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Mehr Verantwortung an die Schulen

Von Brigitte Pechar

Politik
Schmied will Landesschulräte durch bundeseigene Bildungsdirektionen ersetzen. Foto: Robert Strasser

Direktoren sollen Managementausbildung haben und für fünf Jahre befristet bestellt werden. | Reform der Schulverwaltung: Landeslehrer "kein Role-Model". | Schmied will von Erlass- zu Verantwortungskultur an Schulen. | "Wiener Zeitung": Österreich liegt bei den Bildungsausgaben pro Schüler international im Spitzenfeld, bei den Leistungen sind wir aber nur Durchschnitt. Wird das Bildungsbudget falsch eingesetzt? | Claudia Schmied: Wir geben viel Geld aus, die internationalen Testergebnisse sind bestenfalls Durchschnitt. Wir müssen daher an der Qualität des Unterrichts arbeiten. Bildungsstandards, neue Matura und kleinere Klassen gehen in die richtige Richtung.


Es gibt sehr viele engagierte Lehrer, aber auch einige, die dem Unterricht nicht gewachsen sind. Was kann man hier ändern?

Die im Juni 2008 beschlossenen Bildungsstandards können darüber einen sehr guten Gradmesser abgeben. Über die Zeit werden wir sehen, ob und wie gute Leistungen gehalten werden können. Korrigierend kann durch Fortbildung der Lehrer am Schulstandort eingewirkt werden. Wenn es bei einzelnen Lehrern gar nicht gelingt, muss man Ausstiegsszenarien finden.

Also Kündigung von Lehrern?

Wenn Eigen- und Fremdbild nicht mehr zusammenstimmen, muss es Konsequenzen geben. Das ist in jedem Beruf so. In der neuen Lehrerausbildung sollen bereits im Curriculum Umstiegsmöglichkeiten geschaffen werden. Zum Beispiel könnten einem Fremdsprachenlehrer, der aus dem Lehrberuf aussteigt, Teile seines Studiums angerechnet werden, wenn er auf Außenhandel umsattelt.

Die Pädogogischen Hochschulen (PH) registrieren derzeit einen erhöhten Zulauf.

Der Lehrberuf ist jetzt wieder attraktiv, das hängt auch mit der Wirtschaftsentwicklung zusammen. Ich will aber sicherstellen, dass der Lehrberuf ein Beruf der ersten Wahl ist. Es soll daher in Zukunft Aufnahmeverfahren - keine punktuellen Tests - geben.

Sie haben mit Wissenschaftsminister Johannes Hahn eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die eine neue Lehrerausbildung ausarbeiten soll. Ist schon klar, ob diese an den Universitäten erfolgt oder ob es weiterhin auch PH gibt?

Nein, diese Entscheidung ist noch nicht gefallen. Ende des Jahres wird es erste Entwürfe geben. Wichtig ist, dass die Lehrerausbildung in das neue Bachelor- und Master-Studium eingebaut wird. Das Master-Studium soll unbedingt auch eine Managementausbildung für den Schulbereich beinhalten. Jeder, der sich künftig um eine Leitungsfunktion bewirbt, muss diese Ausbildung vorweisen. Es soll Schluss damit sein, dass Qualifikationen erst im Nachhinein erworben werden. Leitungsfunktionen sollen künftig auf fünf Jahre beschränkt sein, wie das ja auch sonst in der Wirtschaft üblich ist. Selbstverständlich ist eine Verlängerung möglich, wir wollen ja die Besten nicht verlieren.

Und diese Direktoren sind dann mit Vollmachten ausgestattet?

Ich bin für mehr Verantwortung am Schulstandort. Es ist erstaunlich, welche Verordnungs- und Erlasskultur im Schulbereich herrscht, das muss sich ändern. Ich wünsche mir gestärkte Schulstandorte. An der Spitze der Schulen sollen Menschen mit Managementausbildung stehen. Der beste Lehrer, das längstdienende Gewerkschaftsmitglied oder das passende Parteibuch sind keine Kriterien, die jemanden zu einer Schulleitung befähigen. Direktoren brauchen Personalverantwortung. Erst dann wird der Direktor sich für die Weiterbildung und Qualifikation "seiner Lehrer" verantwortlich fühlen.

Damit sind wir schon mitten im neuen Lehrerdienstrecht, das nach Ihrem Willen schon ab dem Schuljahr 2010/11 gelten soll. Ist das machbar?

Wo ein Wille, da ein Weg. Wir haben Budgetprobleme und es steht uns ab 2013 eine Lehrer-Pensionierungswelle ins Haus. Jetzt ist daher die Zeit des Handelns gekommen. Ich bin sehr für ganztägige Schulformen. Allerdings habe ich dafür nur zwei Alternativen: Entweder wir stocken das Budget exorbitant auf, oder es greift ein neues Dienst- und Besoldungsrecht - mit anderen Lehrerarbeitszeiten.

Warum wird das Lehrer-Dienstrecht getrennt vom Beamtendienstrecht verhandelt?

Es handelt sich schließlich um ein Werk, das für 120.000 Lehrer gilt - die kritische Größe für ein eigenes Dienstrecht ist damit leicht erreicht. Das ist innerhalb der Regierung auch akkordiert.

Die Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD) kritisiert, dass die Lehrervertreter in die Verhandlungen nicht eingebunden sind.

Es gibt noch keine Verhandlungen. Damit beginnen wir bewusst erst nach den Personalvertretungswahlen im November. Ich freue mich über den Wechsel an der ÖAAB-Spitze (GÖD-Chef Fritz Neugebauer wurde von Außenminister Michael Spindelegger abgelöst, Anm.). Minister Spindelegger hat eine proaktive Bildungspolitik angekündigt.

Ein Kritikpunkt der OECD am österreichischen Bildungssystem sind zu viele Lehrer pro Schüler vor allem an Volks- und Hauptschulen.

Damit sind wir in den Schulstrukturen. Da gibt es große Unterschiede zwischen urbanen und ländlichen Gebieten. Wir müssen feststellen, wie viele Kinder für die Aufrechterhaltung einer Schule aus pädagogischen Gründen unbedingt notwendig sind. Die kritische Größe könnte im Zuge der Schulverwaltungsreform ein Thema werden. Allerdings verstehe ich auch die Bürgermeister, denen die kommunale Infrastruktur wichtig ist.

Es gibt ja bereits mehrere Arbeitsgruppen, die sich mit der Reform der Schulverwaltung beschäftigen. Auch das Parlament behandelt diese Frage. Als Vorlage dient ein von Rechnungshof, IHS, Wifo und Kommunalwissenschaftlichem Dokumentationszentrum ausgearbeiteter Plan. Dieser sieht unter anderem die Vereinheitlichung von Bundes- und Landeslehrern vor.

Das Wichtigste ist, dass der Schulstandort funktioniert. Das interessiert die Eltern am meisten. Als Theaterbesucher ist einem ja auch herzlich egal, ob man ein Stück in einem Bundes-, Landes- oder Stadttheater sieht. Der größte Kostenfaktor im Bildungsressort sind die Lehrerpersonalkosten. In etwa die Hälfte der 120.000 Pädagogen sind Bundeslehrer, die andere Landeslehrer. Die Bundeslehrer werden nach einem SAP-System abgerechnet. Dadurch wird kontrolliert, welcher Lehrer wo im Einsatz ist, mit welcher Fächerverteilung und Lehrverpflichtung. Die Landeslehrer scheinen in meinem Ressort aber als Sachaufwand auf, weil die Mittel an die Länder gegeben werden. Der Bund hat keinen Einfluss darauf, wie viele Lehrer für sein Geld angestellt werden. Das Landeslehrer-Modell kann daher auf keinen Fall zum Role-Model werden.

Von den Ländern kommen bereits Absagen an eine Vereinheitlichung unter dem Bundestitel.

Da muss es ausführliche Gespräche geben. Aber auch die Position des Rechnungshofes und der Experten ist hier sehr klar. Die erste Sitzung zur Schulverwaltungsreform im Parlament ist Ende August.

Wie einheitlich ist die Position der Regierung?

Für das Dienstrecht ist mein Wunschtermin 2010, Vorschläge zur Lehrerausbildung soll es Ende des Jahres geben. Dass die Schulen mehr Verantwortung erhalten sollen, scheint mir konsensfähig. Zur Schulverwaltungsreform gibt es eine Regierungsposition, die dem Unterausschuss des Verfassungsausschusses zugegangen ist, da braucht es aber sicher noch Gespräche mit den Ländern. Aus meiner Erfahrung - ich habe mich vor zehn Jahren im Finanzministerium bereits mit dieser Frage beschäftigt - kann ich sagen: So weit wie jetzt waren wir noch nie.

Bringt die Auflösung der Landesschulräte tatsächlich so viel Geld?

Nein, denn anstelle der Landessschulräte wird es Bildungsdirektionen geben. Personal-, Dienstrechtsfragen und Einsprüche gegen Noten können nicht erstinstanzlich im Ministerium geregelt werden. Da braucht es dezentrale Strukturen. Was wir nicht mehr brauchen, sind Bezirksschulräte, aber das spart laut Rechnungshof nur fünf Millionen Euro. Die Doppelgleisigkeiten der Landesschulräte mit Ämtern der Landesregierungen müssen aufhören. Zweimal sollten wir für dasselbe nicht zahlen. Das Geld ist in den Klassenzimmern besser investiert.

Ich möchte zurückkommen auf Ihre Forderung nach Auswahlverfahren für Lehrer, die ja ein erster Schritt sind, dass Unis sich ihre Studierenden aussuchen können. Derzeit ist es so, dass die ÖVP eine Schule für alle 10- bis 15-Jährigen verhindert, die SPÖ wiederum beharrt auf dem freien Hochschulzugang. Wird da nicht die Bildungspyramide auf den Kopf gestellt?

Es gibt in der ÖVP in dieser Frage sehr viele, die eine gemeinsame Schule befürworten. Es stimmt aber, dass das noch nicht Mainstream ist. Ich habe daher mit der Neuen Mittelschule einen Prototyp installiert. Die Eltern treffen dann die Wahl. Ich sehe das ganz pragmatisch.

Und was ist mit der SPÖ-Forderung nach dem offenen Hochschulzugang?

Aufnahmeverfahren an den Unis gibt es bereits. Mit dem Instrument der Zentralmatura können wir erstmals sicherstellen, dass bundesweit einheitliche Qualifikationen zum Studium vorliegen. Im Idealfall könnten bei der Fremdsprachenmatura Kompetenzniveaus erreicht werden, die zum Teil Uni-Proseminare ersetzen.

Ist der SPÖ-Standpunkt gegen Studiengebühren noch zeitgemäß?

Die Studiengebühren sind für die SPÖ ein politisches Credo. Universitäten, die Studiengebühren verlangen, schaffen Barrieren.

Dennoch ist der kostenlose Universitätsbesuch eine Umverteilung von unten nach oben.

Das müssen wir eben durch die schulische Durchlässigkeit ändern. Ein Beitrag dazu ist das Projekt Lehre mit Matura.