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Mehr Opfer als Täter

Von Claudia Müller-Elsigan

Gastkommentare
Claudia Müller-Elsigan ist Mitbegründerin des Centre for New Empowerment Concepts (CNEC).

Moralische Entrüstung über Griechenland steht Nordeuropa nicht zu.


Es mag sein, dass "die Griechen" dem süßen Nichtstun zuneigen und die kreative Buchführung übertrieben haben. Doch steht dem Norden Europas keinerlei moralische Entrüstung und plusternde Oberlehrerhaftigkeit zu. Denn auch er hat den "point of no return" längst überschritten, und der zyklische Zusammenbruch durch den gewollten systemischen Fehler unserer schuldbasierenden, zinseszinsbelasteten Fiat-Geldschöpfung ist auch ihm immer dichter auf den Fersen, rapide verstärkt durch die von jeder Realwirtschaft losgelösten Geldmengenvervielfachung der vergangenen Jahre sowie die sich immer höherfrequent selbstverstärkenden spekulativen Risiken. Alleine der Buchwert der von der Deutschen Bank gehaltenen spekulativen Derivate entspricht dem Zwanzigfachen der deutschen Volkswirtschaft.

Unser Geldsystem ist nicht Rechengröße und Tauschmittel, sondern Machtinstrument. Macht entstanden über die Zeit als korrupte Symbiose des oft zitierten einen Prozents, der "too big to fail"-Finanzoligarchie, und der die staatlichen Gewaltressourcen kontrollierenden Politkaste. Aber leider auch ermöglicht durch die prinzipielle Rechtschaffenheit und gutmütige Leichtgläubigkeit der Massen.

Nur dadurch können die Ein-Prozenter ihre spekulativen Fiktionen auf die Realwirtschaft umlegen; nur dadurch können sie realwirtschaftliche Bail-outs und -ins für ihre fehlgeschlagenen spekulativen Fiktionen zugesprochen bekommen; nur dadurch glauben sie nun, die 99 Prozent in die generationsübergreifende Vertragsknechtschaft zwingen zu können. Jetzt, da die westliche Welt weder aus externen noch aus internen Quellen Wertschöpfungszuwächse generieren kann, die den Zinshunger zu befriedigen in der Lage wären, beginnt das System sich selbst zu verschlingen. Erst an der Peripherie, dann langsam auch im Kern.

Um die Fiktion des "Habens" der Ein-Prozenter aufrechtzuerhalten, müssen die 99 Prozent um jeden Preis mit "Soll" überhäuft werden. So geschehen auch in Griechenland, das sehenden Auges weit jenseits seiner realen Wirtschaftskraft mit Schulden überhäuft wurde.

Trotz aller Finanzkreativität ist Griechenland mehr Opfer als Täter. Weniger als zehn Prozent des Griechenland zugewiesenen "Rettungspaketes" aus Fiatgeld-Krediten sind tatsächlich in Griechenland gelandet, sondern dienten vor allem der Bilanzbereinigung deutscher und französischer Banken.

Es stellen sich grundsätzliche Fragen: Wie legitim ist der Anspruch, Fiatgeld-Kredite ohne realwirtschaftlichen Einsatz mit Kapital und Zinsen aus realwirtschaftlichen Werten abgegolten zu bekommen? Und wie weit geht das Mandat in der repräsentativen Demokratie? Haftet das Volk wirklich für die Schulden des Prinzen?

Es gibt keine Lösung mehr innerhalb des bestehenden Systems. Nur ein geschlossener, revolutionärer

Schritt durch und für die 99 Prozent kann Griechenland vielleicht noch retten: Einstellung aller Zinszahlungen, Limitierung der Kapitalrückzahlung auf den Umfang der tatsächlich geflossenen Mittel. Und Einführung einer Neuen Drachme als souveränes Demurrage-Geld, frei von Schuld- und Zinsbelastung.

Falls dies des EU-Austrittes bedarf - so be it. This is Sparta!