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Massenflucht durch Tunnel

Von Georg Friesenbichler

Politik

Regierung spricht von "Katastrophe". | Haben Wärter den Ausbruch gedeckt? | Kabul. Nicht einmal der Präsident mochte die optimistische Sicht des stellvertretenden Justizministers Mohammad Hashminsai teilen. Der sagte: "Das kann überall auf der Welt passieren." Ein Sprecher von Präsident Hamid Karsai sprach hingegen von einer "Katastrophe", die nie geschehen hätte dürfen.


Für die afghanischen Taliban war es jedenfalls ein Triumph. Hunderte entkamen aus dem streng bewachten Gefängnis in Kandahar, der Metropole im Süden Landes. Schon 2008 waren nach einem Selbstmordanschlag rund 1000 Personen, darunter viele islamistische Kämpfer, entkommen. Ein Anschlag war diesmal nicht nötig, obwohl nach Taliban-Angaben ein Selbstmordkommando bereitstand, aber nicht eingreifen musste. Die Flucht ging vielmehr still und leise vor sich - durch einen Tunnel, der laut Taliban in fünf Monate währender Arbeit gegraben wurde.

Der mehr als 300 Meter lange Tunnel mündete im Trakt für die politischen Gefangenen. Laut Taliban 540, laut Gefängnisdirektor 476 Taliban konnten auf diesem Weg entweichen - darunter angeblich viele hochrangige Kommandeure, auf die am Ausgang Jeeps warteten, die sie aus der Stadt brachten.

Mehrere Stunden soll es gedauert haben, bis die politischen Häftlinge - rund eine Drittel aller Gefangenen - außerhalb der Mauern waren. Nur wenige wurden wieder gefasst. Provinzgouverneur Tooryalai Wesa sprach von einem Versagen der Sicherheitskräfte und der Geheimdienste. Beobachtern drängt sich aber der Eindruck auf, dass Gefängniswärter und Polizisten den Ausbruch gedeckt haben könnten. Seit langem ist bekannt, dass Beamte in dem von Korruption zerfressenen Land sich auch von den Taliban bestechen lassen.

Zudem versuchen die Taliban, die Sicherheitskräfte gezielt zu unterwandern. So wurde der Polizeichef von Kandahar am 15. April durch einen Selbstmordattentäter getötet, der eine Militäruniform trug. Ziel der militanten Islamisten ist es, die Strategie von Nato und Regierung zu untergraben, die Kontrolle über mehrere Provinzen von der internationalen Schutztruppe Isaf an die lokalen Sicherheitskräfte zu übertragen. Schon im Juli soll die Übergabe der Sicherheitsverantwortung starten, bis Ende 2014 soll sie abgeschlossen sein.

Stadt hat Schlüsselrolle

Kandahar zählt zwar nicht zu jenen sieben Städten und Provinzen, in denen damit begonnen werden soll. Dennoch spielt die zweitgrößte Stadt Afghanistans und die sie umgebende Region eine Schlüsselrolle im Kampf um die Vorherrschaft im Land. In den Koranschulen Kandahars haben die Taliban (der Name bedeutet Schüler) ihren Ursprung, hier traten sie 1994 erstmals militärisch in Erscheinung, als sie die Stadt unter ihre Kontrolle brachten. Und in dem von der Ethnie der Paschtunen dominierten Gebiet haben sie weiter ihre Hochburg.

Nach dem Gefängnisausbruch 2008, nach dem die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt wurden, nahm die Zahl der Kämpfe in der Region massiv zu. Erst ein Großeinsatz der Nato-geführten Truppen brachte der Stadt relative Ruhe zurück. Schon in den letzten Monaten ist die Zahl der Anschläge, die sich vor allem gegen die Polizei richteten, aber wieder gestiegen.