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Medienschelte nach dem Prognosenflop

Von Thomas Müller

Politik

Washington - Für knapp 90 Minuten war George W. Bush dank der voreiligen amerikanischen Medien in der Wahlnacht bereits der 43. Präsident der USA. Alle großen Sender verkündeten den Sieg, die ersten Zeitungen titelten "Bush siegt" und aus dem Ausland trafen Gratulationen ein. Dann riss die Wahlrealität nicht nur den texanischen Gouverneur, sondern auch die Medien aus ihren Träumen. Am Tag danach herrschte vor allem bei den großen Fernsehsendern Katerstimmung.


CNN, CBS, NBC und ABC mussten eingestehen, dass sie sich zu früh vorgewagt hatten. Unter dem Konkurrenzdruck hatten sie nicht gewagt, auf zuverlässige Ergebnisse zu warten. Sie setzten stattdessen auf die noch unsicheren Zahlen ihres gemeinsamen Umfrageinstituts "Voter News Service" und gaben das erste falsche Wahlergebnis in Florida bereits bekannt, als die Wahllokale an der Golfküste des Bundesstaates noch geöffnet hatten.

So wurde zunächst Gore zum Sieger erklärt, dann Stunden später Bush und schließlich mussten die Sender alles widerrufen. Die Blamage war gewaltig, doch zu einer echten Entschuldigung sah sich keiner der TV-Bosse genötigt. Der Leiter der NBC- Wahlberichterstattung, Jeff Zucker, erklärte: "Wir haben diesen Fehler im guten Glauben gemacht. Wenn man einen Fehler macht und es eingesteht, dann ist das in Ordnung." Reumütiger zeigte sich die Moderatoren-Legende Dan Rather: "Wenn Sie auf uns sauer sind, kann ich das wirklich verstehen."

Die TV-Prognosen werden seit Jahren von verschiedener Seite immer wieder kritisiert. So präsentieren die Sender ihre Prognosen praktisch als Fakt. Mit dramatisch unterlegter Musik "erklären" CNN, ABC, NBC und CBS auf Grund der Hochrechnungen den Sieger als wären sie die Wahlkommissionen. Umstritten sind die Prognosen nicht zuletzt auch, weil sie in dem riesigen Land mit seinen drei großen Zeitzonen durchaus noch das Wählerverhalten beeinflussen können.

Die Fernsehsender verweisen auf ihre journalistische Aufgabe. "Es ist unsere Pflicht gegenüber den Zuschauern zu berichten, sobald die Information da ist", sagte ABC-Sprecher Jeffrey Schneider. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die stärker werdende Konkurrenz. In den vergangenen Jahren haben fast alle großen Sender Nachrichtenableger im kostenpflichtigen Kabelnetz gegründet, die sich am Markt behaupten müssen.

Hinzu kommt der massiv gestiegene Druck durch das Internet. Dort werden neue Entwicklungen praktisch in Echtzeit verbreitet - oft ohne jegliche redaktionelle Kontrolle. Der Internet-Klatschreporter Matt Drudge, der während der Lewinsky-Affäre praktisch jedes Gerücht ungefiltert auf seiner Webseite verbreitete, hatte den Sendern in der Wahlnacht den Kampf angesagt. Während CNN, ABC, NBC und ABC die ersten Trends zwar vorliegen haben, mit der Veröffentlichung zumindest aber generell bis zur Schließung der Wahllokale warten, gab Drudge alle Trends und Prognosen sofort weiter. Dass es dafür einen Bedarf gab, wurde bereits nach wenigen Stunden deutlich. Seine Webseite wurde so mit Anfragen überflutet, dass sein Server zusammenbrach und niemand die Seite mehr einsehen konnte.