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Med zwa blaue Aug'n . . .

Von Reinhold Aumaier

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Mit seinen zwei blauen Augen hat er, der hochbetagte H. C., dem schwarzen Tintinger, dem Tod, ins Gesicht geschaut: abenteuerlustig, gradheraus und schön. Der schlicht und einfach wunderbare Film zeigte uns den im doppelten Wortsinn grenz-genialen Poeten H. C. Artmann. So wienerisch und so weltläufig war wohl nur dieser Mann aus Breitensee, Penzing, Wien. Gedreht haben diesen poetischen Mix aus angeregtem Dialog und animiertem Monolog seine Tochter Emily und Nichte Katharina Copony. Ausgestrahlt wurde er am Sonntagabend von 3sat. Sein Titel: "Der Wackelatlas - Sammeln und jagen". Gleich zu Beginn schlägt der im besten Sinne märchenonkelhafte Mann mit dem seiner Meinung nach schönsten Gedicht, das es gibt, in den Bann: "Der Wind, der Wind, das himmlische Kind . . .". Und es geht weiter mit Zitaten, die hängen bleiben und einem vom Tod bereits skizzierten Antlitz, das man so schnell nicht mehr vergessen wird. Wir genossen eine Doku, in der man schmökern, der man Poesie in kleinen, heilsamen Dosen entnehmen konnte. Auf die Frage, warum er Lyrik schreibe, sagte Artmann, um sich selbst zu bestätigen und in andere Sphären zu kommen. Er differenziert, wenn er zugesteht, schon unheimlich zu sein, aber keinesfalls makaber; überzeugt, wenn er von dem für ihn viel zu leisen Computer spricht, der die "klatsch, klatsch, klatsch" machende Schreibmaschine - "wie Peitschenknall von Fuhrwerken" - nie und nimmer ersetzen könne. Er spricht von seiner Erinnerung, die immer mit Gerüchen zu tun habe. Und wenn er sagt, dass Schweden für ihn nach frischem Kuchen und Kaffee rieche, so kann man's ihm, Derartiges bereits selber genossen habend, nur nachfühlen. "Nur". . . Ein Film, aus dem man fast nur zitieren möcht'. Wenn mittlerweile auch unter der Erd': H. C. Artmann lebt. Und wie!