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Mare nostrum

Von Thomas Seifert

Leitartikel
Thomas Seifert.

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Spitzenpolitiker der EU haben beim Gipfel in Malta einen milliardenschweren Hilfstopf für Afrika besiegelt: 1,8 Milliarden Euro sollen dabei die Ursachen der Flucht - Armut, Arbeitslosigkeit und mangelnde Zukunftschancen - bekämpfen und mit dazu beitragen, die Wirtschaftsmigration zu verringern.

Dass die europäischen Politiker in Valetta auch mit Vertretern afrikanischer Regimes, vor deren Geheimpolizei, korrupten Beamten und brutalen Militärs die Menschen flüchten, am Tisch sitzen, ist dabei einer der Schönheitsfehler, die am Altar der Realpolitik eben geopfert werden müssen.

Das Mittelmeer ist unser mare nostrum, das wußten schon die alten Römer, es macht Länder wie Syrien, Ägypten, Libyen, Tunesien, Marokko oder Algerien zu direkten europäischen Nachbarn. Und genau diese Länder sind zu den Destinationen von Schutzsuchenden und Migranten aus Eritrea, dem Sudan, Tschad, Niger, Mali oder Nigeria auf dem Weg ins gelobte Europa geworden.

Allein im vergangenen Monat haben sich 218.000 Schutzsuchende und Migranten auf den Weg nach Europa gemacht - das sind fast so viele wie im ganzen Jahr 2014, wobei die meisten über die Balkanroute gekommen sind. 3400 Menschen sind bei ihrer gefährlichen Reise übers Mittelmeer ertrunken. Zu lange war die Europäische Union mit sich selbst beschäftigt, hat sich im Klein-Klein der Eurokrise verloren. In den Krisenjahren wurde viel politisches Kapital verspielt, der europäische Gedanke der Zusammenarbeit und Solidarität ist einem Kleingarten-Vereinsgeist
(© Werner Faymann) gewichen. Insofern ist der Gipfel in Valetta bereits ein erster Erfolg, denn ohne Kooperation zwischen EU und den Partnern in Afrika kann die derzeitige Migrationswelle nicht bewältigt werden. Europa hat mit dieser Herausforderung die Nachbarschafts- und Außenpolitik wiederentdeckt.

Was freilich weiterhin fehlt, ist eine koordinierte und auch selbstbewußte Politik der Europäer. Bei den Syrien-Verhandlungen in Wien sind sie bestenfalls Gastgeber und Zaungäste und in Afrika gibt es noch immer mehr Konkurrenz (etwa zwischen Frankreich und Großbritannien) als Kooperation. Europa muss Interesse an Frieden und Stabilität in Nahost und einer gesunden Entwicklung des afrikanischen Kontinents haben und dies somit mehr als bisher unterstützen. Dafür braucht Europa eine geopolitische Perspektive, die allerdings heute nicht existiert.