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Mehr Mut zum Altern

Von Uschi Schleich

Reflexionen

Altern passiert. Das ist Fakt. Aber der Umgang mit dem Alter hat sich erfreulicherweise geändert. Wir haben entdeckt, dass das Leben 60 nicht aufhört. Im Gegenteil, für manche geht es dann erst richtig los. Das macht Mut.


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Sie sind unübersehbar, die neuen Alten: modisch gekleidet, kulturbewusst, sportlich. Senioren bestenfalls dem Geburtsdatum nach. Noch vor 50 Jahren galt, wer das Pensionsalter erreicht hat, fast automatisch als Teil einer grauen Masse: abgetan als gebrechlich, verkalkt, nicht mehr ernst zu nehmen. Heute stürmt die Generation 60 plus die Hörsäle der Universitäten, schwingt den Golfschläger, klettert auf Berge und gönnt sich ab und zu eine Kreuzfahrt oder zumindest eine Woche auf Teneriffa. Erreichbar bleibt man für die Enkel per Handy, Laptop und E-Mail, denn auch der Mythos vom technikfeindlichen Alten hat ausgedient - fast zwei Drittel der über 60-Jährigen besitzen ein Handy, jeder zweite Mann in diesem Alter findet Computer derart cool, dass er einen (oder gleich mehrere davon) zu Hause hat.

Dass Senioren immer schon als eine Gruppe mit beträchtlichen finanziellen Ressourcen gegolten haben, verwundert kaum: Das Haus ist gebaut, die Kinder groß, die Raten für die Einrichtung längst abgestottert, da bleibt bei vielen der eine oder andere Euro über. Wanderte der früher in den Sparstrumpf oder aufs Sparbuch, das die Kinder mal erben sollten, so geben die jungen Alten ihr Geld inzwischen immer öfter auch für sich selbst aus. "Best Ager" heißen solche Leute im Werbejargon und werden in so mancher Studie bereits als "Vorhut eines neuen Hedonismus" bezeichnet. Das Angebot für sie ist so vielfältig wie die Zielgruppe selbst: Mehr als 1,7 Millionen Österreicherinnen und Österreicher sind über sechzig, rund eine Million fällt in die Gruppe der Fünfzig- bis Sechzigjährigen.

Neues Lebensgefühl. Gesundheit, Anti-Aging-Produkte, Wellness und Fitness sind laut einer aktuellen Studie die absoluten Mega-Seller für die neuen Senioren. Gilt Gesundheit noch als ein recht konventionelles Gebiet, so ist die Zuwendung der jungen Alten zu umfassenden Natur-, ja gar Abenteuerreisen und Sport Ausdruck eines neuen Lebensgefühls. So neu ist das Gefühl allerdings auch wieder nicht. Paul Flora etwa, der famose Tiroler Zeichner, sieht das Gefühl, sich jünger zu fühlen, als man ist, ganz einfach als ein seit jeher typisches Attribut des Älterwerdens: "Ich bin ein älterer Herr", bekannte er zu seinem achtzigsten Geburtstag, "und fühle mich wie alle älteren Herren jünger als ich wirklich bin."

Dass die Bemerkung mehr ist als nur ein ulkiges Bonmot, beweisen Umfragen. So hat das österreichische Marktforschungsinstitut Makam festgestellt, dass zwei Drittel der Über-Sechzigjährigen sich tatsächlich jünger fühlen als sie sind, 16 Prozent gaben gar an, sich um zwanzig Jahre jünger zu fühlen. Womit so ganz nebenbei bewiesen wäre, dass der Slogan, wonach man "20 Jahre lang 40 bleiben kann" durchaus seine Richtigkeit hat. Oder noch länger, wie zum Beispiel Queen Mum einer erstaunten Öffentlichkeit vorgelebt hat. Trotz zwei künstlichen Hüften ließ sie sich auch als Über-Hundertjährige niemals beim Stiegensteigen helfen und selbst ihre Liebe zu Gin Tonic und Champagner der Marke Krug hat Queen Mum nicht daran gehindert, in nahezu jugendlicher Frische alt zu werden. Und weil wir bei den Hundertjährigen sind: Ein gewisser Jopie Heesters schrieb nach der Feier zu seinem 104. Geburtstag auf seiner Homepage: Selbstverständlich habe er das Fest als letzter verlassen. Da wirkt Mick Jagger, mittlerweile auch fast schon 65, ohnehin wie ein Jungspund. Dass er Mitte 20 behauptet hat: "Ich will lieber tot sein als mit 45 noch Satisfaction singen zu müssen", hat er inzwischen wohl aus seinem Gedächtnis getilgt.

Und obwohl die Liste von Menschen, die im Alter geistig und körperlich fitter sind als so mancher midlifecrisis-geschüttelte Mitvierziger, sich nahezu endlos fortsetzen ließe, merkt Clemens Tesch-Römer, Leiter des deutschen Instituts für Altersfragen dennoch kritisch an: "Das Potenzial, das viele Menschen im reifen Erwachsenenalter aufweisen, also zwischen 55 und 75, wird vielfach unterschätzt." Wobei auch da eine Trendwende immer deutlicher wird. Es stimmt schon: Immer noch haben viele Unternehmen mit älteren Mitarbeitern keine rechte Freude. Wie Daten der Statistik Austria belegen, sind von den über 55-Jährigen nur noch 35 Prozent erwerbstätig, in der Gruppe der 60- bis 64-Jährigen sind es gar nur noch 15 Prozent. Zugleich greifen aber immer mehr Firmen bewusst auf das Know-How von älteren Mitarbeitern zurück, ja holen sogar Manager aus der Pension zurück, damit diese mit ihrer Erfahrung punktuell bei Problemen helfen können. Einer der Vorreiter bei dieser Entwicklung war übrigens BMW, inzwischen ziehen auch kleinere Betriebe nach. Um Geld geht es den Zurückgeholten dabei in aller Regel nicht: Wichtiger ist das Gefühl, gebraucht zu werden.

Inzwischen ist die Generation 50- und 60 plus allerdings auch in Bereichen vertreten, in denen man sie noch vor wenigen Jahren kaum vermutet hätte. In Deutschland existiert mittlerweile in Wolfsburg sogar eine Modellagentur, die auf das Thema "Best Age" spezialisiert ist. In der Kartei führt man 250 Modells zwischen 50 und 86 Jahren alt, manche davon seit jeher im Beruf tätig, manche aber erst im sogenannten dritten Lebensalter dazugestoßen.

Dass Schönheit nicht zwingend ein Alter von maximal dreißig zur Bedingung haben muss, hat eindrucksvoll auch die Kosmetikfirma Dove gezeigt, die Frauen zwischen 54 und 63 von der Starfotografin Annie Leibovitz in Szene setzen ließ: selbstbewusst und unbekleidet. Für Aufsehen sorgen Kampagnen wie diese natürlich immer noch. Das mag daran liegen, dass "das Bild des Alters alt ist", wie Josef Ehmer vom Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien anmerkt. "Altersbilder und Altersstereotypen, die aus der Antike stammen, prägen bis heute die Vorstellungswelt." Im Guten wie im Schlechten. Was hingegen fehlt, ist ein neuer Zugang zum Thema: "Im gesamten Altersdiskurs werden heute kaum Argumente genannt, die nicht schon damals bekannt waren. Wir denken nicht sehr originell." Und doch ändert sich so manches. Der Begriff Senioren-WG hätte früher wohl bestenfalls ungläubiges Kopfschütteln ausgelöst. Heute sind Wohngemeinschaften dieser Art zwar auch noch ungewöhnlich -für viele aber eine Möglichkeit eines Mittelwegs zwischen eigener Wohnung und Altenheim. Denn gemeinsam ist man nicht nur stärker, sondern auch weniger allein. Einkäufe, Hausarbeiten, aber auch etwaige Einstellung von Pflegekräften lassen sich leichter bewältigen. Dass man dann unter Umständen mit Problemen konfrontiert ist, die eher fürs Studentenleben typisch sind, sollte allerdings nicht verschwiegen werden: Wer ist dran mit Bad putzen?

Älterwerden ist heute vermutlich um keinen Deut leichter geworden, als es früher war - das Altsein in vielen Bereichen schon. Wenn auch nicht in allen. Warum haben zum Beispiel viele Supermärkte, vor allem jene im unteren Preissegment, noch immer nicht erkannt, dass ältere Menschen, die allein leben, nur sehr bedingt Verwendung für XXL-Großpackungen haben? Ein Rätsel bleibt es auch, warum Designer, von löblichen Ausnahmen abgesehen, noch immer nicht in der Lage sind, High-Tech-Geräte zu gestalten, die große Bedienknöpfe, keine unnötigen Funktionen und eine verständliche Gebrauchsanleitung haben. Dafür würde ihnen nicht nur die Generation 60 plus dankbar sein, sondern vermutlich wären ganze Heerscharen von überforderten Konsumenten damit zufrieden zu stellen.