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Mehr als Bridge, Bingo oder Basteln

Von Sarah Yolanda Koss

Politik

Senioren leisten Sozialarbeit und setzen sich für ihre Pension ein - politische Ambitionen verschwinden nicht mit 60.


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Wien. Österreich befindet sich mitten im Bundespräsidentschaftswahlkampf, als Frau Gertrude, 89, Holocaust-Überlebende, für Aufruhr sorgt. In einem Video vergleicht sie die politischen Vorgänge mit der NS-Vergangenheit und beeinflusst so den Wahlausgang. Zwei Jahre zuvor wird Frida Nagl, 74, als Wut-Oma bekannt. Sie setzt sich im Sommergespräch für ihre Rechte als Unternehmerin ein. Seniorinnen, deren politisches Engagement so immens ist, dass sie Politik beeinflussen. Einzelfälle? Wohl kaum.

Als sie beginnt, Recht zu studieren, ist Gertraud Burtscher 60 Jahre alt. Drei Jahre später erhält sie mit ihrem abgeschlossenen Studium einen Job in einer Steuerberatungskanzlei in Vorarlberg. Das durchschnittliche Pensionsantrittsalter in Österreich liegt bei 62 Jahren. Burtscher kann sich eine Pension aber nicht leisten. Die Erziehung ihrer sieben Kinder wird nicht in ihre Pension eingerechnet.

Die Empörten der "Oma-Revolte"

Mit 74 reicht es ihr. Um das Pensionssystem aufrecht zu erhalten, benötige es zwei Dinge: Die mittlere Generation müsse arbeiten, und sie müsse Kinder großziehen. "Und ich sehe nicht ein, warum in der Pensionsberechnung das Kinderbekommen plötzlich nichts mehr wert sein soll", so Burtscher im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Sie beschließt, etwas zu unternehmen und organisiert kurzerhand eine Demonstration in Bregenz. 300 Menschen versammeln sich im Mai mit ihr zur "Oma-Revolte". Sie verlangen unter anderem eine Einrechnung der Kindererziehungzeiten in die Pensionsauszahlungen. Aber es geht hier nicht nur um einen finanziellen, sondern auch um einen symbolischen Aspekt: "Was mich besonders stört, ist die Einschätzung der Hausarbeit und Kindererziehung als nicht wertvoll", sagt Burtscher. Von den ungerechten Umständen seien vor allem alleinstehende Frauen aus Burtschers Generation betroffen. Aber auch Familien hätten unter den jetzigen Bestimmungen zu leiden: "In manchen Fällen beträgt das Familieneinkommen eines pensionierten Paares 1200 Euro im Monat", erklärt Burtscher.

Der nächste Protest soll am ersten September auf dem Heldenplatz in Wien stattfinden. Die Mobilisierung beinhaltet besondere Schwierigkeiten: "Viele ältere Leute haben kein Internet, ihnen kann ich nicht einmal ein E-Mail schreiben", klagt Burtscher. Zusätzlich seien Interessierte oft nicht mehr in der Lage dazu, von Vorarlberg bis Wien zu fahren. Einige machen es aber trotzdem. Für sie hat Burtscher einen gemeinsamen Bus organisiert, und auch Betten in einer Jugendherberge, weil sich die meisten Demonstranten kein Hotel leisten können. Burtscher ist optimistisch: "Das werden Schlafräume voll mit alten Leuten. Ich glaube, das wird lustig."

Aktivisten gegen Altersarmut

Doch nicht nur in Vorarlberg tut sich einiges. Es ist das Jahr 1999 in Linz, als Susanne Stockinger und Günter Lahr in ihren letzten Arbeitsjahren gekündigt werden. Stockinger, die bis auf ihre Karenzjahre ihr gesamtes Leben gearbeitet hat, erlebt, wie es sich anfühlt, arbeitslos zu sein: "Niemand ist gerne in dieser Position, trotzdem wird oft ein großer Druck auf die Betroffenen ausgeübt", beschreibt sie. Besonders ältere Menschen seien in so einer Situation oft hilflos.

Stockinger und Lahr möchten etwas ändern. "Wir wollten den anderen und uns selbst helfen", erklärt sie. So wird der Grundstock für den Verein "Arbeitslose helfen Arbeitslosen" (AhA) gelegt. Fortan unterstützt AhA vor allem ältere Arbeitslose durch Beratungsgespräche sowie bei Amtsgängen und hält kostenlose Computerkurse ab.

Der Verein hat Erfolg und eröffnet im Lauf der Jahre Zweigstellen in Steyr und Gmunden. 2016 erschöpfen sich dennoch die Kräfte der beiden Initiatoren, der Verein muss geschlossen werden. Lahr ist mittlerweile 80, Stockinger 70 Jahre alt. "Wir sind mit dem Verein alt geworden und mussten ihn aufgeben." Zurück bleibt eine Lücke.

Auch am oberösterreichischen Land sind Senioren tatkräftig engagiert. 2008 entsteht der Sozialmarkt Mondseeland, die Freiwilligen des Betriebs sind zu drei Vierteln Pensionisten. Der Markt setzt gleich an mehreren Bereichen an, da er aus Empörung über zwei Missstände entstanden ist. Erstens, dass viele Waren in Supermärkten trotz guten Zustands weggeworfen werden, zweitens aufgrund des Problems, dass in der Gegend des Mondseelandes viele Menschen mit Mindestpension wohnen.

Der Sozialmarkt arbeitet mit umliegenden Supermärkten zusammen, die freiwilligen Mitarbeiter holen beschädigte Waren ab und verkaufen sie dann zu 30 Prozent des ursprünglichen Preises weiter. Der Großteil der Kunden sind Mindestpensionsbezieher. Ein 70-jähriges Vorstandsmitglied des Vereins zeigt sich empört über die Pensionsverhältnisse, die die Gründung des Marktes notwendig machen: "Es ist schlimm, dass Menschen auf unseren Markt angewiesen sind. In der jetzigen Situation ist der Lebensunterhalt gerade noch zu bestreiten, für mehr bleibt nichts übrig."

Doch Pensionen sind nicht das einzige Thema, das Senioren beschäftigt. International wecken andere Probleme die Aktivisten in ihnen und lassen sie mitunter auch zur Spraydose greifen. Das bewies die 86-jährige Louise Schneider im April. Sie verewigte sich in Bern mit den Worten "Geld für Waffen tötet" auf den Mauern der Nationalbank. Die Schweizer Polizei ließ sie ihr Werk in roter Farbe vollenden, bevor sie sie festnahm.

Die Einzelkämpfer der Straße

Auch die 72 Jahre alte Irmela Mensah-Schramm aus Deutschland hat sich mittlerweile einen Namen gemacht. Ohne ihre Tasche mit Nagellack, Spachtel und Spraydosen verlässt sie nie ihr Haus. Die Utensilien nutzt sie, um Sticker und Graffitis von Rechtsradikalen aus der Öffentlichkeit zu entfernen. Die letzten Schlagzeilen machte sie im Juni, als sie sich weigerte, aus einer Sitzblockade gegen die Identitäre Bewegung aufzustehen.

Ob es wohl ein Alter gibt, in dem politisches Engagement nicht mehr möglich ist? Burtscher verneint das. Die Initiative sei zwar anstrengend, aber zurückziehen möchte sie sich erst, wenn sie das Gefühl hat, etwas erreicht zu haben: "Ich möchte, dass sich die Situation verbessert", meint sie. Ihre nächsten Schritte sind bereits in Planung: "Eine 80-Jährige hatte den Vorschlag, im September 2018 einen Hungerstreik vor dem Parlament zu machen. Vielleicht fällt uns aber noch etwas Besseres ein."