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Märchen vom Tod des Martin Smid

Von Beppo Beyerl

Politik

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich am 17. November 1989 die Nachricht, der 19-jährige Mathematikstudent Martin Smid sei von Polizisten totgeprügelt worden.


In zahlreichen eiligst einberufenen Pressekonferenzen wurde empört auf die "Schreckenstat" hingewiesen, in vielen westlichen Medien erschien sie als Top-Meldung. Allerdings: Besagter Martin mid lebt heute noch als 34-Jähriger in Prag. Neben seiner Arbeit als Mathematiker spielt er Querflöte in der von ihm gegründeten Klezmer-Band "Klec".

Dem Journalisten Gerald Schubert vom Prager Rundfunk erzählte Smid von den damaligen Ereignissen: Mit vielen anderen Demonstranten sei er am 17. November durch die Altstadt gezogen, Ziel sei der Prominentenfriedhof auf dem Visehrad gewesen. In der engen Narodni trida sei er dann in die Falle der StP geraten: Vorne und hinten waren die Auswege abgesperrt, durch viele Seitengassen gab es kein Entkommen. Als er in einer Seitengasse ein Loch erblickt habe, sei er mit einigen anderen auf und davon gelaufen, ehe noch die Prügeleien begonnen hätten.

Am nächsten Tag ging mid ins Theater. Dort wurde bereits gestreikt, und Martin mid wurde zum ersten Mal mit dem Gerücht konfrontiert, dass es beim gestrigen Polizeieinsatz einen Toten gegeben hätte. Zu Hause wartete schon sein besorgter Vater, der soeben über "Radio Free Europe" vom Tod seines Sohnes erfahren hatte.

Da die Prager Öffentlichkeit auf die Meldung seines Todes sehr heftig reagiert hatte, musste mid am folgenden Tag im staatlichen Fernsehen seinen Tod dementieren. Da er dabei aber auch den Polizeieinsatz in der Narodni erwähnte, wurde das Interview geschnitten und gekürzt wiedergegeben. Dieses amputierte und noch dazu in schwarz-weiß gesendete Interview wurde von vielen Zusehern als nicht glaubwürdige Finte des Staatsfernsehens betrachtet. Also musste der angeblich tote Martin mid am nächsten Tag noch einmal vor die Kamera, um die nach dem letzten Interview entstandenen Irrtümer zu dementieren.

Hintergründe ungeklärt

Gerätselt wird bis heute über die Motive hinter dieser obskuren Aktion. Soviel ist sicher: Der Staatliche Sicherheitsdienst war involviert. So gibt es eine Aussage des Agenten Ludvik Zifcak vor dem Parlament am 30. März 1990. Er habe, so Ludvik Zifcak, einen von den Sicherheitskräften getöteten Demonstranten gemimt. Und der Auftrag zu dieser Aktion sei von StB-General Alois Lorenc gekommen. Die Frage nach den wahren Zielen führt nach wie vor zu Spekulationen. Wollte die "Sicherheit" den eigenen KSC-Apparat diskreditieren, um die Reformkommunisten an die Macht zu hieven? Oder wollte man die Demonstranten radikalisieren, um sie um so härter niederschlagen zu können? Und warum wurde ausgerechnet Martin mid als Toter "identifiziert"? Martin mid selbst steht jedenfalls bis heute vor einem Rätsel.