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Mathematik gegen Kunstfälscher

Von Frank Ufen

Wissen

Virtuelle Zerlegung der Werke in einzelne Pinsel- und Zeichenstriche. | Der einzigartigen Strichführung der großen Meister auf der Spur. | Marne/Holstein. In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts veröffentlichte der italienische Mediziner Giovanni Morelli eine Reihe von Aufsätzen, mit denen er die Zunft der Kunsthistoriker in helle Aufregung versetzte. Morelli behauptete nämlich, auf eine neue Methode gestoßen zu sein, die es ermöglichen würde, gefälschte Gemälde von den Originalen eindeutig zu unterscheiden und exakt zu bestimmen, welche Bilder welchem Maler zuzuschreiben seien.


Das ganze Geheimnis dieser Methode besteht darin, die auffälligsten Partien der Gemälde beiseite zu lassen und sich stattdessen intensiv mit solchen unscheinbaren Details zu beschäftigen, die die Maler in der Regel ziemlich flüchtig, nachlässig und ohne lange nachzudenken ausführen: die Ohrmuscheln und die Ohrläppchen beispielsweise, oder die Finger und Fingernägel, oder die Füße und Zehennägel.

Nach Morelli kennzeichnen solche untergeordneten anatomischen Elemente den Maler in unverwechselbarer Weise, weil ihre Erzeugung nur in geringem Maße der Kontrolle durch das Bewusstsein unterworfen ist und von kulturellen Traditionen kaum geprägt ist. Weil Fälscher sich dieses Umstandes nicht bewusst seien, würden ihnen beim Kopieren der nebensächlichsten Details die gröbsten Fehler unterlaufen. Mit seiner Methode gelang es Morelli, etliche falsche Zuschreibungen aufzudecken. So erkannte er als Erster, dass das Bild einer schlafenden Venus, das man irrtümlich für die Kopie eines verschollenen Werkes von Tizian gehalten hatte, nur von Giorgione stammen konnte. Doch trotz dieser Erfolge wurde Morellis Verfahrensweise heftig attackiert und als mechanistisch und positivistisch verdammt. Aber mittlerweile hat Morelli Nachfolger gefunden. Sie versuchen, allein mit höherer Mathematik Fälscher zu entlarven.

Im Frühjahr 2005 tauchten in einem Lagerhaus 32 Gemälde auf, die samt und sonders mit den Initialen "JP" signiert waren und bei denen es sich allem Anschein nach um der Kunstwelt bisher unbekannte Originalwerke Jackson Pollocks handelte. Doch die Kunstexperten konnten sich nicht darüber einigen, ob sie es mit echten oder gefälschten Pollocks zu tun hatten. Schließlich trat der australische Physiker Richard Taylor auf den Plan. Geleitet von der Chaos-Theorie, zerlegte er die neuentdeckten Tröpfel-Bilder und einige klassische Pollock-Bilder in ihre fraktalen Bestandteile und suchte dann nach miteinander übereinstimmenden fraktalen Mustern. Er fand allerdings derart wenige Übereinstimmungen, dass er ohne zu zögern das Urteil fällte: "Die angeblichen Pollocks sind ausnahmslos Fälschungen."

Doch es gibt Zweifel an der Wissenschaftlichkeit der Taylorschen Analysemethode. Sie hat außerdem den Nachteil, für anderes als "Action Painting" kaum zu gebrauchen zu sein.

Kunst in Maßzahlen übersetzt

Eine ganz andere Methode hat sich der amerikanische Mathematiker und Computerwissenschafter Daniel Rockmore vom Dartmouth College in Hanover (New Hampshire) einfallen lassen. Bei diesem Verfahren, das Rockmore "Digitale Stilometrie" nennt, werden Gemälde und Zeichnungen in ihre einzelnen Pinsel- und Zeichenstiftstriche zerlegt. Dafür werden von den Bildern hochauflösenden digitale Aufnahmen gemacht. Anschließend werden die Striche - entsprechend ihrer Dicke, Länge, Verlaufsrichtung, Position, Farbe usw. - anhand einiger Dutzend verschiedener Kriterien statistisch untersucht. Dadurch wird es möglich, die einzigartige Strichführung des Malers in Maßzahlen zu übersetzen.

Die Wissenschafter erprobten ihre Methode zunächst an der "Madonna mit Kind und Heiligen" - einem 1495/96 entstandenen Gemälde aus der Werkstatt des Renaissance-Künstlers Perugino. Dabei kam zu Tage, dass es tatsächlich der Meister selbst gewesen ist, der dieses Tafelbild gemalt hat - allerdings nicht er allein. Die digitale Analyse der Pinselstriche ergab nämlich, dass die Maria und zwei der vier Heiligen ein und demselben Maler - höchstwahrscheinlich Perugino selbst - zuzuschreiben sind. Beim Jesuskind und den beiden anderen Heiligen hingegen haben laut Rockmore mindestens drei andere Maler den Pinsel geschwungen.

Rockmore räumt ein, dass die digitale Stilometrie noch häufig versagt, wenn sie auf Ölgemälde angewendet wird. Doch er ist zuversichtlich, schon bald erheblich zuverlässigere Ergebnisse erzielen zu können. "Wir müssen", erklärt er, "noch ein paar Störfaktoren ausschalten, dann geht das. Wir stehen da noch am Anfang. Gemälde sind nun mal sehr kompliziert - aber die ersten Ergebnisse sind vielversprechend."

Start zu Van-Gogh-Projekt

Geht es um Zeichnungen, funktioniert die digitale Stilometrie schon jetzt sehr gut. Kürzlich haben Rockmore und seine Mitarbeiter ihr Instrumentarium auf acht Zeichnungen Pieter Breughels des Älteren sowie auf fünf Zeichnungen angewendet, die die kunsthistorische Forschung längst als gefälschte Breughels aussortiert hat. Die Wissenschafter berichteten darüber kürzlich im Fachjournal "Proceedings of the National Academy of Sciences". Das Ergebnis spricht für Rockmores Methode. Während nämlich der Computer die echten Breughels als dicht nebeneinander liegende Datenwolken abbildete, verrieten sich die Fälschungen dadurch, dass sie auf dem Bildschirm in Form chaotisch verstreuter Daten auftauchten.

Das Van-Gogh-Museum in Amsterdam verfügt mit 200 Gemälden und 500 Zeichnungen über die umfangreichste Van-Gogh-Sammlung der Welt. Doch unter den Gemälden gibt es ungefähr 50, die im Verdacht stehen, gefälscht zu sein. Daniel Rockmore und seine Mitarbeiter wollen demnächst mit Hilfe der digitalen Stilometrie berechnen, welche der Bilder nicht echt sein können.