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Masken: Für die einen Alltagsgegenstand, für andere Symbol

Von Simon Rosner

Politik

In Asien gibt es keine Maskenpflicht, dennoch verwenden fast alle die Maske. In den USA ist sie hingegen ein politisches Symbol. Und Österreich? Hier will die Regierung am Dienstagnachmittag neue Maßnahmen verkünden.


Als das neue Coronavirus erstmals aus China heraus und in anderen asiatischen Ländern ankam, stellten sich die Menschen in Schlangen vor Apotheken an. Schlagartig änderte sich das Straßenbild in Hongkong, Seoul und Singapur. Und das, obwohl es damals, im Jänner, nur einige wenige Fälle gab und das Virus noch nicht einmal einen Namen hatte. Die Maske aber war sofort allgegenwärtig. Ohne gesetzliche Verpflichtung.

In Europa und den USA beruhigten die Regierenden indessen eine über die Meldungen aus China zunehmend irritierte Bevölkerung, dann zog die Epidemie auch schon wie eine Sturmflut über diese Kontinente. Binnen Tagen schlossen praktisch alle Staaten Geschäfte, Schulen, Lokale und verhängte Ausgangsbeschränkungen. Die Maske? Spielte zunächst gar keine Rolle.

Während in Fernost der Mund-Nasen-Schutz nach wie vor allgegenwärtig ist, 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung an öffentlichen Orten eine Maske tragen, obwohl dies nicht gesetzlich vorgeschrieben ist, entwickelt sich in Europa, auch in Österreich, eine zunehmend überspannte Debatte über diese Maßnahme.

In den USA ist die Maske längst zum politischen Symbol geworden. Es kam bereits zu ersten öffentlichen Maskenverbrennungen von Gegnern. Dem gegenüber wird der potenzielle Nutzen der Maske von ihren Befürwortern aber auch überhöht. Befördert wird dies durch unterschiedliche Regelungen der Staaten aufgrund der föderalen Struktur der USA. Zudem scheint es ohnehin wenig zu geben, das in den Vereinigten Staaten derzeit nicht augenblicklich zu einer Polarisierung führt.

Dass die Staaten in Fernost die Pandemie gemessen an den Fallzahlen und Todesraten bisher deutlich besser bewältigt haben, ist eine Tatsache. Nur Singapur, wo es eine späte Welle bei Wanderarbeitern gab, fällt aus der Reihe. Doch in Japan, Südkorea, Taiwan und China sind die Fallzahlen pro Kopf gerechnet viel niedriger als in Europa. Auch Österreich liegt mit rund 2100 Infektionen pro einer Million Einwohner um den Faktor zehn über Japan.

Es greift aber zu kurz, diesen Unterschied einzig und allein am Nutzungsverhalten von Masken festzumachen. Welche Rolle der Mund-Nasen-Schutz in der Eindämmung der Epidemie spielt, ist nach wie vor Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Eine eindeutige und auch quantifizierbare Antwort gibt es nicht. Die Sichtweise, dass der potenzielle Nutzen dieser Maßnahme höher ist als der mögliche Schaden bzw. die Kosten, hat sich aber weitgehend durchgesetzt.

Ein weiterer Aspekt, dem sich eine Studie aus Tschechien gewidmet hat, behandelt den Einfluss einer Maske auf den Schweregrad einer Covid-Erkrankung. Tschechien und die Slowakei haben gleich zu Beginn und als erste Länder in Europa eine strenge Maskenpflicht eingeführt. Der Anteil Infizierter, so die Autorinnen der Motol Universitätsklinik, sei in Tschechien kaum geringer als in anderen europäischen Ländern, sehr wohl aber die Mortalität. Auch in der Slowakei sowie in fernöstlichen Ländern ist dies zu beobachten. Selbst in Singapur beträgt die Fallsterblichkeit derzeit nur 0,06 Prozent, in Österreich sind es rund 3,5 Prozent.

Maske könnte laut Studie Sterblichkeit reduzieren

Die Sterblichkeit wird von mehreren Faktoren beeinflusst, so sind in Singapur gegenwärtig meist junge Wanderarbeiter betroffen, die ein geringeres Risiko haben. In der tschechischen Studie wird aber, mit aller Vorsicht, ein Konnex zum Tragen von Masken erwogen. Demnach könnte die Viruslast, der Personen ausgesetzt sind, durch die Maske geringer sein. Und diese geringere Viruslast könnte wiederum eine Auswirkung auf die Immunantwort und den Krankheitsverlauf haben, auch wenn die Zahl der Infektionen selbst nicht geringer wird.

Dass Österreich die Maskenpflicht ausweiten wird, darf angenommen werden. Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) avisierte dies bereits am Freitagvormittag, Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) kündigte dann am Abend in der "ZiB 2" eine "Entscheidung am Sonntag" an. Daraus wurde EU-Gipfel-bedingt nichts, auch der Montag-Termin wurde abgesagt. Aber irgendwann endet jeder Gipfel, danach wird es Gespräche und Entscheidungen der Regierungsspitze geben. Nach dem Ende des EU-Gipfels begibt sich Kurz nun nach Wien, für 15 Uhr ist eine Pressekonferenz angesetzt.

Was genau geplant ist, war vorab nicht zu ermitteln. Dass die Verpflichtung nur auf Supermärkte ausgeweitet wird, wie teilweise kolportiert, wäre aber wenig plausibel. Gerade dort ist der notwendige Abstand von einem Meter, wie er in der aktuellen Lockerungsverordnung festgeschrieben ist, meist problemlos einzuhalten.

Die Virologin Elisabeth Puchhammer-Stöckl von der MedUni Wien hat überall dort das Tragen einer Maske empfohlen, wo der Abstand nicht eingehalten werden kann. Das kann im Lift sein, in kleinen Geschäften oder auch im Supermarkt, wenn gerade viele Menschen einkaufen. Es funktioniert nur leidlich, weshalb die Politik die reine Appellebene wieder verlassen und zu Verordnungen greifen dürfte.

Maskenpflicht wieder bei Gottesdiensten?

Das gilt nicht nur für Österreich, die Maske ist aber auch in anderen Ländern wieder zum Thema geworden, nachdem die Infektionszahlen zuletzt überall wieder etwas nach oben kletterten. In Großbritannien haben sich in einer Umfrage 71 Prozent für eine Maskenpflicht in Geschäften ausgesprochen, auch in Deutschland schwingt die Stimmung wieder in Richtung Pflicht.

Ein Problem dabei: Gerade dort, wo das Ansteckungsrisiko im öffentlichen Raum höher ist, wird eine Maskenpflicht nur bedingt umsetzbar sein. In Lokalen, bei Hochzeiten und Geburtstagsfeiern und im Fitnesscenter ist das permanente Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes kaum vorstellbar. Umgekehrt sind bei Clusteranalysen von Infektionsketten weltweit kaum Geschäfte oder Supermärkte aufgetaucht.

Wenn die Bundesregierung nun diese oder in der kommenden Woche eine Erweiterung der Maskenpflicht vornimmt, könnten auch Gottesdienste davon betroffen sein. Das war bis Mitte Juni auch schon der Fall. Nach zwei Freikirchen sind in den vergangenen Tagen auch Cluster in zwei serbisch-orthodoxen Kirchen in Wien sowie einige Infizierte im Stift Heiligenkreuz aufgetaucht. Aus dem zuständigen Ministerium von Susanne Raab (ÖVP) hieß es am Montag: "Die steigenden Infektionszahlen werden genau beobachtet. Um ihnen zu begegnen, werden momentan intensive Gespräche geführt, dabei liegen mehrere Optionen auf dem Tisch. Über die künftige Vorgehensweise wird zeitnah informiert."