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Mehr Licht

Von Brigitte Suchan

Reflexionen
© MA 33

Um die Stadt Wien zu beleuchten, werken im Zeichen der Eule die Lichttechniker der Magistratsabteilung 33, "Wien leuchtet". Sie spielen mit Licht, Schatten und Farben, nicht nur um die Sehenswürdigkeiten Wiens ins rechte Licht zu rücken, sondern vor allem um Sicherheit zu vermitteln.


"Licht gibt Sicherheit", stellt der Leiter der MA 33, Harald Bekehrti, fest. Die Sache scheint ziemlich einfach, denn der Herr über 150.000 Lichtpunkte in Wien weiß, wovon er spricht. Man kennt das ja auch aus eigener Erfahrung, dunkle Wege, finstere Unterführungen und schlecht beleuchtete Garagen haben etwas Unheimliches. "Angsträume" nennen das die Fachleute. Und obwohl Angsträume nicht automatisch Tatorte sein müssen, gilt es genau diese zu vermeiden. "Das Gefühl von Bedrohung ist subjektiv", weiß Bekehrti und er führt als Beispiel an, dass wohl niemand gern nachts über den Friedhof geht, obwohl die Wahrscheinlichkeit, dass einem an diesem Ort Gefahr droht, eher gering ist. Diese subjektiven Ängste, die vor allem Frauen, Kinder und ältere Menschen plagen, spielen im Masterplan Licht, der die Grundlage für die Entwicklung des Wiener Stadtlichts bis zum Jahre 2018 bildet, eine wesentliche Rolle. Um Sicherheit zu vermitteln, geht es vor allem darum, finstere Ecken in öffentlichen Parkanlagen, unübersichtliche U-Bahnaufgänge und schlecht beleuchtete Passagen und Unterführungen zu erhellen, erläutert Bekehrti. Die Beleuchtungsnorm EN 13201, quasi die Bibel für Lichttechniker, regelt die Stadtbeleuchtung und empfiehlt mittlere horizontale Beleuchtungsstärken für Fußgängerzonen, Gehsteige, Haltestellenbereiche und Radwege, um das subjektive Gefühl von Sicherheit zu erzielen.

Dass Licht ein Thema ist, das die Wiener betrifft, zeigen schon allein rund 27.000 Eingaben pro Jahr, die bei der Hotline Lichttelefon unter der Nummer 0800 33 80 33 eintrudeln. Man bemühe sich, eine Reaktionszeit von drei Tagen nicht zu überschreiten, meint der Magistratsleiter, und das Feedback sei grundsätzlich positiv. Überhaupt sei Wien im Bereich Beleuchtung gut aufgestellt und zählt zu den am besten beleuchteten Metropolen Europas.

Finster wie die nacht. Der Masterplan Licht für Wien wurde in Zusammenarbeit mit dem Lichtplanungsbüro "podpod design" der Geschwister Iris und Michael Podgorschek erstellt, die Angsträume definieren als Orte, an denen Menschen ein besonders ausgeprägtes Unsicherheitsgefühl empfinden. Hinweise auf solche Angsträume seien mangelnde Übersichtlichkeit und Orientierung, Unbelebtheit und fehlende soziale Kontrolle sowie ein hoher Grad an Vandalismus in der Umgebung.

Gesichertes Datenmaterial, ob die Kriminalität in solchen Angsträumen tatsächlich höher ist, gibt es laut Bekehrti von der MA 33 noch nicht, derzeit werde aber in Zusammenarbeit mit der Wiener Polizei untersucht, ob es einen Konnex gibt zwischen nicht ausreichender Beleuchtung und Gewalt und Einbruchsdelikten.

Eine Frage, die Michael Podgorschek für sich schon beantwortet sieht durch französische Studien, die ergeben hätten, dass die Kriminalität zurückgeht, wenn die Qualität des Lichts verbessert wird. Wo kein Licht ist, fühlt man - in diesem Fall jemand, der Böses im Schilde führt - sich unbeobachtet. "Die im Dunkeln sieht man nicht", heißt es in Bert Brechts Moritat von Mackie Messer, und der hatte bekanntlich nichts Gutes im Sinn. "Licht hat mit Wahrnehmung zu tun", sagt Iris Podgorschek, und unter dem Sicherheitsaspekt sei auch die Farbe des Lichts wichtig. Gelbes Natriumlicht lässt zum Beispiel keine Farben erkennen, weshalb man in Bereichen, wo Fußgänger unterwegs sind, weißes Licht einsetzt.

"Mit Licht lassen sich Räume schaffen, in denen man sich wohl fühlt", stellt die Lichtdesignerin fest und führt als Beispiel den Donaukanal an, für den das Geschwisterpaar gemeinsam mit der MA 33 ein Lichtkonzept erstellt hat. Durch die effektvolle Beleuchtung von Brücken, Mauerflächen und Treppelweg hätte die Uferzone, die zuvor schon "ziemlich spooky" gewesen sei, wie Michael Podgorschek verschmitzt einwirft, deutlich an Qualität gewonnen. Lichtkonzepte für die Donauinsel und den Wienfluss sind geplant. Im Gegensatz zu anderen Städten, in denen oft nur das Stadtzentrum beleuchtet wird, sei Wien "egalitär" beleuchtet, führt Michael Podgorschek aus: Im Zentrum wie in den äußeren Bezirken herrsche dieselbe Lichtqualität vor, was er als Ausdruck eines sozialen Aspekts interpretiert.

Trotz des verständlichen Ehrgeizes, Licht ins Dunkel zu bringen, stellen die Geschwister Podgorschek aber auch klar, dass nicht alles hell sein muss in einer Stadt und es auch Zonen gibt, die in der Nacht dunkel sein dürfen. "Die Lichtverschmutzung ist ein großes Thema", gibt auch Harald Bekehrti zu bedenken. "Sehen Sie sich einmal die Lichtglocke über Wien an", rät er, "und Sie wissen, wovon ich spreche." Der Begriff Lichtverschmutzung bezieht sich auf das abstrahlende, ungerichtete Licht, das nachts in den Himmel strahlt. Zu viel oder falsch eingesetztes Licht beeinträchtigt Fauna und Flora und stört das ökologische Gleichgewicht.

"Licht zieht Insekten an", gibt Bekehrti ein Beispiel. "Natürliche Beutetiere fehlen dann zum Teil oder sind im Übermaß vorhanden." Man muss also eine Lichtquelle mit entsprechenden Eigenschaften wählen, um die für Insekten kritischen Wellenlängen auszufiltern. Das erfordert vor allem in Parkanlagen intelligente Lösungen, damit der ökologische Aspekt mit dem Sicherheitsbedürfnis der Menschen in Einklang gebracht werden kann. Die Vermeidung von Emissionen durch künstliche Lichtquellen wird auch durch EU-Normen geregelt. So darf das Licht nicht mehr über die horizontale Ebene hinaufstrahlen. Kugelleuchten, die derzeit noch in Parks und entlang von Gehwegen aufgestellt sind, müssen sukzessive abgebaut werden und durch Leuchten mit Spiegeloptiken ersetzt werden. Die Kugelleuchten sind derzeit Harald Bekehrtis größte Sorgenkinder.

Neue Technologien schaffen zwar neue Möglichkeiten im Beleuchtungssektor, doch sie machen die Arbeit der Lichttechniker nicht unbedingt einfacher. Während farbiges Licht mit LED-Leuchten leichter erzielt werden kann, weil die LEDs schon farbig hergestellt werden, ist es mit weißem Licht komplizierter. Weißlicht kann viele Schattierungen haben, erklärt Michael Podgorschek und führt den Unterschied vor: Er leuchtet mit zwei LED-Leuchten, die beide die Farbbezeichnung Weiß tragen, an die Wand. Eine zeigt ein blauschimmerndes Weiß, die andere ein gelblich getöntes Weiß. Auch die Lichtlenkung sei mit LEDs schwieriger, zudem ändere sich der Stand der Entwicklung halbjährlich. Allerdings helfen neue Technologien auch Energie sparen. Mit dem Beleuchtungskonzept, das "podpod-design" für die Wiener Staatsoper entworfen hat, konnten 28 Prozent mehr Fläche bei 25 Prozent weniger Energiekosten erleuchtet werden.

Kulturschätze effektvoll anzustrahlen und in Szene zu setzen, gehört ebenso zu den Aufgaben der MA 33. Mag der Synergie-Effekt in punkto Sicherheit auch gering sein, schön ist es allemal, wenn Wien leuchtet.

INFO.

Stadt des Lichts: Licht ist ein wichtiges Element im Stadtbild von Lyon. Jede Nacht werden in Lyon 325 Sehenswürdigkeiten in Szene gesetzt. Der Beleuchtungsplan aus dem Jahr 1998 setzt die schönsten Bauwerke der französischen Stadt ins richtige Licht. Licht ist eine wichtige Komponente im Bild einer Stadt und trägt nicht nur zur Sicherheit, sondern auch zu Ästhetik, Atmosphäre und Lebensqualität bei, ist die Stadtregierung überzeugt. Vorzeigeprojekt ist die "Fete des Lumières", die jedes Jahr am 8. Dezember mehrere Millionen Menschen anzieht. Mit dem Netzwerk LUCI (Lightning Urban Community International) gründete Lyon eine weltweite Plattform zum Erfahrungsaustausch im Bereich der Stadtbeleuchtung.

www.luciassociation.org