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Medizinische Fortschritte gegen Aids sind nur die halbe Miete

Von Heiner Boberski

Analysen

Der Kampf gegen die Immunschwäche Aids gehört zu den Erfolgsgeschichten der Medizin. Bei kaum einer ähnlich schweren Krankheit sind im Zeitraum von wenigen Jahrzehnten so große Fortschritte gemacht worden. Was als Todesurteil galt, wird heute dank neu entwickelter, nicht gerade billiger Medikamente mit chronischen Leiden wie Diabetes und Asthma verglichen. Und soeben hat die US-Arznei- und Lebensmittelaufsicht FDA das Präparat Truvada zugelassen, eine Tablette, die das Risiko einer HIV-Infektion deutlich reduzieren soll.

Dass sich die medizinische Forschung rasch und mit hohem finanziellen Aufwand dem HI-Virus gewidmet hat, hat natürlich damit zu tun, dass sich Aids vor 30 Jahren in Nordamerika und Europa rasant ausbreitete und prominente Opfer wie die Hollywood-Stars Anthony Perkins und Rock Hudson forderte. Im Raum Los Angeles ist das Thema weiter so brisant, dass dort im November ein Referendum über die Einführung einer Kondompflicht in der Porno-Industrie entscheiden soll.

Auf seltene Krankheiten oder Seuchen in armen Ländern lässt sich die Pharma-Industrie nicht so gern ein. In Mosambik, einem Land mit sehr hoher Aids-Rate, geht dieser Tage die erste zu 100 Prozent öffentlich finanzierte Fabrik in Afrika für Medikamente zur Aids-Behandlung in Betrieb. Mitfinanziert hat sie nicht der reiche Norden, sondern Brasilien.

Südlich der Sahara leben und leiden die meisten der weltweit etwa 34 Millionen HIV-Infizierten. Zu Recht bezweifelt Margaret Chan, Chefin der Weltgesundheitsorganisation WHO, dass das UN-Ziel, bis 2015 etwa 15 Millionen HIV-Infizierte medikamentös zu behandeln, erreichbar ist.

Die medizinischen Fortschritte, die keineswegs allen zugute kommen, suggerieren, der Kampf gegen Aids sei fast gewonnen. Das ist weltweit betrachtet ein großer Irrtum und in den Industrieländern eine gefährliche Quelle von Sorglosigkeit und Unterschätzung des HI-Virus. So wurden 2011 in Österreich 525 neue HIV-Infektionen registriert, deutlich mehr als die 487 von 2010.

In den USA heißt es, dass sich ein Fünftel der Infizierten der Infektion gar nicht bewusst ist. Im Oktober kommt dort der erste frei verkäufliche HIV-Test für den Hausgebrauch auf den Markt. Das Analysegerät "OraQuick in-home" ist für umgerechnet weniger als 20 Euro erhältlich. Da droht dann manch böses Erwachen.