beziehung zu den Kindern entwickeln.

Aber es sind doch eher Männer, die jemanden zu Tode treten oder jemanden erschießen oder misshandeln? Ja natürlich. Das sind ganz alte, primitive Kulturen, wo wirklich nur die Kraft zählt.

Es gibt da diese Bilder aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghraib, wo eine junge Soldatin unbekleidete irakische Männer an einer Hundeleine hinter sich herschleift. Warum tun Frauen so etwas?

Eine Begründung ist, dass diese Frau die Möglichkeit hatte, ihre Aggression in grauslichster Weise auszuleben. Ich glaube nicht, dass Frauen bessere Menschen sind als Männer.

Immer wenn es um Kindergärten geht, hört man den Einwand, dass es dort an Nestwärme fehlt. Brauchen Kinder eine Mutter zuhause?

Natürlich brauchen Kinder Nestwärme, Liebe und Fürsorge. Die können beide Elternteile bieten. Aber mit der moralischen Keule haben die Konservativen und Religionen immer dafür gesorgt, dass sich nichts in Richtung Partnerschaftlichkeit verändert. Das ist für mich die Ursache sehr vielen Übels in Österreich, diese moralische Keule, die wirkt in Österreich perfekt: "Eine ordentliche Frau hat dafür zu sorgen, dass viele Kinder in die Welt gesetzt werden, sie muss ewig zuhause bleiben und dem Mann die Schuhe putzen ..."

Wenn ein Kind von acht Uhr in der Früh bis sechs Uhr abends in der Krippe ist und dann die Eltern das Kind abholen, ist das für Sie ideal?

Diese Kinderkrippen können gut arbeiten, wenn sie klein sind. Es muss eben eine ausreichende Infrastruktur zur Verfügung stehen. Eine in der Krippe Beschäftigte soll sich nicht um zu viele Kleinkinder kümmern müssen. In der kleinen Gruppe ist das wie in einer Großfamilie, das hat man ja heute noch auf manchen Bauernhöfen. Großmütter, Tanten, Onkel, die kreuz und quer das Kleinkind versorgen. Wer hat je geschimpft, dass Kinder in Großfamilien orientierungslos sind oder seelisch gestört wären? Das werden sie nur durch Demütigung und Abwertung.

"Ich befürchte, dass unsere männlichen Politiker hier nicht wirklich ein kreatives Potenzial haben."