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"Matrose - das ist doch eine Stadt?"

Von Julia Urbanek

Politik
Edith Brösl muss Karim "bei der Stange halten". Foto: Julia Urbanek

Individuelle Betreuung bei Integrations- oder Leseschwierigkeiten. | Die wenigsten Buben lesen freiwillig ein Buch. | Linz. "Kommt ein Patient zum Arzt ... Patient? Ist das, wenn jemand krank ist?" Karim schaut kurz von seinem Buch auf. Seit einer halben Stunde liest er laut aus dem "Großen Witzebuch" vor und lacht immer wieder laut auf. Wenn er ein Wort oder eine Redewendung nicht kennt, erklärt ihm seine Mentorin die Bedeutung - und das Lachen kommt mit kurzer Verspätung: "Matrose - das ist doch eine Stadt?" Karim und seine Lesementorin Edith Brösl treffen sich jeden Freitag in der Bibliothek der Volksschule 9 Goetheschule und schmökern nach dem Unterricht in Fußball- und Witzbüchern. Diese Stunde gehört nur Karim - er stammt aus einer ägyptischen Familie.


Das Projekt "Lesetandem", das seit 2009 an Linzer Volksschulen an Integration und Leseförderung arbeitet, funktioniert nach einem einfachen Konzept: Ein ehrenamtlicher Mentor trifft eine Stunde pro Woche ein Volksschulkind mit Lese- oder Integrationsproblemen und liest gemeinsam mit ihm. Von den Klassenlehrern ausgewählte Kinder, meist mit Migrationshintergrund, bekommen ein individuelles Lesetraining und regelmäßige Zuwendung.

Negativspirale schon in der Volksschule stoppen

Dahinter steht der Linzer Verein ibuk (Interkulturelle Begegnung und Kulturvermittlung), der im Kulturhauptstadtjahr auch das Projekt "Kulturlotsinnen" initiierte, in dem Frauen mit migrantischem Hintergrund Stadtführungen durch ihr Linz anboten. Das "Lesetandem" soll schon im Volksschulalter eine Negativspirale stoppen: Mangelnde Deutschkenntnisse und Unlust am Lesen haben Auswirkungen auf Bildung und soziale Integration.

Vorbild des "Lesetandem"-Projekts ist die Initiative "Mentor - Die Leselernhelfer" aus Hannover, die bereits seit 2003 besteht und allein im Raum Hannover 600 Mitarbeiter hat. Das Ziel beider Projekte ist das gleiche: die Lust am Lesen zu wecken. Wer Schwierigkeiten beim Lesen hat, greift auch freiwillig selten zu einem Buch. In Deutschland haben 61 Prozent aller 15-jährigen Buben noch nie aus eigenem Antrieb ein Buch gelesen.

Beim Start des Linzer "Lesetandems" beteiligten sich drei Volksschulen, in denen 50 Schüler von ebenso vielen ehrenamtlichen Mentoren begleitet wurden. Mittlerweile sind sieben Volksschulen dabei. "Es gibt genug Schulen, die mitmachen wollen. Wie es weitergeht, hängt von Mentoren und der Finanzierung ab", sagt Jugend- und Sozialpädagogin Daliborka Mijatovic vom Verein ibuk.

Auch bei sozialen Problemen in der Schule wird geholfen

Der neunjährige Stefan nimmt sich zielsicher ein Sachbuch aus dem Regal - Vulkane, Naturkatastrophen und Kräne sind seine Lieblingsthemen. Er liest seiner Mentorin konzentriert vor, nachher zeichnet er ein Thema des Buches in sein Heft. Das Problem von Stefan, der autistische Züge hat, liegt nicht beim Lesen, erklärt seine Mentorin Isabella Kitzler. "Ich habe mich gefragt, warum er am Lesetandem teilnimmt, weil er sehr gut lesen kann. Bis ich draufgekommen bin, dass es ganz wichtig ist, dass jemand eine Stunde nur für ihn Zeit hat."

Stefan ist der Jüngste in seiner Familie, seine Eltern führen ein China-Restaurant, sprechen nur gebrochen Deutsch und haben nicht viel Zeit für ihn. In seiner Klasse spricht er so gut wie nichts. Isabella Kitzler hat nach einem halben Jahr den ersten Erfolg verzeichnen können: Stefan hat zum ersten Mal in drei Schuljahren von selbst aufgezeigt und in der Gruppe etwas gesagt.

"Es war schwer, Zugang zu Stefan finden", erzählt Isabella Kitzler. "Aber jetzt habe ich auch sein Herz ein bisschen gewonnen." Die Mentorin wird am Gang auch von anderen Kindern angesprochen, die am Projekt teilnehmen wollen. In großen Volksschulklassen, in denen Kinder mit den verschiedensten Muttersprachen sitzen, ist eine Stunde individuelle Betreuung etwas Besonderes.

Die Mentoren, meist sind es Frauen, kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen und Altersgruppen - es sind Studentinnen, Pensionistinnen oder ehemalige Lehrerinnen. Sie werden für ihre Aufgabe geschult und treffen sich regelmäßig zum Austausch mit anderen Mentoren.

Karims Mentorin Edith Brösl war zuerst unsicher: "Ich habe ein bisschen Bedenken gehabt, weil mir persönliche Erfahrung mit Kindern fehlt." Seit einem Jahr trifft sie sich mit Karim. "Er konnte sich nicht entscheiden, was er lesen will. Er hatte an jedem Buch etwas auszusetzen. Es geht darum, ihn zu interessieren und bei der Stange zu halten."

Deshalb stehen auch seine Interessen wie Fußball bei der Buchauswahl im Vordergrund: "Es soll keine verlängerte Schule sein, sie sollen das Lesetandem als Privileg und als etwas Schönes empfinden", sagt Edith Brösl.