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Medizin aus dem Rucksack

Von Gabriele Schaumberger

Reflexionen

Der "Karenni State" in Myanmar ist von jahrzehntelangen Kämpfen mit der Zentralregierung zerrüttet. Mit österreichischer Hilfe werden dort mobile Kliniken betrieben. Eindrücke von einer Reise.


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Bischof Stephens rechte Hand beschreibt eine Kurve, erst nach unten, dann steil aufwärts. Damit meint er keine Statistik, sondern eine Schlüsselstelle auf unserer Reiseroute, eine kaum befahrene Straße ins Hinterland. Im Bischofshaus von Loikaw, der Hauptstadt des kleinen Karenni-Staates in Myanmar, wurde gerade unsere Reiseroute in immer noch gesperrtes Gebiet beschlossen.

Der Karenni oder Kayah State ist der kleinste der sieben Minderheiten-Staaten Myanmars. Er wird hauptsächlich von sino-tibetischen Volksgruppen bewohnt und hat 300.000 Einwohner. Karenni State gilt als das rückständigste Gebiet in Myanmar. Die Sterblichkeitsrate durch Mangelernährung ist die höchste im Land, während die Zahl der Schulen, Lehrer und Studenten die niedrigste ist. Es gibt ein Krankenhaus in Loikaw, aber in den ländlichen Gebieten ist medizinische Versorgung kaum existent.

Von 1957 bis 2012 befanden sich die Rebellen der Karenni National Progressive Party (KnPP) im bewaffneten Konflikt mit der Regierung, seit März 2012 gilt eine vorläufige Waffenruhe. Wegen seiner geografisch und klimatisch extremen Lage war das Gebiet lange von der Außenwelt fast abgeschlossen. Das Vordringen des Militärs zwang viele Bewohner zur Flucht, noch heute leben rund 25.000 Flüchtlinge in Lagern entlang der thailändischen Grenze. Karenni State ist reich an Bodenschätzen.

Rucksacksanitäter

Das Ziel unserer Fahrt ist eine der "Mobilen Kliniken", die dort Gesundheitsversorgung für ehemalige Binnenflüchtlinge bringt. Wir, das sind die österreichischen Helfer und die einheimischen Betreiber der Kliniken. Das "Projekt Mobile Kliniken" wurde 1989 im thailändischen Exil von Flüchtlingen gegründet und brachte ursprünglich Basisgesundheitsversorgung in die Bürgerkriegsgebiete des Karenni State. Heute versorgen rotierende Rucksacksanitäterteams sowie zehn stationäre "Kliniken" 60.000 Menschen im Hinterland. Die Caritas, die Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar sowie die Burmahilfe ermöglichen dieses selbstverwaltete Projekt. 120 Angehörige lokaler Minderheitengruppen stellen das gesamte Personal.

Unsere Reiseroute führt in von der KnPP kontrolliertes Gebiet. Vor hundert Jahren gründeten hier italienische Missionare ihre Stützpunkte, noch heute sind alle Bewohner katholisch. Während der schlimmsten Zeiten des Bürgerkrieges half man einander heimlich: Die Rebellen stellten Schutztruppen und organisierten mobile Sanitäterteams aus dem Exil. Die katholische Kirche wiederum versorgt noch heute entlegenste Gebiete mit Reis und unterhält Schulen und Waisenheime.

Aber Spenden und Finanzierungen sind seit den Wahlen 2010 rapide zurückgegangen, Projekte mussten eingestellt werden. Wer jetzt helfen will, wird durch Regierungsrichtlinien stark eingeschränkt.

Mit EU-Geldern werden Straßen gebaut. Wir sind die ersten "Fremden", die auf ihnen in das rohstoffreiche und zugleich bitterarme Hinterland reisen. Unsere Reisegesellschaft ist auf zwei etwas bedenklich aussehende Fahrzeuge aufgeteilt: Pater Francis, vom Stamm der Kayahs, besser bekannt als "Langhälse", sorgt für Kontakte zu den am Weg liegenden Missionsstationen. Philip, vom Stamm der Kayah, ist Direktor des Projektes, das nach 20 Jahren ungefähr 60.000 Menschen Zugang zur Basisgesundheitsversorgung ermöglicht.

Zum Glück ist Moebu wieder da. Die energische junge Karenni-Frau hat in den Kriegswirren den Großteil ihrer Familie verloren, kam als Jugendliche in ein an der thailändischen Grenze gelegenes Flüchtlingscamp und leitet - nach einer Ausbildung an einem Londoner Tropenspital - das ganze Projekt der Mobilen Kliniken gemeinsam mit Toe Reh. Der liegt eingemummt zwischen Kisten mit Medikamenten auf der Ladefläche des Pick Ups und hat nach zwei Stunden Fahrt eine rötlich braune Staubschicht angesetzt - die Farbe der Straße. Toe Reh koordiniert sämtliche Einsätze.

Dialogversuche

Nach einer ereignisreichen Reise erreichen wir spätabends unser Ziel. Es ist wunderbar hier, inmitten dieser einzigartigen Natur mit ihren bunten Völkern, die trotz endloser Kriegsdramen ihren Humor behielten.

Nach 60 Jahren bewaffneten Konfliktes unterzeichnete die KnPP 2012 eine vorläufige Waffenruhe mit der Regierung, die nach wie vor eingehalten wird. Schlimmste Menschenrechtsverletzungen gibt es nicht mehr - zumindest nicht in Karenni State. Zugenommen haben diese allerdings in anderen Teilen des 135 Ethnien zählenden Landes. Die Rohyngyias, eine muslimische Minderheit an der Grenze zu Bangladesch, werden von der Regierung wie illegale Migranten behandelt. Auf Booten versuchen sie zu entkommen, werden aber nirgends an Land gelassen. Anders als am Wiener Westbahnhof werden sie in den angrenzenden Ländern nicht willkommen geheißen, sondern verschwinden in Sklaverei und Menschenhandel. Die UN bezeichnet sie als die meistverfolgte Minderheit der Erde.

Ebenso nahmen die bewaffneten Reibereien zwischen der Regierung und anderen Ethnien seit den Wahlen 2010 stetig zu. Hunderttausende Binnenflüchtlinge erreicht keine internationale Hilfe. Auch nach dem überwältigenden Wahlsieg der Opposition vor wenigen Wochen bleiben die ethnischen Verbände zurückhaltend und weigern sich weiterhin, den von der Regierung vorgeschlagenen "Landesweiten Waffenstillstand" zu unterzeichnen.

Der frühmorgendliche Vorhang aus Nebel hebt sich langsam. Ein Vormittag bleibt uns, um Klinik und Dorf zu besuchen. Orgelmusik aus einem Holzkirchlein - "oh when the saints" - untermalt das vorüberziehende Treiben: eine junge Frau hat einen Baumstamm geschultert, ein barfüßiger Kleiner führt seine blinde Oma, die am Rücken eine Butte mit Kleinholz nach Hause trägt. Männer sind rar hier. Im angrenzenden Dschungel wird fleißig an wahrhaft "schrägen" Bambusbehausungen gebaut.

Alle lächeln. Auch Pater Francis lächelt bei den Schilderungen der Raubüberfälle durch Regierungstruppen, die nun doch seit fünf Jahren ein Ende gefunden haben. Viele getrauen sich wieder, in ihre ehemaligen Dörfer zurückzukehren. "Wir brauchen Bildung und Aufklärung hier. Als erstes aber mehr Reis. Dass es jetzt eine Krankenstation gibt, macht vielen Mut", erklärt der Pater.

Die im Panglong-Vertrag von 1947 verhandelten Minderheitenrechte auf Autonomie und Sezession erklärte General Ne Win 1962 nach dem Militärputsch für null und nichtig. Der bewaffnete Widerstand gegen die Zentralregierung hat in vielen Gebieten noch kein Ende gefunden. Die Unterzeichnung des "Landesweiten Waffenstillstandes" durch drei bewaffnete Ethnien befriedigte zwar die internationalen Geldgeber, änderte aber nichts an der Situation. Es wird heute noch gekämpft, vorwiegend im rohstoffreichen Norden. Die größten und wichtigsten Ethnien sind von den Verhandlungen ausgeschlossen, manche wenden sich an China.

"Würde die Regierung alle Ethnien am Verhandlungstisch akzeptieren, mit dem politischen Dialog beginnen, sowie ein Monitoring zur Einhaltung der Waffenruhe beiderseits etablieren, würden wir morgen dieses Abkommen unterschreiben", sagt Aung San Myint, Sprecher des ethnischen Bündnisses und Sekretär der KnPP. Sollte die Waffenruhe in die Brüche gehen, wären Dorf und Klinik wieder Ziel von Überfällen.

Rund um die Uhr

Wie alle anderen Gebäude ist die Klinik ein einfaches offenes Bambuskonstrukt und erkennbar an dem monumentalen Plakat, welches mit Bildern auf dessen Existenz hinweist. Anmeldung nicht erforderlich, versorgt wird nach Bedarf, rund um die Uhr. Moebu widmet sich gerade einem schwer verkühlten Jungen, dessen Mutter sichtlich erleichtert ist, nachdem er ein fiebersenkendes Mittel verabreicht bekam und nun laut brüllt. Zwischen den Konsultationen werden Materialbestand und Organisatorisches besprochen.

Die Kapazitäten der hier stationierten Sanitäterteams sind limitiert, nicht zuletzt wegen mangelnder Ausrüstung und Ausbildung, die von niemandem finanziert werden. "Es ist jetzt viel schwieriger für uns, Unterstützung zu finden", informiert uns Moebu, "also müssen wir uns noch mehr bemühen." Sie schenkt uns ein strahlend rotes Betel-Lächeln, bevor sie dem von weit her angereisten jungen Mann die Medikamente für seinen Opa einpackt.

Wegen der vom Bischof eindrucksvoll geschilderten Straßenpassagen nehmen wir eine andere Route zurück. Kräftig durchgeschüttelt, erreichen wir nach einigen Pannen die Hauptstadt.

Letzte Audienz in Loikaw. Altbischof Sotero ist berührt von unseren Reiseschilderungen. Der Gründer der Caritas Myanmar und "Friedensbischof" hat nach zwei Schlaganfällen sein Amt niedergelegt. Das Feuer in seinen Augen ist aber noch nicht erloschen, als er uns den Rat mitgibt, "etwas zu riskieren im Leben, sonst erreichen wir auch nichts". Ich hab’s mir gemerkt.

Spenden: "Mobile Kliniken"

Burmahilfe, Erste Bank

IBAN AT94201112866 2744200

BIC GIBAATWWXXX

Gabriele Schaumberger lebt in Wien, ist Gründerin und Obfrau der Burmahilfe und engagiert sich für die Rechte der burmesischen Minderheiten.