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Massenflucht der Syrer

Von Arian Faal

Politik

Türkei am stärksten betroffen: Die Regierung fühlt sich allein gelassen.


Damaskus/Ankara.

Der Nahe Osten bangt wenige Wochen vor dem Wintereinbruch vor einer humanitären Katastrophe. Durch den Krisenherd in Syrien, der neue Ausmaße an Gewalt und Brutalität erreicht hat, sind hunderttausende Menschen auf der Flucht.

Die syrische Massenflucht hat sich in den vergangenen zwei Monaten mehr als verdoppelt. Momentan sind etwa 359.000 Syrer in den Nachbarländern als Flüchtlinge registriert, 74 Prozent davon sind Frauen und Kinder. Bis Jahresende werden es schätzungsweise rund 700.000 sein. Die tatsächliche Anzahl dürfte sogar noch um 13 Prozent höher liegen, weil sich viele Flüchtlinge aus verschiedenen Gründen nicht bei den Behörden oder NGOs registrieren können oder wollen.

"In den letzten eineinhalb Jahren hat der Konflikt rund 37.000 Menschen das Leben gekostet, von einem Waffenstillstand oder gar einer Beruhigung der Lage hier können wir vorerst nur träumen. Im Gegenteil: Die Lage der Menschen verschlechtert sich zunehmend. Krankenhäuser und Behandlungszimmer sind zur Gänze überlastet. Wir sind am Limit", klagt Yankin W., einer der vielen freiwilligen Mitarbeiter der karitativen Organisationen in Damaskus im telefonischen Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Aus Angst vor Bombenanschlägen und Hungersnot suchen zahlreiche Familien unter unvorstellbaren Bedingungen Zuflucht im gesamten Nahen und Mittleren Osten. Die meisten Syrer kommen völlig erschöpft und verletzt über die Grenze, müssen medizinisch behandelt werden und besitzen nicht viel mehr als die Kleider am Leib. Viele Schwangere erleiden durch den emotionalen Stress und die Strapazen der Flucht eine Früh- oder Fehlgeburt. Die vier wichtigsten Zufluchtsorte für verzweifelte Syrer (siehe Grafik) sind die Türkei, der Libanon, Jordanien und der Irak. Deren Regierungen müssen den großen Ansturm nun logistisch bewältigen. Mangelware sind vor allem Decken, Matratzen und Kleidung.

Bereits 460 Millionen an Hilfsgeldern überwiesen

Die Winter in der Region sind zwar kurz, doch Temperaturen von null bis 15 Grad sind für viele lebensbedrohlich. Finanzielle Hilfen des Westens kommen nur schleppend an: Die internationale Gemeinschaft hat bisher rund 460 Millionen Euro an Soforthilfe für Syrien überwiesen, die Hälfte davon kommt aus der EU, zwei Millionen aus dem EU-Topf wiederum aus Österreich.

Doch es kommt nicht nur auf die internationale Hilfe an. "Was uns hier in Syrien über Wasser hält, ist unsere Mentalität. Die große Sorge um das Wohl unserer Mitmenschen", sagt Yankin. Nachsatz: "Bei uns wird wirklich geholfen, wohlhabende Familien haben in den letzten Wochen demonstriert, was Menschlichkeit ist. Sie wollen auch wissen, wie es jenen Syrern geht, die geflüchtet sind. ‚Wie geht es unseren Landsleuten im Libanon als Flüchtlinge in dieser Krise?‘, werde ich immer wieder gefragt."

Der Direktor des Syrisch-Arabischen Roten Halbmondes, Abdul Rahman, sieht die Zukunft seines Landes pessimistisch: "Wenn wir ehrlich sind, dann müssen wir zugeben, dass dies ein langer Konflikt wird und die Zahl der tatsächlich geflüchteten Menschen - gleich ob sie als Flüchtlinge registriert sind oder nicht - bereits jetzt bei mehr als 1,5 Millionen liegt. Das sind beinahe 8,5 Prozent der gesamten Bevölkerung."

Libanon fürchtet konfessionelle Spannungen

Während in Syrien, der Türkei, Jordanien und im Irak offizielle Flüchtlingslager kostenlos Schutz für mehr als eine Viertelmillion Flüchtlinge bieten, zögert man im Libanon diesbezüglich noch. Hier hat die Regierung aus Angst vor konfessionellen Konflikten noch keinen Bau solcher Lager erlaubt. Außerdem haben die Syrer im Libanon ohnehin mit großen Vorurteilen zu kämpfen. Die Zahl der syrischen Flüchtlinge hat die religiösen Spannungen erhöht, mit dem Ergebnis, dass syrische Arbeiter und Flüchtlinge von Elementen der libanesischen Regierung und von der Bevölkerung aufs Korn genommen werden. Eigentlich paradox, da Syrien den Libanesen während des Krieges 2006 enorme Hilfe zukommen ließ und selbst auch hunderttausende Libanesen aufnahm.

Alarm schlägt in der Flüchtlingsfrage auch die Türkei: Im Rahmen eines Treffens mit Riccardo Migliori, dem Präsidenten der Parlamentarischen Versammlung der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit), informierte der türkische Parlamentssprecher Cemil Cicek über die angespannte Situation. Cicek kritisierte die seines Erachtens gleichgültige Haltung der internationalen Gemeinschaft hinsichtlich der humanitären Bedürfnisse der syrischen Flüchtlinge. "Einzig und allein das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen hat sich mittlerweile eingeschaltet, allen anderen scheinen die Vorgänge hier egal zu sein", so Cicek laut der türkischen Zeitung "Hürriyet".

Mehr als 170.000 Menschen seien mittlerweile vor der Brutalität und dem Chaos in ihrer Heimat, wo jeden Tag Menschen getötet werden, geflohen und hätten Zuflucht in der Türkei gesucht. "Bisher hat die Türkei 400 Millionen Dollar dafür ausgegeben", so Cicek weiter. Doch diejenigen, die die Möglichkeiten hätten zu helfen, würden zusehen, während hier Zehntausende sterben.

Erst vor zwei Wochen war es zu einer erneuten Massenflucht in die Türkei gekommen. Im Laufe von 24 Stunden strömten rund 9000 Flüchtlinge über die Grenze und ließen die Anzahl derjenigen, die zu Beginn des Winters in türkischen Flüchtlingslagern ausharren, auf rund 120.000 Personen anschwellen. "Seit Anfang 2012 haben wir ganz klar gesagt, dass wir Hilfe bei der Versorgung dieser Menschen benötigen. Doch bis heute ist keine bemerkenswerte Unterstützung bei uns angekommen", stellt Çiçek fest. Während des Treffens würdigte Migliori die Bemühungen der Türkei um die syrischen Flüchtlinge. Er kündigte zudem an, alle in der OSZE vertretenen nationalen Parlamente noch einmal anzusprechen, damit diese konkrete Beiträge in puncto Solidarität mit den syrischen Flüchtlingen leisten würden.

Trotz der anhaltenden Belastungen will die Türkei jedoch weiterhin Flüchtlinge aufnehmen. Mitte Oktober stellte sie die Marke von 400.000 Menschen bis Juni 2013 in Aussicht - trotz ökonomischer Bedenken. Im vergangenen August noch hatte der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu auf die prekäre Situation der Türkei hingewiesen und eine Schmerzgrenze von gut 100.000 Flüchtlingen ausgerufen.