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Marseille ist doch nicht Neapel

Von Christoph Rella

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In der EM-Gastgeberstadt am Mittelmeer, einst als "Höllenpfuhl" gebrandmarkt, hat sich in den vergangenen Jahren einiges zum Positiven verändert.


Verstopfte Autobahnen, unverständliche Sprache, ethnische Segregation oder keine Kultur. Die Liste an Assoziationen und Vorurteilen gegen Frankreichs zweitgrößte Stadt, Marseille, ist ebenso berühmt wie lang. Oder wie schrieb der deutsche Marseille-Kenner Karl-Heinz Götze einmal: "Marseille schielt nach Barcelona, aber ähnelt in vielem Neapel." Nun, mag sein. Allerdings hat sich in dem "Höllenpfuhl" am Mittelmeer zumindest mit Blick auf die oben genannten Punkte einiges zum Positiven verändert. Einen nicht kleinen Anteil hatten ohne Frage Großereignisse wie die WM 1998, der Titel Kulturhauptstadt (2013) oder auch die Austragung der EM, von der Marseille nun als Gastgeberstadt profitiert. Zeit also, für die Stadt eine Lanze zu brechen. Nehmen wir den Verkehr als Beispiel. Wer in diesen Tagen mit dem Auto nach Marseille kommt, wird überrascht sein, wie zügig es weitergeht. Das gilt besonders für jene, die das städtische Stadion, Stade Vélodrome, zum Ziel haben. Anstatt sich oberirdisch durch ein Meer von Ampeln zu quälen, wird man über ein modernes Tunnelsystem ins Stadtzentrum getragen, wobei das letzte und erst 2013 errichtete Teilstück, der Verbindungstunnel Prado-Sud, direkt beim Stadion aus der Erde mündet. Da zahlt man die anfallende Maut für die Passage gern, immerhin war ja auch der Bau nicht gratis.

Aber auch Fahrer der öffentlichen Verkehrsmittel haben es heute leichter. Das U-Bahn-Netz, lange Zeit vernachlässigt, wird permanent ausgebaut und erweitert. Ebenso das Straßenbahnnetz. Was für den Straßenverkehr gilt, gilt übrigens auch für den zwischenmenschlichen. Die Sorge, sich mit den Marseillais nicht verständigen zu können - selbst wenn man Französisch spricht, das sich ja etwas vom hier verbreiteten Akzent unterscheidet -, ist da ebenso unbegründet. Man muss sich fast wundern, wie rasch die (wenn auch nur jungen) Leute in die englische Sprache wechseln, um beispielsweise den Weg zu erklären. Reichen die Sprachkenntnisse nicht aus, kann es auch schon mal vorkommen, dass der Gefragte sein Gegenüber persönlich zum Ziel eskortiert. Da kommt man dann auch schnell ins Reden. Über die EM freilich, aber auch über Olympique Marseille oder Zinédine Zidane, einen der wohl berühmtesten Söhne der Stadt.

Dass der Nachkomme algerischer Einwanderer heuer mit Real Madrid die Champions League gewonnen hat, wird hier als nationaler Erfolg gewertet. Dass Olympique Marseille dieses Kunststück wiederum bisher nur einmal (1993) geschafft hat, genügt den meisten. Wenigstens etwas, das man dem großen Rivalen in der Liga, Paris St. Germain, voraushat.

Nicht zu vergessen die französische Nationalhymne, die Marseillaise, die 1792 komponiert und erstmals von aus Marseille stammenden Revolutionären angestimmt wurde. Den Zweck, den Soldaten im Krieg gegen die, nun ja, Österreicher Mut einzuflößen, hat das Lied jedenfalls erfüllt. Es ist wohl das größte Geschenk, das die Stadt ihrer Nation gemacht hat. Und auch daran sollte man sich erinnern, wenn es bei dieser EM wieder heißt: "Allons enfants de la Patrie, le jour de gloire est arrivé!"