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Mehr Geld, weniger Spektakel

Von Klaus Huhold

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Bei dieser WM ist häufig Defensive Trumpf. Auch bei künftigen Turnieren wird das der Fall sein. Das hat viel mit Werbeeinnahmen zu tun.


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Wem bei dieser WM als Zuschauer einmal fad sein sollte (was dem einem oder anderen bei der russischen Abwehrschlacht gegen Spanien passiert sein könnte), der kann sich die Zeit mit einem Zählspiel vertreiben. Und zwar geht es darum zu zählen, wie viele Spieler der ballführenden Mannschaft sich in den Angriff einschalten. Das Ergebnis wird oft sein, dass sehr wenige den Gang nach vorne wagen: Bei den Russen waren es gegen Spanien manchmal gar nur zwei, drei Spieler, die bei den Offensivaktionen mitwirkten. 74 Prozent Ballbesitz hatte Spanien in dieser Begegnung, trotzdem verloren die Iberer durch Elferschießen.

Das Match war typisch für diese WM und den modernen Fußball: Trifft ein Außenseiter auf einen Favoriten, dann igelt sich der Underdog hinten ein.

Und den Großen des Weltfußballs fällt es zusehends schwer, sich gegen diese Bollwerke Chancen zu erspielen. Denn die Vierer- und Fünferketten greifen fein abgestimmt ineinander. Zudem haben auch die Favoriten Angst vor dem Gegentor. Weil es - eben wegen der gut aufgestellten Defensivreihen - immer schwieriger wird, einen Rückstand in einen Sieg zu verwandeln. Deshalb achten auch Teams mit viel Offensivpotenzial - wie etwa Kroatien beim erst durch Elfmeterschießen gewonnenen Achtelfinale gegen Dänemark - sehr auf ihre Absicherung, dass sie mehr Akteure hinter als vor dem ballführenden Spieler positioniert haben.

Freilich gab es spektakuläre Partien bei dieser WM, etwa das 4:3 Frankreichs gegen Argentinien. Und es gab großartige Angriffsaktionen - wie das erste Tor Uruguays beim 2:1 gegen Portugal, als Edinson Cavani und Luis Suárez einen Doppelpass fast über die gesamte Breite des Feldes spielten. Doch insgesamt hat die WM einen defensiven Charakter. Und es steht zu befürchten, dass dies auch bei künftigen Turnieren der Fall sein wird.

Was vor allem daran liegt, dass die Entscheidungsträger in den großen Verbänden wie Fifa und Uefa meinen, dass sie noch mehr Geld verdienen müssen. Weshalb sie die Turniere immer mehr aufblähen. Dadurch steigen die Spielminuten, was wiederum mehr Werbeeinnahmen bringt. Für die Turniere bedeutet das: mehr limitierte Teams, die ihr spielerisches Defizit durch Defensivarbeit wettzumachen versuchen. Zu sehen war das bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren: Dieses einst so attraktive Turnier hat mit der Aufstockung von 16 auf 24 Team massiv an Qualität verloren, weil nun acht Mannschaften zusätzlich dabei sind, die vor allem mauern. Auch die WM wird in acht Jahren 48 Nationen umfassen.

Den Einschaltquoten und damit Werbeeinnahmen scheint das nicht zu schaden. Was viele Gründe hat, etwa das professionelle Marketing. Aber auch damit zusammenhängt, dass mittelmäßige Partien unglaublich spannend sein können. Weil im Fußball der Kleine den Großen schlagen kann. Deutschland gegen Südkorea war kein sonderlich gutes Spiel, ein einfallsloser Favorit mühte sich gegen einen defensiv eingestellten Außenseiter ab, der zunächst sämtliche Konter verstolperte. Aber alle waren mitgerissen, ob die große Sensation kommt und es den Weltmeister erwischt.