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Massenmörder mit Manieren

Von Ulrich Zander

Wissen

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Die Gazetten fühlen sich 1929 an Jack the Ripper erinnert, der 41 Jahre zuvor in London fünf Frauen regelrecht abgeschlachtet hatte - und nie gefasst worden war. Aus Angst vor dem „Vampir von Düsseldorf” sind gegen Ende des Krisenjahres 1929 die Straßen der Stadt nachts wie ausgestorben. Selbst tagsüber spielen draußen kaum Kinder.

„Ein Massenmörder spielt mit einer Stadt. Düsseldorf fiebert! Das Rheinland zittert!”, lautet eine Schlagzeile. Mit jedem Mord steigert sich das Entsetzen - noch angeheizt durch Selbstanzeigen von Spinnern („Ich bin der Düsseldorfer Mörder, gezeichnet Erwin Müller”) und Eiferern („Schaffen Sie die kurzen Röcke ab, das macht die Männer pervers. Sonst morde ich noch mehr Weiber. Der Unbekannte”).

Eine kriminelle Karriere

Der Serienmörder, auf dessen Kopf die Summe von 15.000 Mark ausgesetzt ist, und über den Gottfried Benn später in dichterischer Freiheit sagen wird, „von sieben bis neun abends Lustmörder, im übrigen Kegelbruder und Familienvater”, ist der 47-jährige arbeitslose Eisengießer Peter Kürten. Am 25. Mai 1913 begeht er seinen ersten Mord. Er bricht in die Gastwirtschaft „Zum Goldenen Ross” in Köln-Mülheim ein und weckt dabei die neunjährige Christine Klein auf. Er tötet sie mit seinem Taschenmesser. Am Tatort verliert der Mörder ein Taschentuch mit seinen Initialen „P.K.” Der Verdacht fällt auf den mit der Familie verfeindeten Bruder des Gastwirtes, Paul Klein. Klein wird festgenommen, später jedoch aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Peter Kürten geht kurze Zeit später ins Gefängnis - acht Jahre Zuchthaus wegen wiederholten Diebstahls und Gefängnismeuterei. Nach seiner Entlassung lernt er 1921 seine zukünftige Frau Auguste kennen, die ihren ersten Verlobten im Affekt erschossen hatte und dafür fünf Jahre im Gefängnis saß. Als er ihr begegnet, hat Peter Kürten insgesamt schon mehr als 20 Jahre hinter Schloss und Riegel verbracht.

Geboren wird er am 26. Mai 1883 als eines von 14 Kindern in Mülheim am Rhein. Der Vater - ein gewalttätiger Alkoholiker, der später wegen Notzuchtversuchs an der eigenen Tochter ins Gefängnis kommt - pflegt oft das Brotmesser zu schleifen, um seinem Sohn „den Hals durchzuschneiden”. Als Neunjähriger stößt Kürten zwei Spielkameraden in den Rhein. Sie ertrinken.

Als junger Mann arbeitet Kürten als Formerlehrling in einer Eisengießerei; er stiehlt und unterschlägt Lohngelder. Es folgen Haftstrafen wegen Zechprellerei, Einbruchs, Brandstiftungen. Im Gefängnis erleidet er eine Haftpsychose. Einmal wickeln ihn die Wärter in nasse Tücher. Dann wird er in einen Sack gesteckt. ser zugenäht wird. Preußischer Strafvollzug anno dazumal.

1929, im Strudel der Weltwirtschaftskrise arbeitslos geworden, mordet Kürten erneut. Am 9. Februar ersticht er die neunjährige Rosa Ohliger mit einer Schere, kehrt zum Tatort zurück, übergießt den Leichnam mit Petroleum und zündet ihn an. Drei Tage danach tötet er den 54-jährigen Invaliden Rudolf Scheer.

Im August lädt er die Hausangestellte Maria Hahn zu einem Stadtbummel ein. Er gibt sich als Angestellter des städtischen Gaswerks aus, spendiert eine Mahlzeit. Nahe dem Landgut Papendelle drückt er ihr die Kehle zu und sticht auf sie ein. Seine nächsten Opfer sind Gertrud Hamacher (6), Luise Lenzen (13), Ida Reuter (40), Elisabeth Dörrier (22) und Albermann (5).

Der Mörder schickt vier Tatortskizzen an Zeitungen. Tatsächlich findet die Polizei dort die Opfer. Aus der Bevölkerung gehen insgesamt 12.000 Hinweise ein. Doch obwohl Polizei und private Bürgerwehren nachts patrouillieren, das Preußische Innenministerium Berliner Beamte zur Verstärkung schickt, bleibt die Suche erfolglos. Mitte Mai 1930 hatte sich Kürten als Kriminalbeamter ausgegeben, und eine junge Frau, Maria Budlies, angesprochen. Er lädt sie in seine Dachgeschoßwohnung ein. Anschließend fahren die beiden mit der Straßenbahn ins Grüne. Dort würgt und vergewaltigt er die Frau und geht anschließend seiner Wege. Maria Budlies hat den Angriff überlebt und berichtet einer Bekannten brieflich von ihrem schrecklichen Erlebnis.

Das Schreiben landet irrtümlich im Kasten der Nachbarn. Die lesen es mit Interesse und verständigen die Polizei. Nun gehen die Beamten mit Frau Budlies durch die Stadt, um die Wohnung des Täters ausfindig zu machen.

Die Enttarnung

Vor dem Haus Mettmanner Straße 71 stutzt sie: „Hier könnte es gewesen sein”. Sie steigt die Treppen hinauf bis zum Dachgeschoß, wo Kürten im Flur gerade einen Eimer mit Wasser füllt. Die Frau erkennt ihren Peiniger seltsamerweise nicht. Doch die Polizei wird stutzig, denn Kürten steht auf der Liste der Verdächtigen. Er erkennt sein Opfer und nimmt Reißaus. Zuvor hat er seiner Frau gestanden: „Ja, ja ich habe es getan, ich habe alles getan” - und sich mit ihr für den folgenden Tag an der Rochuskirche verabredet. Auguste verrät der Polizei den Treffpunkt. Am 24. Mai um 15 Uhr klicken die Handschellen. Die „Vossische Zeitung” schreibt: „Ein Alb ist von Düsseldorf genommen.”

Kürten werden neun Morde, 32 Mordversuche, drei Überfälle, eine versuchte Notzucht und 27 Brandstiftungen zur Last gelegt. Er gesteht, und erzählt von seinem Plan, jeden Tag zwei Menschen umzubringen - aber letztlich sei er „dafür zu gutmütig gewesen”.

Peter Kürten ist intelligent und verfügt über ein gewisses Bildungsniveau, das er sich vor allem in Gefängnisbibliotheken angeeignet hatte. Stets achtet er auf ein gepflegtes Äußeres und auf gute Umgangsformen. Zeuginnen beschreiben ihn als Vertrauen erweckend. Er selbst schätzt seinen Charakter so ein: „Jähzornig bis zur Brutalität, starker sexueller Trieb, großmannssüchtig, zeitweise an Größenwahn grenzend, rechthaberisch, in manchen Situationen sentimental bis äußerst gefühlvoll bei Leiden anderer, im übrigen Antialkoholiker.”

Als Motiv gibt er an, fließendes Blut errege ihn. Gelegentlich trinkt er davon, was ihm den Namen „Vampir” einbrachte. Seine eigene Guillotinierung beschäftigt Kürten in der Haft vor allem unter dem Aspekt, ob er sein eigenes Blut sprudeln hören könne. Außerdem gibt er an, er habe gemordet, um der Welt zu zeigen, „dass lange und so schwere Strafen weit entfernt davon sind, den Verbrecher zu bessern, sondern den Gefangenen in einen Hass gegen die Menschheit hineintrieben”.

Der Prozess beginnt am 13. April 1931. Obwohl Pressevertreter aus der ganzen Welt angereist sind, verläuft die Verhandlung ohne Sensationen, da niemand Interesse zeigt, auf die schaurigen Einzelheiten der Untaten einzugehen. Der Gerichtspsychiater entdeckt keinerlei Indizien für eine verminderte Schuldfähigkeit. Da gerade in einer lebhaften gesellschaftlichen Diskussion der Sinn des staatlichen Tötens in Frage gestellt wird, rechnet allerdings kaum jemand mit einem Todesurteil - auch Kürten nicht. Doch das Gericht verurteilt ihn am 22. April 1931 zum Tode. Das Gnadengesuch wird abgelehnt.

Kürten schreibt in seinen letzten Stunden Entschuldigungsbriefe an die Angehörigen seiner Opfer. Im Morgengrauen des 2. Juli 1931 stirbt er im Gefängnis Köln-Klingelpütz unter dem Fallbeil. Auguste Kürten bekommt 4000 Reichsmark Belohnung ausgezahlt. Die Behörden helfen ihr, in Leipzig ein neues Leben zu beginnen.

Kurz nach Kürtens Tod lässt sich der Regisseur Fritz Lang vom „Vampir von Düsseldorf” zu seinem ersten Tonfilm inspirieren. Der Plot wird nach Berlin verlegt und geht in die internationale Filmgeschichte ein: „M. - Eine Stadt sucht einen Mörder”.

Ulrich Zander, geboren 1955, freier Journalist in Berlin, schreibt vor allem über kriminalhistorische Themen.