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Märkte ticken falsch

Von Reinhard Göweil

Leitartikel

Eine arabische Welt im Wandel, Flüchtlingsströme, Lebensmittel- und Ölpreise global auf Rekordständen, sowie eine immer noch unverdaute Finanz- und Wirtschaftskrise. Das Weltwirtschaftssystem sieht sich Herausforderungen ausgesetzt, die mit den herkömmlichen Mitteln kaum bewältigt werden können.


Was immer in Libyen und den anderen Staaten der Region passiert: Am Ende wird es eine Art Marshall-Plan geben müssen, um gegen das Massenelend vorgehen zu können. In Libyen würde es schon helfen, wenn der 70 Milliarden Dollar schwere Staatsfonds dazu eingesetzt werden könnte. Noch wird der vom Gaddafi-Clan kontrolliert.

Die durch die Krise entstandene hohe Staatsverschuldung in Europa und den USA hemmt aber jegliche Bewegung. Europa macht sich bloß Sorgen, dass Hunderttausende Flüchtlinge aus Nordafrika in den reichen Norden kommen. Die USA verhalten sich überaus passiv, denn der Budgetstreit dort droht die Behörden der Supermacht ab Mitte März lahmzulegen. China weiß nicht recht, wie es sich verhalten soll, weil der Ruf nach Freiheit auch die eigene Nomenklatura bedroht.

Die Welt ist nicht gerüstet, um mit den politischen und sozialen Herausforderungen fertig zu werden. Der Aufstand in Libyen treibt den Ölpreis in lichte Höhen. Im Klartext bedeutet das, dass die Börsen und Finanzmärkte das Streben nach Freiheit bestrafen. Das ist eine recht unsinnige Reaktion. Sie ist nicht bewusst, aber faktisch.

Die ebenfalls über Börsen ermittelten Preise für Grundnahrungsmittel sind ebenfalls so hoch wie noch nie. Damit werden genau jene Menschen bestraft, die unter Einsatz ihres Lebens das diktatorische Joch und die Armut abschütteln wollen. Auch dies ist exakt die verkehrte Reaktion.

Börsen und Kapitalmärkte funktionieren auf Basis einer Weltordnung, die es mittlerweile nicht mehr gibt. Daher quietscht es auch immer lauter, denn diese globale Entwicklung ist eigentlich nicht vorgesehen. Wenn sich also in Kürze die Regierungschefs der 20 wichtigsten Wirtschaftsnationen treffen, sollten sie sich darüber ernsthafte Gedanken machen. Denn Märkte sollen Wohlstand schaffen und nicht jene abstrafen, die genau dies zu erreichen versuchen. Was derzeit passiert.