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Medizinisches Proletariat droht

Von Brigitte Pechar

Wissen

Kammer gegen Approbation nach Medizinstudium. | Dokumentation an Sekretariate auslagern. | Wien. Die Ärztekammer warnte am Mittwoch vor Qualitätseinbußen vor allem bei Allgemeinmedizinern. "Wir bilden den medizinischen Nachwuchs leider sehr schlecht aus. Das liegt nicht an den Ausbildnern, sondern am System", sagte Harald Mayer, Vizepräsident der österreichischen Ärztekammer.


Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ifes unter Jungmedizinern zeigt, dass Turnusärzte in Ausbildung zum Facharzt unter langen Dienstzeiten, Turnusärzte in Ausbildung zum Allgemeinmediziner unter zu vielen administrativen Tätigkeiten leiden.

Mayer forderte daher, Turnusärzte von administrativen Tätigkeiten zu befreien: "Dokumentation ist nicht ärztliche Tätigkeit, sondern ärztliche Verantwortung." Für Dokumentationszwecke sollten Stationssekretäre oder Stationsassistenten angestellt werden. Das könnten die Krankenhäuser sehr leicht organisieren. Und was die Arbeitszeit in Spitälern betrifft, seien 25 Stunden genug - "auch im Sinn der Patientensicherheit".

Gesetzliche Änderungen wünscht sich Mayer aber besonders für die Ausbildung der Allgemeinmediziner. Er fordert, dass angehende Allgemeinmediziner ein verpflichtendes Lehrjahr in einer Arztpraxis machen. "Das muss man aber auch finanzieren." Mayer schlug für die Kostenaufteilung eine Drittel-Lösung vor: Arzt, Land und Bund.

Massive Kritik übt die Ärztekammer am Vorschlag von Wissenschaftsministerin Beatrix Karl zur Reform der Medizinerausbildung. Demnach soll bereits während des sechsjährigen Medizinstudiums ein klinisches praktisches Jahr absolviert werden. Zum Studienabschluss erhalten die Jungmediziner eine Teil-

approbation, die sie zu ausgewählten eigenständigen Arbeiten am Patienten befähigt. Derzeit erhalten Allgemeinmediziner ihre Approbation erst nach einem dreijährigen Turnus.

"Ich habe große Bedenken gegen eine sofortige Approbation nach dem Studium. Man schafft damit ein medizinisches Proletariat", erklärte Mayr. Die Kammer sei in dieser Frage auf einer Linie. Damit produziere man kostengünstige Systemerhalter für die Spitäler, die Ausbildung würde weiter an Qualität einbüßen.

Gerichtsmedizin fehlen Platz und Leichen

Ein Ausbildungsproblem ganz anderer Art haben die Gerichtsmediziner. Zwar wurde die Wiener Gerichtsmedizin nun so weit saniert, dass dort gerichtlich angeordnete Obduktionen wieder stattfinden können. Es fehlt aber an sogenannten sanitätspolizeilichen Todesfällen (der Amtsarzt entscheidet bei Todesfällen zu Hause oder auf der Straße, ob obduziert wird), die zu einer Facharztausbildung unbedingt notwendig wären, weil die Stadt Wien mittlerweile diese Obduktionen einerseits reduziert hat und andererseits an andern Spitälern durchführen lässt. Und es fehlen dafür auch die Räumlichkeiten. Der Bau dafür würde rund 16 Millionen Euro kosten.

"Aus forensisch-medizinischer Sicht wäre ein zentrales Institut sinnvoll", sagt Thomas Szekeres, Vizepräsident der Wiener Ärztekammer, dazu. Er versteht aber, dass Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely die Finanzierung nicht alleine schultern will. Schließlich muss auch der Bund Interesse daran haben, ausreichend Gerichtsmediziner auszubilden. Szekeres schlägt vor, dass das Wissenschaftsministerium oder die Medizinuni Wien, die Stadt und das Justiz- und Innenministerium eine Gesellschaft gründen und gemeinsam finanzieren.

Denn durch sanitätspolizeiliche Untersuchungen wäre nicht nur der Ausbildung gedient, auch Mordfälle oder Epidemien könnten frühzeitig erkannt werden, sagte Szekeres.