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MedAustron steht unter Beschuss

Von Peter Wötzl

Politik

Steigende Kosten und "Schätzungen" bei Millionen-Projekt. | Wiener Neustadt. Bei der Behandlung von Tumor-Patienten wird weltweit verstärkt auf die Bestrahlung mit Ionen gesetzt. Ein solches Krebsforschungszentrum soll auch in Wiener Neustadt entstehen. Nach einer positiv abgehandelten Umweltverträglichkeitsprüfung soll im März der Spatenstich für das niederösterreichische Prestigeprojekt erfolgen. Doch jetzt sind dunkle Gewitterwolken über MedAustron aufgezogen. Der Rechnungshof (RH) ortet erhebliche Finanzprobleme.


Überprüft wurde die Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit der geplanten Teilchenbeschleunigeranlage. Grobe Mängel gibt es demnach im Risikomanagement. Der Businessplan beruht zu 70 Prozent auf Schätzungen, die Abgeltung der Therapiekosten sei ebenso unklar wie die Zahl der Patienten, so der RH.

Kosten von 116 auf 223 Millionen gestiegen

Wurde 2004 noch mit Errichtungskosten von rund 116,6 Millionen Euro und jährlichen Betriebskosten von rund 17,2 Millionen gerechnet, waren im Businessplan 2010 bereits 186 Millionen zur Errichtung (zuzüglich 25 Prozent Planungsreserve für Unvorhergesehenes sind es sogar 223 Millionen) und 23 Millionen pro Jahr für den Betrieb vorgesehen.

Schriftliche Kostenschätzungen gibt es laut RH nur für die Gebäude, die allerdings nur 30 Prozent der Errichtungskosten ausmachen. Eine schriftliche Vereinbarung über den Kredit existiert nicht, damit wollte das Land sich die Kreditgebühr von 0,8 Prozent der Haftungskredite von 120 Millionen Euro sparen - und verzichtete damit auf Rechtssicherheit, wie der RH warnt.

Fazit für den RH: Trotz Bundeszuschüssen von 118 Millionen Euro besteht sowohl bei der Errichtung als auch beim Betrieb ein erhebliches finanzielles Risiko. Dieses Risiko muss alleine vom Land Niederösterreich getragen werden.

Weitere Kritikpunkte: Der Teilchenbeschleuniger wird in enger Kooperation mit der europäischen Organisation für Kernforschung (Cern) in Genf errichtet. Das Cern-Institut hat aber jegliche Haftung für seine Expertisen und für mögliche Drittschäden ausgeschlossen. Damit dürfte Niederösterreich auch bei technischen Mängeln und Schäden zum Handkuss kommen.

Ungeklärt sei auch die Abgeltung der Patientenbehandlungen durch die Sozialversicherungsträger. MedAustron geht von 1200 Patienten pro Jahr aus (Betriebsstart ist 2014/15 geplant) und rechnet mit einem durchschnittlichen Kostenersatz von 20.000 Euro pro Patient. Der RH stellt infrage, ob die angenommene Zahl an Patienten realistisch ist. Beim Kostenersatz verweist er darauf, dass bei vergleichbaren Therapien im Ausland bei mehr als der Hälfte der Patienten lediglich 5000 Euro rückerstattet wurden.

Der Standort "auf der grünen Wiese" ohne Anbindung an ein universitäres Zentrum ist den Prüfern ebenso ein Dorn im Auge wie die Forschungsmöglichkeit im Bereich Experimentalphysik am MedAustron. Dafür gebe es in Österreich keine Nachfrage. Der von Cern dafür geplante Teilchenbeschleuniger sei von der Strahlenintensität eigentlich zu schwach. Für eine rein medizinische Nutzung hätte wiederum eine schwächere und billigere Anlage gereicht.

Überprüfung gab Land selbst in Auftrag

Die Überprüfung gab das Land Niederösterreich 2009 selbst in Auftrag, betonte ÖVP-Klubobmann Klaus Schneeberger. Die geplanten Kosten werden bestätigt und seien "keine Überraschung". Die Feststellungen des RH sollen jetzt zu einer optimalen Umsetzung des Projekts führen, so Schneeberger. Die Haftungsübernahmen wurde im Landtag einstimmig beschlossen.

Wissen: Ionentherapie

Unter Ionentherapie versteht man eine Strahlentherapie mit Protonen oder leichten Ionen. Protonen sind die positiv geladenen Kerne von Wasserstoffatomen. Sie haben keine Elektronen mehr.

Leichte Ionen, vor allem Kohlenstoffionen wirken im Tumor etwa dreimal so stark wie Protonen. Sie lassen sich auch tief im Gewebe noch millimetergenau steuern.

Durch die Ionentherapie ist es möglich, die Strahlenbelastung des vor dem Tumor gelegenen gesunden Gewebes zu senken und das hinter dem Tumor gelegene Gewebe fast völlig zu schonen.

Zum Tragen kommt die Methode bei der Therapie von Tumoren in der Nähe des Gehirns und Rückenmarks, der Augen, der Leber, der Lunge und des Magen-Darmtraktes.