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Mehr Waffen sollen es richten

Von Alexander Dworzak

Politik

Gouverneur von Ohio lockert Waffengesetz im US-Bundesstaat.


Washington. Schlag 9.30 Uhr standen die USA still. Genau eine Woche, nachdem ein 20-Jähriger in einer Volksschule in Newtown Amok lief, gedachte die Nation am Freitag der 26 dort Getöteten, unter ihnen 20 Kinder. "Ich weiß, ich kann mir ihren Schmerz nicht im Entferntesten vorstellten", schrieb Präsidentengattin Michelle Obama in einem offenen Brief an Newtowns Einwohner.

Stärker hätte der Kontrast zur National Rifle Association (NRA) am Freitag nicht sein können. Eine Woche hatte der selbsternannte Advokat für Waffenbesitz die Öffentlichkeit gemieden; dann holte die Lobby zum Gegenschlag aus: "Wir beschützen Banken, Kraftwerke, Flughäfen und den Präsidenten mit Waffen. Ausgerechnet die Kinder, unsere Liebsten in den Schulen, jedoch nicht", donnerte Geschäftsführer Wayne LaPierre. "Monster laufen frei auf der Straße herum, und wir laden sie mit dem Waffenverbot geradezu ein, an Schulen ihre Taten zu begehen."

Mit den alarmistischen Tönen und der Forderung nach einer noch laxeren Handhabe beim Waffengebrauch hält LaPierre seinen bisherigen Kurs. Dabei gingen Experten im Vorfeld vom Gegenteil aus: "Wenn die Opfer Sechsjährige sind, können sie alle üblichen Kommunikationsstrategien über Bord werfen", hatte etwa Rich Masters von der Washingtoner PR-Agentur Qorvis gegenüber "Politico" erklärt. Die gewohnten Argumente der NRA seien in dieser Situation schlicht nicht gut genug. Und LaPierre hat unter den Tisch fallen lassen, dass es etwa an der Columbine High School 1999 sehr wohl einen bewaffneten Wächter gegeben hat – der das Massaker nicht verhindern konnte.

Verbissen beruft sich die NRA auf den zweiten Zusatz-Artikel der US-Verfassung, der das Recht auf Waffenbesitz und Selbstverteidigung festschreibt – beschlossen im Dezember 1791. Die einst moderate NRA hat sich in den vergangenen 30 Jahren zunehmend radikalisiert. Zwischen der martialisch auftretenden Spitze um LaPierre und der Basis herrscht eine tiefe Kluft. So befürworteten bereits vor dem Amoklauf von Newtown drei Viertel der NRA-Mitglieder Kontrollen, ob Waffenkäufer vorbestraft sind.

Obamas Spagat

Beide Parteien fürchteten bisher, ein Kurs gegen die NRA-Spitze würde sie um die Stimmen der vier Millionen Mitglieder bringen. Präsident Barack Obama versucht nun den Spagat: Einerseits plädiert er, den Verkauf von Sturmgewehren zu verbieten. Andererseits betont er, der Verfassungszusatz stehe nicht zur Disposition.

Wie schwierig ein Kurswechsel ist, demonstriert der Bundesstaat Ohio. Der republikanische Gouverneur unterzeichnete ein Gesetz, wonach Bürger nur noch eine Prüfung ablegen müssen, um eine Waffe verdeckt mitführen zu dürfen. Lapidarer Kommentar: das Recht auf Waffenbesitz. Am Freitag kam es – etwa zur gleichen Uhrzeit wie die Schweigeminute – in Pennsylvania zu vier Toten. Ein Autofahrer hat aus bisher unbekannten Gründen drei Menschen erschossen, die Polizei tötete daraufhin den Attentäter.

Argumente abwägen ist nicht die Sache von Wayne LaPierre, dafür das schnelle und unumstößliche Urteil: "Mehr Waffen machen uns sicherer. Das Beste, um einen bewaffneten Bösewicht zu stoppen, ist ein guter Mann mit einer Waffe." Seit 35 Jahren trommelt der studierte Staatswissenschafter sein Motto unter die Mitglieder der National Rifle Association (NRA). 1991 stieg er zum Vizepräsidenten und Geschäftsführer auf, bis heute bekleidet er beide Ämter.

Unter der Ägide des mittlerweile 64-Jährigen wurde die NRA zur mächtigsten Lobbyorganisation der Vereinigten Staaten. "Die Kerle mit den Knarren machen die Regeln", sagte LaPierre einmal - frei von Ironie. In die Politik wollte er jedoch nie wechseln, nicht einmal als Mitarbeiter eines Kongressabgeordneten der Demokraten aus seinem Bundesstaat Virginia hielt es ihn lange.

Nach außen laut und rau, übt sich LaPierre ansonsten in Diskretion; nichts Privates ist über den hageren Mann bekannt. Als Moderator der wöchentlichen TV-Show "Crime Strike" und Autor mehrerer Bücher wie "Globaler Krieg gegen ihre Waffen" hätte er ohnehin kaum Zeit für Hobbys.