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Marienthal 1931 - ein ganzer Ort zum Nichtstun verdammt

Von Philip Hautmann

Europaarchiv

"Die Arbeitslosen von Marienthal": eine epochale Studie aus den 30er Jahren.


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Gramatneusiedl. Wie kann man es sich vorstellen, was es heißt, in einem Land wie Spanien, Portugal oder Griechenland zu leben, wo die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen bei bis zu 50 Prozent liegt? Vor achtzig Jahren war die Situation in Österreich ähnlich - und damals, im Jahre 1930, gab der Sozialdemokrat Otto Bauer eine Studie zu diesem Thema in Auftrag, die heute als Klassiker gilt.

Nachdem die örtliche Textilfabrik zugesperrt hatte, wurde fast ein ganzer Ort arbeitslos
© AGSÖ, Universität Graz

Unter der Leitung des Soziologen Paul Lazarsfeld ging ein unkonventionelles Forscherteam ans Werk, um die soziale Situation in der Arbeitersiedlung Marienthal in der niederösterreichischen Ortschaft Gramatneusiedl zu untersuchen. Hauptarbeitgeber und Motor der örtlichen Wirtschaft war eine Textilfabrik, die 1929 stillgelegt worden war. Fast ein ganzer Ort wurde so arbeitslos.

Um sich ein sowohl möglichst genaues wie auch umfassendes Bild vor Ort machen zu können, etablierten die Forscher das, was seither als Feldforschung in den Sozialwissenschaften bezeichnet wird. Im Untersuchungszeitraum zwischen 1931 und 1932 gingen sie eine Art Lebensgemeinschaft mit den Bewohnern der Siedlung ein. Jeder von ihnen war zu einer gemeinnützigen Tätigkeit verpflichtet. "Es war unser durchgängig eingehaltener Standpunkt, dass kein einziger unserer Mitarbeiter in der Rolle des Reporters und Beobachters in Marienthal sein durfte, sondern dass sich jeder durch irgendeine, auch für die Bevölkerung nützliche Funktion in das Gesamtleben einzufügen hatte", heißt es dazu in der Studie, die hauptsächlich von der damals 25-jährigen Soziologin Marie Jahoda niedergeschrieben wurde und seit damals auch als literarische Leistung Anerkennung findet.

In ihrem Ergebnis kommt die Studie zu dem Schluss, dass länger anhaltende Arbeitslosigkeit nicht zu aufständischem Verhalten und zu Rebellion führt (wie es von sozialdemokratischer Seite vielleicht erwartet worden wäre), sondern zu Frust, Resignation und Apathie unter den Betroffenen. "Die Ansprüche an das Leben werden immer weiter zurückgeschraubt, der Kreis der Dinge und Einrichtungen, an denen noch Anteil genommen wird, schränkt sich immer mehr ein, die Energie, die noch bleibt, wird auf das Aufrechterhalten der immer kleiner werdenden Lebensräume konzentriert." Das Nichtstun, zu dem die Betreffenden verdammt sind, schlägt sich mehr und mehr in einer inneren Leere nieder, die Tagesprotokolle der Arbeitslosen von Marienthal erschrecken in ihrer Kargheit: "10-11 Uhr: Langsam wird es Mittag", lautet ein Eintrag. Unter diesem Titel wurden die Ereignisse 1988 von der Österreicherin Karin Brandauer verfilmt.

Späte Anerkennung

Obwohl die 1933 veröffentlichte Studie für Aufsehen sorgte, geriet sie im Rahmen der politischen Umbrüche in Europa schnell wieder in Vergessenheit. 1960 wurde sie neu aufgelegt, doch erst in den Siebzigerjahren wurde sie durch Neuauflagen und mehrere Übersetzungen in der internationalen Forschungsgemeinschaft - und in weiterer Folge in der Öffentlichkeit - bekannt. Zwischen 1987 und 2002 wurde die Arbeitersiedlung Marienthal in Gramatneusiedl revitalisiert. Seit 2011 wurde inmitten der Siedlungsblöcke ein Museum eröffnet, das dem Andenken an die Ereignisse und an die einst bahnbrechende Studie gewidmet ist.

Sonderfall Marienthal

Kritisch wird an den Ergebnissen der Studie angemerkt, dass sie im Rahmen einer Situation erhoben wurde, wo beinahe ein ganzes Dorf arbeitslos geworden ist. Das ist selbst in einer wirtschaftlichen Depression ein Ausnahmefall. In den Städten und auch in den meisten ländlichen Gebieten bricht das Leben normalerweise nicht zusammen, das Umfeld bleibt stimulierender. Vor diesem Hintergrund entsteht eher eine Proteststimmung, so wie dies in den südeuropäischen Ländern der Fall ist (siehe Interview). Wie lange eine Gesellschaft die hohe Belastung ertragen kann, bevor sie, vielleicht weniger äußerlich als innerlich zu brechen droht, hängt aber nicht zuletzt von der Dauer der Perspektivlosigkeit ab. Tatsächlich währte die Arbeitslosigkeit in Marienthal nur ein halbes Jahrzehnt, 1934 wurde die Fabrik von einem privaten Unternehmer wieder eröffnet. Für ganze Volkswirtschaften, die in einer Depression stecken, gibt es leider keine so leichte und schnelle Lösung.