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Medien als nützliche Helfer der Konzerne

Von Siobhán Geets

Politik

Unabhängige Medienprojekte sind die einzige Hoffnung für echte Pressefreiheit in Albanien.


Tirana. Die Enttäuschung vieler Journalisten in Albanien mit dem sozialistischen Premier Edi Rama ist groß. Sein Amtsantritt 2013 läutete eine Kehrtwende ein – zuvor hatte acht Jahre lang der konservative Sali Berisha regiert. Viel geändert hat sich dadurch allerdings nicht, sagen die Journalisten Aleksandra Bogdani und Blendi Salaj. Salaj, Jahrgang 1979, lebte 12 Jahre lang in den USA, bevor er 2008 nach Albanien zurückkehrte und den prominenten Medienblog peshkupauje.com gründete.

Heute ist Salaj in der Morgenshow von Radio Club FM zu hören. Seine gleichaltrige Kollegin Bogdani stieß 2014 zum Investigativnetzwerk Birn (Balkan Investigative Reporting Network). Seit rund 15 Jahre berichtet sie über Menschenhandel, Korruption, Machtmissbrauch und schreibt Reportagen aus Gerichtssälen und über organisiertes Verbrechen. Mit der "Wiener Zeitung" sprachen die beiden anlässlich des Internationalen Tages der Pressefreiheit am 3. Mai.

****<p>"Wiener Zeitung": Premier Edi Rama hat seit 2013 in Albanien viel verändert. Doch Medienvertreter des Landes scheinen enttäuscht von ihm. Wieso?

Blendi Salaj: Die Erwartungen waren sehr hoch. Rama sprach während Berishas Amtszeit Dinge an, die uns alle störten. Er versprach, sich nicht täglich ins Fernsehen zu drängen wie Berisha. Heute ist Rama drei Mal am Tag im TV zu sehen. Die Regierung ist im Fernsehen omnipräsent. Das geht soweit, dass man in Albanien sagt: Selbst, wenn du den Kühlschrank öffnest – Edi Rama ist auch dort. Zumindest fühlt es sich so an. Ich glaube, die albanische Regierung ist die am besten dokumentierte überhaupt.

Edi Rama bezeichnete kritische Medien als "Trash News". . .

Aleksandra Bogdani: Er nennt alle Medien als Trash News – Rama macht hier keinen Unterschied. Die meisten Medien in diesem Land gehören Leuten, die andere Konzerne leiten – etwa am Bausektor. Sie brauchen Verbindungen zur Regierung, damit ihre Geschäfte laufen, sie weiter Aufträge und Lizenzen erhalten. Der Staat hat es also gar nicht nötig, die Medien zu verfolgen oder zu unterdrücken. Insofern hat sich nicht viel geändert mit Rama: jene Menschen, die Berisha nahe standen, gehören nun zu Ramas Entourage.

Salaj: Viele Medien sind zudem Backup-Unternehmen für andere Firmen. So können etwa TV-Sender einem Minister das Leben zur Hölle machen und auf diese Weise Druck auf ihn ausüben, damit er dem Schwesterunternehmen des Senders einen bestimmten Auftrag gibt. Die Medien erfüllen einen Zweck, sie helfen den Unternehmen dabei, vom Staat zu profitieren. Es geht um Deals. Wenn regierungsfreundliche Sender nicht bekommen, was sie wollen, kippt die Berichterstattung kippt mitunter sofort ins Oppositionelle.

Schreiben Sie auch über diese Mechanismen?

Bogdani: Das sind alles offene Geheimnisse. Aber ja, Birn hat viele Geschichten über die Medien im Land veröffentlicht.

Salaj: Es ist sehr enttäuschend, dass sogar Medien, die böse Geschichten über Rama erfanden, als er noch in der Opposition war, heute seine besten Freunde sind. Umgekehrt sind Journalisten, die der alten Regierung kritisch gegenüberstanden, heute nicht erwünscht. Freier, kritischer Journalismus muss zwar nicht mit Gewalt rechnen. Diese Jobs verschwinden einfach.

Bogdani: Hinzu kommt, dass die Regierung und auch die Opposition ihre eigenen Medienseiten haben. Damit gehen sie auf kritische Artikel los, publizieren ihre eigenen Versionen der Geschichte. Sie spalten die Gesellschaft und lenken von den echten Themen ab. Das ist die größte Gefahr für unabhängigen Journalismus. Sie versuchen nicht, dir wehzutun. Sie zerstören deinen Ruf.

Was kann dagegen unternommen werden?

Salaj: Das einzige, was bisher funktioniert hat, sind unabhängige Medienprojekte, die in keiner Verbindung zu Unternehmen stehen – wie Birn. Birn können sie nichts anhaben.

Dann braucht es aber finanzielle Unterstützung von außen. Welche Rolle spielt die EU in der albanischen Medienlandschaft?

Bogdani: Die EU kann nicht viel tun, außer Druck auf die Regierung auszuüben.

Und Projekte wie Birn zu fördern, was sie ja bereits tut.
Salaj: Ich erinnere mich an ein Treffen mit der EU-Botschafterin, in dem es genau darum ging. Sie stimmte darin überein, dass dies ein Modell sein könnte, das man weiter unterstützt. Birn funktioniert, lasst es uns erweitern um ein oder zwei weitere Projekte.

Edi Rama scheint unabhängigen Medien keine Interviews zu geben – oder haben Sie ihn schon einmal gesprochen?

Bogdani: Am Anfang stellten wir unsere Fragen bei seinen Pressekonferenzen. Jetzt macht er das nicht mehr. Wir nutzen das Informationsrecht und schicken Fragen an sein Büro. Aber wir schreiben ohnehin mehr über Korruption und Aktivismus, dafür brauchten wir kein Interview mit Rama.

Salaj: Im Fernsehen ist er allerdings häufig zu sehen. Rama gibt mindestens einmal im Monat ein rund zweistündiges TV-Interview. Mittlerweile ist er auch einmal pro Woche live auf Facebook zu sehen. Und er hat eine Webseite namens Transparenz, auf der sie Medienartikel besprechen und ihre Version davon preisgeben. Sie nennen das "Die Wahrheit".

Bogdani: Das sind alternative Fakten – und das bereits vor Trump!

Berisha bezeichnete die New York Times nach einem kritischen Artikel als Toilettenpapier. Vom ehemaligen Künstler und Sozialisten Rama hat man sich mehr erwartet. Macht das die Enttäuschung noch größer?

Salaj: Klar! Rama war lange in der Opposition und kennt die Probleme. Das ist die Natur der Macht: Man will Kontrolle, man zieht Menschen vor, die einem applaudieren, einen bewundern.

Bogdani: Irgendwann glauben sie dann ihre eigene Propaganda. Sie sind ja auch nur von Ja-Sagern umgeben. 2015 brachten wir kurz vor den Regionalwahlen eine Story über drei Bürgermeisterkandidaten, die eine kriminelle Vergangenheit hatten – und etwa wegen Drogenhandels verhaftet wurden. Eine ganze Woche lang erklärte Premier Rama im Fernsehen, dass diese Männer sauber wären. "Birn lügt", hieß es. Das war verrückt, denn wir hatten Fakten, Details aus den Akten, Aussagen von Polizisten. Es brauchte fünf Monate, bis diese Männer aus der Politik ausgeschlossen wurden. Niemand hat je die Verantwortung für diesen Fehler übernommen.

Salaj: Einerseits spricht sich Rama für die Justizreform aus, die wirklich wichtig ist. Das ist nicht einfach, Hut ab. Andererseits haben wir in diesem Land einen sozialdemokratischen Bürgermeister, der in einen Gangrape involviert war – und niemand sagt etwas. Albanien hat ein riesiges Problem mit Gewalt gegen Frauen. Und dann wird so eine Sache unter den Tisch gekehrt… Dabei brüstet sich Rama gern damit, sich für Frauen einzusetzen.