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Medical Comics ermöglichen Perspektivenwechsel

Von Alexandra Grass

Wissen
© Katharina Egger

Ausstellung der Medizinuniversität macht Unaussprechliches und Unausgesprochenes zum Thema.


Erst jüngst ist in Wien wieder einmal die alljährliche Comic Con erfolgreich über die Bühne gelaufen. Ob Marvel mit seinen Superhelden, Disney mit seinen schrägen Persönlichkeiten in Maus- und Entengestalt oder japanische Mangas - gezeichnete Bildgeschichten mit ihren Sprechblasen und Lautmalereien erfreuen sich großer Beliebtheit. Seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts sind Comics in der heute üblichen Bildform bekannt. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben sie sich zu diesem heute gefeierten Massenphänomen entwickelt.

Doch Comics sind viel mehr als Action, Spaß und Spannung. Sie offerieren vielfältige Möglichkeiten, sich mitzuteilen. "Unaussprechliches und Unausgesprochenes kann zu Papier gebracht werden, ebenso wie komplexe Inhalte, die vieler Worte bedürfen", beschreibt Andrea Praschinger vom Teaching Center der Medizinischen Universität Wien im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Diese Tatsache macht sich heute auch die Medizin zunutze. Eine Ausstellung zeigt nun auf, was Medical Comics (Graphic Medicine) bewirken und wie sie eingesetzt werden können.

Vehikel zur Kommunikation

"Comics sind ein sehr gutes Vehikel, um ernste Themen darzustellen. In der Schau "Medical Comics" unter dem Motto "Impression - Expression - Interaktion, Wahrnehmung in der Medizin" besteht die Möglichkeit, sich mit solch schwierigen Situationen im Alltag auseinanderzusetzen, diese leichter zu fassen und sich darauf einzulassen", erklären die Ausstellungs-Initiatorinnen Praschinger und Eva Katharina Masel von der Uniklinik für Innere Medizin I.

In vielen Situationen des Lebens gerät mitunter die Kommunikation ins Stocken. Eine Krebserkrankung ist definitiv eine solche. Ärzte müssen die Botschaft überbringen, der Patient muss die Information aufnehmen und verstehen lernen, Angehörige müssen der Veränderung ins Auge blicken und medizinisches Personal muss die Betroffenen begleiten. Dabei müssen Schmerz, Verlust, Überforderung, Trauer, Verletzungen sowie enorme emotionale Belastungen verarbeitet werden. Natürlich gibt es Bücher und Broschüren, um sich schlau zu machen. Doch wer schafft es dann schon, einen 300-Seiten-Wälzer zu lesen und den Inhalt auch noch zu verarbeiten, wenn sich der Abgrund auftut? "Es ist leichter, das mit Bildern zu tun", sagt Praschinger. Auf diese Art und Weise lassen sich Informationen häppchenweise verabreichen und die Betroffenen selbst können zudem reflektieren.

Kritisches Reflektieren

Das ist auch in der Ausstellung der Fall. Die Reflexion kritischer Situationen mithilfe der Comics erlaube einerseits den Blick hinter das Offensichtliche, aber auch die Möglichkeit des Perspektivenwechsels. Was fühlen die Figuren im Comic und was fühlen die Betrachtenden? Wo finden sie sich wieder? "Die Comics weisen darauf hin, wie sinnvoll es sein kann, die eigene Rolle zu verlassen."

Krankengeschichten

Ein stetig wachsender Bereich sind Krankengeschichten aus der Sicht von Patienten. Dabei teilen Betroffene ihre Erfahrung mit einer Erkrankung. So können etwa Menschen, die vielleicht unmittelbar am Beginn der Auseinandersetzung mit einer chronischen Erkrankung stehen, frühzeitig erreicht und unterstützt werden. Mittels Comics können das Wissen über ein Krankheitsbild, der mögliche Umgang und damit einhergehende Gefühle vermittelt werden.

Bestes Beispiel für eine solche Krankengeschichte ist etwa "Mom´s Cancer" (deutscher Titel: "Mutter hat Krebs") von Brian Fies. Der US-Autor schildert in diesem autobiografischen Comic den Alltag einer Familie in einer extremen Lebenssituation, ohne das Thema dabei zu trivialisieren. Er erwähnt medizinische Fakten genauso wie Behandlungsmethoden, Erfolge und Rückschläge. Dabei ermöglicht Fies seinen Lesern einen Perspektivenwechsel.

Eben so wie die Ausstellung im Hörsaalzentrum der Medizinischen Universität Wien im AKH Wien. Sie ist in drei Bereiche gegliedert, schildert Praschinger. "Help! Helfen mit Comics" stellt Situationen im klinischen Zusammenhang dar. "Sick! Kranksein im Comic" rückt die Sichtweise der Patienten und der Angehörigen in den Mittelpunkt. Und Mitmach-Stationen laden dazu ein, selbst sowohl in Aktion als auch in Interaktion zu treten.

Eigene Lehrveranstaltung

Alle Player im medizinischen Alltag sollen von Medical Comics profitieren, betont die Initiatorin. Auch die Studenten. An der Medizinuni wurde deshalb für das fünfte Studienjahr als Vorbereitung auf das klinisch-praktische Jahr eine eigene Pflichtlehrveranstaltung eingeführt, in der sich die Studierenden Aspekten der "Medical Humanities" widmen. Dazu erarbeiteten sie Reflexionen zu "Medical Comics" bzw. zeichneten eigene Entwürfe zur Thematik der herausfordernden Kommunikation im medizinischen Bereich, erklärt Praschinger. Kommunikation sei nämlich das Allerwichtigste in der Klinik. Und das Feedback seitens der Studenten dazu sei äußerst positiv. Nun soll überlegt werden, wie man den Schwerpunkt weiter im Curriculum Humanmedizin verankern kann. Gerade vor dem klinisch-praktischen Jahr sei es ein ganz besonders wichtiger Denkanstoß, noch einmal auf etwas anderes hinzuweisen.

Eine neue Disziplin

Studenten müssen Wissen erwerben, sie müssen Skills erwerben wie etwa Blutabnehmen und sie müssen Haltungen erwerben. Gerade im Bereich der Haltungen "sind die Bilder ein sehr gutes Vehikel. Man sagt immer, ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Das hat man auch bei uns in der Vorlesung gesehen. Zeigt man auf ein Bild, braucht man nicht mehr viel zu erklären. Das Bild hat so viel über gute oder schlechte Kommunikation ausgesagt, dass jedem klar war, was das Lernziel ist", schildert Andrea Praschinger lebhaft aus der Praxis.

Galionsfigur der Graphic Medicine ist der aus den USA stammende Allgemeinmediziner Ian Williams. Gemeinsam mit Mitstreitern aus Europa und seiner Heimat betreibt er seit einigen Jahren die Basisarbeit für den nun immer mehr boomenden Schwerpunkt. Patienten, Angehörige und Ärzte schätzen die Graphic Medicine sehr. Mittlerweile gibt es auch hochrangig publizierte Arbeiten, die deutlich machen, dass die Intervention mit Comics tatsächlich hilft. So wurde etwa Patienten vor einer Herzkatheteruntersuchung eine gezeichnete Broschüre überreicht. Jene, die sie gelesen haben, hatten den Eingriff besser verstanden und weniger Angst davor. Medical Comics sind eine neue Disziplin in der Medizin.

Ausstellung

Medical Comics

Hörsaalzentrum des AKH Wien

Währinger Gürtel 18-20,1090

bis 31. Jänner 2020

Eintritt kostenlos