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Medizin an der Kommerzgrenze

Von Stefan Beig

Wissen

Piza: "Der Patient ist kein Klient, dessen Wünsche der Arzt zu erfüllen hat." | Arzt-Ethos und Vertrauensverhältnis sind entscheidend. | Wien. "Die Ansprüche der Patienten sind massiv gestiegen." Hildegunde Piza-Katzer, bis vor wenigen Wochen Vorstand der Universitätsklinik für Plastische und Wiederherstellungschirurgie in Innsbruck, kann auf eine 40-jährige Berufserfahrung als Chirurgin zurückblicken. Schönheitsoperationen sind laut Piza immer gefragter: "Das Körperbewusstsein hat sich geändert. Im Gegensatz zu früher stehen manche Menschen heute auf dem Standpunkt, dass der Arzt alles zu erfüllen hat, wofür sie ihn bezahlen."


Am Freitag nahm Piza-Katzer am Symposium "Medizin, Ideologie und Markt" in Wien teil. Wird sich die Medizin der Zukunft allein an Kundenwünschen und ökonomischen Selbstgesetzlichkeiten orientieren? Dieser Frage galt die Veranstaltung, die das Institut für Medizinische Anthropologie und Bioethik anlässlich seines 20-jährigen Bestehens organisierte. Piza bestätigte im "WZ"-Gespräch gewisse negative Trends.

"Mode und Werbung haben stark die Wünsche der Patienten beeinflusst", so Piza. "Die Grenze der Medizin wird überschritten, wenn der Chirurg jeden Patientenwunsch erfüllt. Bei Operationen läuft er Gefahr, auch Schaden anzurichten. Eine missglückte Brustoperation an einer 17-Jährigen, die ihren eigenen Körper noch gar nicht richtig kennt, kann die Betroffene zur Dauerpatientin machen." Manche Patienten bereuen später ihre Entscheidung. "Nach missglückten Operationen wollen manche wieder ihren früheren Zustand, aber das geht nicht mehr. Ein Gesichtsnerv, der bei einer Operation durchtrennt wurde, kann wohl wiederhergestellt werden; das Ergebnis bleibt aber hinter den Erwartungen zurück. Chirurgische Eingriffe haben irreversiblen Charakter."

Dass man dem Problem durch Gesetze beikommen kann, bezweifelt die Chirurgin: "In Deutschland wird daran gearbeitet, Schönheitsoperationen an Minderjährigen gesetzlich zu verbieten. Derzeit wird über Ähnliches auch in Österreich nachgedacht. Ich bin kein Freund von zu vielen Gesetzen. Wichtiger wäre, dass unter Ärzten Klarheit über ihre Verantwortung herrscht. Die Verantwortung des Arztes sollte im Vordergrund stehen."

Psychiatrische Gutachten

Piza betont: "Der Patient ist kein Klient, dessen Wünsche der Arzt zu erfüllen hat." Gerade die Chirurgie werde auch für nicht-medizinische Zwecke missbraucht. Aber: "Chirurgen sind nicht Gewerbetreibende, sondern Ärzte mit dem Auftrag zu heilen. Muss der Arzt alles machen, was man von ihm will? Etwa eine Vaginalverjüngung?"

Die Krankenkassen würden schönheitschirurgische Eingriffe prinzipiell nicht bezahlen. Freilich: "Manchmal weisen Klienten Gutachten von Psychiatern vor, die ihnen Depressionen und andere psychische Belastungen wegen ihres Körperbaus attestieren."

Seit 2400 Jahren verpflichtet der Hippokratische Eid Ärzte zu verantwortungsbewusstem Handeln. Auch Piza setzt beim Arzt-Ethos an. "Mittlerweile gibt es unzählige Ethikkommissionen, die über die Zulassung von Medikamenten und anderes entscheiden. Das entbindet aber den Arzt nicht seiner Verantwortung. Die neuen Studienordnungen, in die Ethik-Vorlesungen eingebaut wurden, scheinen mir hier ein sehr guter Weg zu sein."

In der bioethischen Debatte wurde zuletzt mehr die Patientenautonomie als die ärztliche Fürsorge betont. Piza kann dem nichts abgewinnen. "Der Patient ist nicht so autonom, wie Bioethikkommissionen gerne glauben. Wer einen Herzinfarkt hat, braucht die beste Hilfe. Er muss darauf vertrauen, dass der Arzt bestens ausgebildet ist und auf seiner Seite steht. Wo ist hier die Autonomie? Entscheidend ist die Vertrauensbasis, die der Arzt aufbauen muss." In Spitälern dürfe das Arzt-Patient-Verhältnis nicht unter zu viel Administration leiden, der Arzt müsse genügend Zeit für den Patienten haben.

"Immer mehr Medizinabsolventen arbeiten nach ihrem Studium nicht mehr als Ärzte am Patienten, sondern gehen in die Pharmaindustrie oder werden Medizinmanager. Die Frage dabei ist: Warum?"