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Mauern als Demonstrationen von Sicherheit, Macht und Geltungssucht

Von Gerfried Sperl

Gastkommentare

Donald Trumps Grenzmauer zu Mexiko soll das sichtbare und wirksame Zeichen der Verteidigung der Werte der USA sein.


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"Wir wollten ihn dazu bringen, ständig vom Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko zu sprechen", erinnert sich Roger Stone, ein höchst umstrittener Politikberater in der "New York Times" an den Herbst 2014. Es klappte tatsächlich. Ihm und einem zweiten Berater, Sam Nunberg, gelang es, den Baulöwen Donald Trump zu überzeugen, die Einwanderungsfrage zum zentralen Thema seines Wahlkampfes für die US-Präsidentschaft zu machen. Die Begeisterung Trumps für das Projekt wuchs von da an beständig.

Stone war nicht lange direkter Berater Trumps, aber er spielt bis heute eine undurchschaubare Rolle bei den Russland-Verbindungen des Trump-Teams und hat bei den Versuchen, Hillary Clintons Kampagne zu diskreditieren, unrühmlich agitiert. Der "Windhund" Nunberg wurde zwischen 2014 und 2016 von Trump mindestens viermal gefeuert und dann wieder engagiert - weil er offenbar zu viel wusste und in Sachen "Russian connections" auch mehrmals vor Gericht aussagen musste.

Wenn der ultimative Gag im Vordergrund steht, eine "Trump Wall" neben dem "Trump Tower" in den Büchern der Baugeschichte, dann ist von Anfang an der Adrenalinspiegel mächtiger als die Vernunft. Über 3100 Kilometer würde sich diese Mauer erstrecken, nur die Chinesische Mauer mit ihren 21.500 Kilometern behielte ihre historische Alleinstellung. Dagegen war die Berliner Mauer (die 28 Jahre hielt) mit ihrer Ausdehnung über die damalige DDR hinweg mit ihren 267,5 Kilometern eine kurze, jedoch historisch folgenschwere und opferreiche Barriere.

Mehr ausreisende als einreisende Mexikaner

Seit 1850 sind zwar 12 Millionen Mexikaner über die Grenze gekommen, doch seit 2012 ist der Zustrom praktisch versiegt. Mittlerweile werden mehr ausreisende als einreisende Mexikaner gezählt. Was Trump propagandistisch ausnutzt, sind die Immigranten aus den Staaten südlich von Mexiko. Doch diese Migration sei beherrschbar, argumentieren Einwanderungsexperten: Zäune und elektronische Überwachung gebe es ja, die Grenzgarde verfüge über 6000 Leute. Man sollte sie aufstocken, geben die Demokraten zu. Vor allem, um den kleinräumigen Drogentransfer besser in den Griff zu bekommen - den großräumigen könne selbst eine Mauer nicht stoppen.

John F. Kelly, der zu Jahresbeginn gefeuerte Stabschef des Weißen Hauses, geriet mit Trump wegen des Mauerbaus in permanenten Streit, weil er in Interviews ausgeplaudert hatte: "Wir überlegen auch die Variante eines hohen Zauns." Was Trump erboste: "Nein, es wird eine Betonmauer", twitterte er.

Doch je dramatischer sich der Streit um die Finanzierung und den kostspieligen "Shutdown" in Washington zuspitzt, desto teurer wird die Mauer bereits im Vorfeld, desto enger wird es für den Egomanen an der Spitze der USA. Zuletzt spielte er öffentlich mit dem Gedanken, sein Denkmal von der US-Army errichten zu lassen. Dazu brauche er keine Beschlüsse des Kongresses. Trotzdem: Ein Kilometer Mauer kostet zwischen 4 und 5 Millionen Dollar. Eine Passagiermaschine des Typs Boeing 737 kostet so viel wie 15 bis 20 Kilometer der "Trump Wall".

Je autoritärer die Regierung, desto effizienter ist die Mauer

Mauern gegen Migranten, Feinde und Terroristen erlebten gegen Ende des 20. Jahrhunderts eine Wiederauferstehung. Gab es 1989, als die Berliner Mauer fiel, weltweit nur 16 solcher Befestigungen, sind es heute nahezu 70. Vier Beispiele: 180 Kilometer lang ist die Grenzbefestigung zwischen dem türkischen und dem griechischen Teil der Insel Zypern; Nikosia ist heute die einzige Hauptstadt, die von einer Mauer durchzogen wird. Jenseits des Mittelmeeres, in Israel, soll die "Separation Wall" im Westjordanland radikale Palästinenser daran hindern, Terroranschläge zu verüben. In Kaschmir wurden 550 Kilometer Stacheldrahtzaun gezogen, zwischen Indien und Bangladesh verläuft ein 4000 Kilometer langer Grenzzaun. Technisch hochgerüstet ist der 2005 errichtete dreireihige Stacheldraht von Melilla nach Ceuta in Marokko - mit Bewegungsmeldern und Scheinwerfern.

Ob Burganlage oder mittelalterliche Stadt: Umgebende Mauern konnten sich früher einmal nur reiche Adelige und vermögende Bürger leisten, weil nicht nur die Errichtung, sondern auch die "Betriebskosten" hoch waren. Je besser die Mauer, desto sicherer war die Stadt. Heute gilt: Je autoritärer die Regierung, desto effizienter ist die Mauer. In europäischen Demokratien lässt sich ein Mauerbau nur schwer realisieren, Viktor Orbán, der mit 48 Prozent der Stimmen in Ungarn über eine Mandatsmehrheit von zwei Drittel verfügt, hat zum Süden hin ebenfalls die Grenze befestigt. Trump, der bei den Präsidentschaftswahlen nicht einmal die Stimmenmehrheit erobern konnte, maßt sich an, eine weithin sichtbare und trennende Demonstration der Macht ohne Mandat des Volkes bauen zu lassen.

Macht und Selbstverteidigung waren freilich immer schon die Gründe für die Errichtung von Mauern. Belege für ihre politische Bedeutung lassen sich bereits in der griechischen Antike finden. Klaus Held hat in einem Buch über Heraklit und dessen Lehren darauf hingewiesen, dass sich Stadtmauern von allen anderen Gütern unterschieden, weil auf ihnen der Bestand der Stadt ruhte. Bis herauf in die Neuzeit fiel mit der Zerstörung der Mauer auch die Stadt selbst. Die Mauer hielt das Gemeinwesen zusammen - ihr Zusammenbruch bedeutete Zerfall und Auflösung der Einheit bis zur physischen Auslöschung ihrer Bewohner und der Plünderungen durch Usurpatoren.

Trump ist kein Fan historischer oder gar philosophischer Untersuchungen, aber die Grundgedanken antiken Denkens haben sich auch hier - wie in vielen anderen Bereichen - gehalten. Trumps Vorstellungen haben sich wie bei anderen Herrschern von der Stadt auf das regierte Land übertragen: Eine Mauer muss errichtet werden, um die Vereinigten Staaten von Amerika gegen eine weitere "Umvolkung" (eine nationalistische Formel) zu schützen, im konkreten Fall aus Mittelamerika. Die Grenzmauer zu Mexiko soll das sichtbare und wirksame Zeichen der Verteidigung der religiösen und materialistischen Werte der USA sein.

Aus der ursprünglichen Wahlkampfidee ist eine erbitterte Konfrontation zwischen Republikanern und Demokraten geworden, zwischen dem einen Prozent der reichsten US-Bürger mit ihren Anhängern auf dem Land und den urbanen, großstädtischen, eher europäisch-sozialdemokratisch denkenden Mittelständlern, Lehrern und Staatsbediensteten.