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Marx hätte Castro hochkant rausgeworfen

Von Clemens M. Hutter

Gastkommentare

Auf Kuba wird die staatliche Wirtschaft umgekrempelt - die Staatsgewerkschaft hat sich dabei ein ideologisches Eigentor geschossen.


Fidel Castro hatte dem US-Magazin "Atlantic" erklärt, sein Modell funktioniere nicht einmal mehr auf Kuba. Weil das wie ein ideologischer Tsunami durch Kuba fegte, ruderte Castro alsbald zurück: War ja nur ironisch gemeint.

Dem sonst so eloquenten Regime verschlug es vier Tage lang die Sprache, ehe die Staatsgewerkschaft CTC die Klarstellung Präsident Raúl Castros verkündete: 500.000 von fünf Millionen Bediensteten der aufgeblähten Staatsbürokratie und der zu 94 Prozent verstaatlichten Wirtschaft würden entlassen und "in neue nichtstaatliche Arbeitsverhältnisse" versetzt. Damit sind privater Anbau und Verkauf von Gemüse und Obst sowie Dienstleistungen gemeint. Wie das Kaufkraft und gesteigerte Produktivität herbeizaubern und gut eine Milliarde Euro für Lebensmittelimporte einsparen soll, erklärte die CTC mit einem ideologischen Eigentor: Für staatliche Löhne gelte fortan "das Prinzip der Bezahlung eines jeden gemäß der Menge und Qualität seiner Arbeit".

Das bedeutet erstens, dass niemand auf erlösenden Kapitalismus hoffen darf, weil die CTC alle Werktätigen kontrolliert. Verschärfend kommt hinzu, dass die CTC "schlechte Gewohnheiten" geißelte - ein Ersatzbegriff für Korruption und schlechte Arbeitsmoral.

Zweitens ist das ein krasser Verstoß gegen die klassische Theorie von Karl Marx, dass sich die Gesellschaft "zwangsläufig" vom Kapitalismus über den Sozialismus zum Kommunismus entwickle, in dem es keine Ausbeutung des Menschen durch den Menschen mehr gebe. Sozialismus heißt nach Marx: "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung." Das zielt die CTC mit der Bezahlung nach "Qualität der Leistung" an. Unter der ideologischen Lupe entpuppt sich Kuba als nicht einmal astrein sozialistisch und schon gar nicht als kommunistisch. Für Marx bedeutet Kommunismus nämlich: "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen." Das setzt aber wirtschaftlichen Überfluss voraus. Davon können die Kubaner - wie auch die Nordkoreaner - nur träumen.

Vor diesem Hintergrund gewinnt Castros Urteil über Kuba noch an Brisanz. Der "Atlantic"-Reporter hatte ihn nämlich gefragt, ob Kuba noch ein Modell für die Welt sei. Antwort: Wie denn, wenn das Modell nicht einmal mehr auf Kuba funktioniere?

Die sowjetischen Führer linderten ernste Wirtschaftskrisen stets mit dem Zauberelixier "privates Hofland": Kolchosniki durften auf einem Hektar Nahrungsmittel anbauen und privat verkaufen. Zu Nikita Chruschtschows Zeiten maß das "Hofland" knapp zwei Prozent der landwirtschaftlichen Fläche, deckte aber an die 40 Prozent des Bedarfs an Kartoffeln, Gemüse und Eiern. Den entscheidenden Schritt setzte erst Michail Gorbatschow: Er brach das Machtmonopol der KPdSU und schuf der Privatinitiative freie Bahn.

Marx hätte die Castros ob ihres ideologischen Sündenfalls aus seinem "Bund der Kommunisten" gefeuert. Also gilt für sie Gorbatschows berühmter Satz: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben."

Clemens M. Hutter war bis 1995 Ressortchef Ausland bei den "Salzburger Nachrichten".