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Maschadow als letzte Hoffnung

Von Wolfgang Tucek

Politik

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Russland und die Welt sind zurecht fassungslos. Fassungslos, weil einfach unnachvollziehbar erscheint, welche Motivation die Geiselnehmer zu zielgerichteter Gewalt gegen Kinder treiben kann. Sie dürften vor allem noch von Rache geleitet werden, verbunden mit der Indoktrinierung durch islamistisches Gedankengut, das den völlig entwurzelten jungen TschetschenInnen von Shamil Bassajew und Konsorten eingeimpft wird. Brüder und Väter wurden oft Opfer von willkürlichen brutalen Strafaktionen russischer Sondertruppen. Außer Gewalt, Not und Hilflosigkeit kennen sie nichts. Der in Tschetschenien ursprünglich vorherrschende gemäßigte Islam sufistischer Prägung und das archaische Gewohnheitsrecht Adat können ihnen keine befriedigende Lösung mehr bieten. Selbst vormals nicht islamistisch geprägte Führer wie der einst demokratisch gewählte und jetzt im Untergrund lebende Tschetschenen-Präsident Aslan Maschadow dürfte die Hoffnung auf Verhandlungen mit Moskau aufgegeben haben. Bei seinen letzten Wortmeldungen forderte er solche gar nicht mehr erst, sondern drohte nur noch mit verstärkten Militäraktionen.

Bassajew, ein früher von den Separatisten geschätzter Feldkommandant, hat sich längst zu einem lupenreinen Terrorpaten entwickelt und scheint keinerlei Interesse an Frieden zu haben. Das verbindet ihn mit den tschetschenischen Handlangern der Russen in Grosny, namentlich den Kadyrows, und wohl auch zahlreichen russischen Offizieren, die in Tschetschenien kräftig in die eigene Tasche wirtschaften. Neben der Partizipation an den zwei Mrd. Euro Aufbaugeldern aus Moskau seit 2001 und den geschätzten 80 Mio. Dollar Öleinnahmen pro Jahr ist die Entführung von Zivilisten zur Erpressung von Lösegeld gängig. Anders ist es wohl kaum zu erklären, dass 80.000 Soldaten und Geheimdienstler seit fünf Jahren nicht in der Lage sind, Maschadow oder Bassajew zu finden. Ersterer gab erst kürzlich einem georgischen Fernsehteam persönlich ein Interview.

Für eine Wende in der ausweglos scheinenden Situation bleiben Putin nach dem Massaker in Beslan eigentlich nur noch längst überfällige Verhandlungen mit dem politischen Flügel der Separatisten. Und da gibt es nur den von vielen Tschetschenen immer noch verehrten Maschadow, obwohl er mit seinen jüngsten Drohgebärden erneut an Zwielichtigkeit gewonnen hat.