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Markt-Barometer

Von Reinhard Göweil

Leitartikel
Chefredakteur Reinhard Göweil.

Bei jeder Maßnahme zur Krisen-Bekämpfung steht in Europa eine Frage im Raum: Wie werden die Finanzmärkte darauf reagieren? Bei Wochenend-Treffen in Brüssel wurde immer versucht, eine Lösung zu finden, "bevor am Montag die Märkte wieder aufsperren". Die "Finanzmärkte" sind eine Art Über-Ich der europäischen Politik.

Allem Anschein nach haben die EU-Politiker und Regierungschefs vor den eigenen Bürgern weniger Angst. Bei keiner einzigen der vielen Rettungs-Aktionen war jemals zu hören: "Wir müssen Sorge tragen, dass die Arbeitsmärkte positiv darauf reagieren."

Arbeitsmärkte sind folgerichtig weniger wichtig als Finanzmärkte, obwohl auf Ersteren deutlich mehr Wertschöpfung und Nachhaltigkeit geschaffen wird als auf Finanzmärkten.

Ein Grund dafür liegt sicherlich in der zeitlichen Unmittelbarkeit. Finanzmärkte reagieren zeitident, Arbeitsmärkte oft so verzögert, dass manche Politiker dann nicht mehr im Amt sind.

Nun wurde zu Recht festgestellt, dass Quartalsberichte und -dividenden von börsenotierten Unternehmen Humbug sind. Ein kurzsichtiges Management verliert den Blick in die Zukunft.

Auch weist die EU mit zwölf Prozent die höchste Arbeitslosenrate seit Einführung des Euro auf, die Arbeitsmärkte reagieren also überaus negativ auf die Sparpolitik in den EU-Staaten.

Also weiter Schulden machen? Nur ja nicht, warnt die EU-Kommission. Schulden seien ein moralisches Verbrechen an kommenden Generationen. Aber es ist ja wohl moralisch ebenso verwerflich, kommende Generationen vom Arbeitsmarkt auszuschließen. 5,7 Millionen EU-Bürger, die 25 Jahre alt sind oder jünger, sind derzeit arbeitslos - und das ist "nur" die offizielle Zahl. Wie viele haben bereits aufgegeben und scheinen in keiner Statistik mehr auf? Wie viele werden mit Tricks rausgehalten?

Die EU-Politik hat es sich bisher einfach gemacht, sie gehorchte den Finanzmärkten und erklärte die Arbeitsmärkte für inexistent.

Das rächt sich nun. 26 Millionen Arbeitslose sind erschreckender als ein Minus beim Euro-Stoxx oder eine insolvente Bank auf Zypern. Das nächste Mal haben die EU-Regierungschefs am 22. Mai Gelegenheit, bei ihrem Treffen die Reaktion der Arbeitsmärkte in den Mittelpunkt zu stellen. Wenn sie auch das versäumen, erweisen sie der Idee Europa keinen guten Dienst, egal, was Finanzmärkte davon halten.