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"Mauer-Spechte" machen nun das große Geschäft

Von Franz Nickel, Berlin

Politik

Heute, Freitag, am 13. August vor 38 Jahren, unternahm die DDR-Führung den untauglichen Versuch, das personelle und ökonomische Ausbluten des Landes über die offene Grenze zu Westberlin mit dem | Bau massiver Grenzsperranlagen · später Mauer genannt · zu stoppen. Die Grenze war 10.315 Tage geschlossen, bis auf vertraglich geregelte Ausnahmen. Am 9. November 1989 wurde sie infolge einer | Fehlinterpretation über eine neue Reiseordnung unter dem Ansturm zehntausender DDR-Bürger geöffnet.


Heute findet der Berlin-Spaziergänger an diesem zehnten Jahrestag vom einst 155 Kilometer langen Betonwall nur noch vier denkmalgeschützte Überreste von insgesamt 45.000 Mauersegmenten · jedes

3,60 Meter hoch, 1,20 Meter breit und 2,75 Tonnen schwer. Tausende Mauerteile wurden zermahlen, für den Straßenbau verwendet, von "Mauerspechten" zermeißelt und verkauft. Ungezählte Teile gingen auf

oft abenteuerlichen Wegen in alle Welt. So viele, dass der Spaziergänger heute den Grenzverlauf kaum noch nachvollziehen kann.

Letzterem soll nun abgeholfen werden. Anlässlich des zehnten Mauerfall-Jubiläums wird der innerstädtische Verlauf der Mauer auf 7,5 Kilometer Länge durch ein doppelreihiges Steinpflaster · der Meter

kostet 170 Mark (1.196 Schilling) · markiert. Ergänzt wird der Steinstreifen durch gusseiserne Tafeln mit der Aufschrift "Berliner Mauer 1961 bis 1989.

SPD-Fraktionschef Klaus Böger hat weitergehende Vorstellungen. Er möchte, dass am 9. November, also am Tag des "Mauer-Falls", am gesamten Verlauf der ehemaligen Mauer weisse Tücher aufgehängt werden,

als "Ständige Mahnung", wo die Mauer die Stadt geteilt hat.

Bei so viel Mauer-Engagement will der Senat nicht fehlen. Er hat Kunst-Projekte in Auftrag gegeben, mit denen alle sieben Grenzübergänge markiert werden. Für jedes Projekt stehen rund 130.000 Mark

(rund 915.000 Schilling) zur Verfügung. Gabriele Bausch schuf für den ehemaligen Grenzübergang Sandkrugbrücke z. B. ein 34 Meter langes Mosaik, das 30 Markenzeichen deutscher Produkte zeigt. Daran

sollen "die unterschiedlichen Stimmungen in Ost und West abzulesen" sein.

Die Gesellschaft Historisches Berlin will mit einhundert dreieckigen Gedenksäulen in Mauergröße an den Grenzverlauf erinnern. Das Stück soll 20.000 Mark (140.710 Schilling)

kosten. Dringend werden Sponsoren gesucht.

Mauersegment als Geschenk

Dass die DDR-Firma Limex und ihre Nachfolgerin Le Wall einige hundert Mauersegmente auf Auktionen verkauften, ist bekannt. Wieviele als Geschenke an Staatsmänner und Institutionen gingen, schon

weniger. Bekannt ist das Mauerfragment, das seit 1996 direkt vor dem Eingang zum BMW-Pavillon im Hafen von Kapstadt steht · herbeigeschafft durch eine Bundeswehr-Fregatte. Offiziell ist auch der

Verbleib von acht großen Mauerteilen, die sich Churchills Enkelin Edwina Sandys mit Genehmigung der DDR-Regierung aus 200 Teilen aussuchen durfte.

Die 16 Tonnen schwere Fracht wurde im Frühjahr 1990 per Schiff nach New York gebracht und steht seit Herbst 1990 am Westminster College in Missouri, wo Churchill zum ersten Mal den Begriff "Eiserner

Vorhang" prägte. Pünktlich zum zehnten Jahrestag tauchten auch fünf verschollen geglaubte Mauerteile mit einem zusammenhängenden Kunstwerk wieder auf, und zwar mit einem Echtheitszertifikat mit der

Unterschrift des damaligen Ministerpräsidenten der DDR, Hans Modrow.

Weniger spektakulär sind Mauersegmente, die von Privatmännern "beschafft" worden sind. So ziert ein Stück Mauer seit 1992 den Garten des Landhauses von Hans-Olaf Henkel, Präsident des

Bundesverbandes der Deutschen Industrie, in der Normandie. Ganze 3.000 Mark hat es gekostet und zehntausend der Transport auf das Gutshaus.

Reich geworden mit Mauerstückchen ist der Berliner Pawlowski. Er hat zwanzig verschiedene Mauersouvenirs im Angebot, mit denen er den Großhandel beliefert. Bis 40.000 Stück verkauft er im Jahr ·

aber auch ganze Segmente für 5.000 bis 15.000 Mark (35.000 bis rund 106.000 Schilling).

Bunte Stückchen gefragt

In Ladeburg bei Bernau liegt sein verstecktes Materiallager auf dem Gelände einer Recycling-Firma. Hier werden nach Bedarf die Reste des "antifaschistischen Schutzwalls" zerkleinert und mit Farbe

besprüht; die Leute kaufen nur bunte Mauerstückchen. Den aktuellen Clou starteten drei "Mauerspechte", die vier Mauersegmente vom Potsdamer Platz gut versteckt in einer brandenburgischen Scheune ihr

eigen nennen. Sie wollen die Mauerteile um die ganze Welt auf Reisen schicken · gegen Miete natürlich. An den schönsten Plätzen von Tokio, Buenos Aires, Sydney, Los Angeles und Kapstadt sollen die

gezeigt werden.