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Mehrfach umkämpft

Von Thomas Schmidinger

Politik

Sindschar wird zu einem innerkurdischen Konfliktpunkt.


Sindschar. Noch ist der Großteil der Stadt Sindschar in der Hand der Dschihadisten des selbst ernannten "Islamischen Staates" - aber schon verschärfen sich die innerkurdischen Konflikte um die Frage, wer in Zukunft dort das Sagen haben wird.

Seit Tagen tobt ein kurdischer Medienkrieg zwischen der in Irakisch-Kurdistan regierenden Demokratischen Partei Kurdistans (PDK) unter der Familie Barzani und der in Syrisch-Kurdistan regierenden PYD bzw. PKK mit ihrer in der Türkei in Haft sitzenden Symbolfigur Abdullah Öcalan. Dabei geht es um nichts weniger als um die Zukunft der jesidischen Regionen des Irak, wenn der IS einmal besiegt sein sollte.

Die Zugehörigkeit der überwiegend von kurdischsprachigen Jesiden bewohnten Region Sindschar war von Anfang an umstritten. Offiziell gehört sie immer noch zur irakischen Provinz Ninawa, deren Hauptstadt Mosul seit Juni 2014 unter die Herrschaft der Dschihadisten geraten ist. Schon seit 2003 wird die Region allerdings auch von der Regierung der Autonomieregion Kurdistans beansprucht.

Die Bergregion des Dschabal Sindschar war seit Jahrhunderten Heimat einer jesidischen Hirtengesellschaft gewesen. Saddam Hussein ließ in den 1970er-Jahren ihre Dörfer zerstören und siedelte die Bevölkerung in von der Regierung kontrollierte "Modelldörfern" und die Stadt Sindschar um. Mit der Zunahme dschihadistischer Gewalt ab 2005 kamen die über Jahrhunderte immer wieder als vermeintliche "Teufelsanbeter" denunzierten Jesiden in den Fokus des Terrors.

Der größte Anschlag vom 14. August 2007 forderte 336 Menschenleben. Die Provinzhauptstadt Mosul wurde schon lange vor dem Vordringen des IS zum No-go-Gebiet für Jesiden. Nach dem Vordringen des IS nach Mosul besetzten im Juni 2014 die kurdischen Peschmerga die Region, um dann Anfang August wieder kampflos abzuziehen. Am 3. August nahmen die Dschihadisten die Stadt Sindschar ein. Tausende Jesiden wurden getötet und verschleppt.

Verteidigung der Heiligtümer ist Jesiden selbst zu verdanken

Die Mehrheit der rund 300.000 Jesiden der Region flüchtete sich is Gebirge. erst nachdem die Kämpfer der syrisch-kurdischen Volksverteidigungseinheiten (Yekîneyên Parastina Gel, YPG) schließlich einen Korridor freigekämpft hatten, war den Zivilisten ein Entkommen über syrisches Gebiet möglich. Die Einheiten der YPG wurden schließlich von verbündeten Einheiten der PKK verstärkt, mithilfe der US-Luftwaffe gelang es auch den kurdischen Peschmerga wieder, große Teile der Region zurückzuerobern.

Dass der Gebirgsstock mit seinen jahrhundertealten jesidischen Heiligtümern aber weitere Offensiven des IS überstehen konnte, war primär den überhastet aufgestellten, schlecht bewaffneten und trainierten Selbstverteidigungseinheiten der lokalen jesidischen Bevölkerung selbst zu verdanken. Jesiden, die bis zum Sommer eher der in der Autonomieregion herrschenden Demokratischen Partei Kurdistans (PDK) von Masud Barzani nahestanden, sich aber durch den Rückzug der Peschmerga verraten gefühlt hatten, gründeten die Verteidigungseinheit Schingals (Hêza Parastina Schingal, HPS) unter ihrem lange Zeit in Deutschland lebenden Kommandanten Qasim Schescho.

Parallel dazu bildeten sich von der YPG und PKK unterstützte Widerstandseinheiten Schingals (Yekîneyên Berxwedana Schingal, YBS) unter dem Kommandanten Schêx Xelef. In ihr ging auch die bereits zuvor bestehende Tawisî Melek Brigade auf. Damit kämpfen derzeit gleich zwei jesidische und drei verschiedene kurdische Einheiten in der Region Sindschar gegen den IS.

Noch hält der gemeinsame Feind diese Einheiten zusammen - allerdings sind die Sollbruchstellen dieser losen Allianz bereits deutlich zu sehen. Die einseitige Aufrüstung der Peschmerga der Regionalregierung Kurdistans unter Barzani, hat dieser Einheit im Schlachtfeld militärische Vorteile gebracht, sie wird jedoch von der rivalisierenden PKK mit Skepsis beäugt. Unter den Jesiden der Region ist es unverkennbar, dass viele ihr Vertrauen in die Regionalregierung Kurdistans verloren haben.

Dabei sind jesidische Würdenträger und Politiker in einer schwierigen Lage. Einerseits müssen sie ihre Loyalität gegenüber Barzani und seiner Regionalregierung bekunden, um weiterhin die bitter benötigte militärische Unterstützung gegen den IS zu erhalten und die hunderttausenden Flüchtlinge in der Region nicht zu gefährden. Wer mit jesidischen Würdenträgern und Politikern unter vier Augen spricht, hört jedoch völlig anderes als diese offiziellen Loyalitätsbekundungen.

Jesiden wollen eigenes Autonomiegebiet

Fast alle wünschen sich heute ein eigenes Autonomiegebiet für die Jesiden oder eines gemeinsam mit den anderen religiösen Minderheiten in der Region. Ob dieses als Autonomie innerhalb der Autonomieregion Kurdistans gestaltet sein soll, oder als völlig eigenständige Region, ist den meisten Vertretern weniger wichtig. Entscheidend ist für sie, dass die Jesiden selbst mit eigenen Sicherheitskräften in der Lage sind, sich zu verteidigen und ihre regionale Verwaltung selbst zu übernehmen.

Dies wird nicht nur in Sindschar selbst, sondern auch im zweiten jesidischen Siedlungsgebiet, im Scheichan, deutlich. In dieser Region östlich von Mosul liegt das wichtigste jesidische Heiligtum überhaupt: In Lalisch befinden sich das Grab von Scheich Adi und heilige Quellen und Tempel, zu denen Jesiden aus der ganzen Welt pilgern. In dieser Region residieren mit dem Mir und dem Baba Scheich, auch die wichtigsten traditionellen politischen und religiösen Autoritäten der Jesidi.

Gezielte Ansiedlung sunnistischer Kurden?

Bis vor wenigen Jahren bildeten die Jesidi hier die Mehrheit der Bevölkerung. Neuansiedlungen sunnitischer Kurden seit der Übernahme der Region durch die Regionalregierung Kurdistans hat dies verändert. Viele Jesidi verdächtigen die Regionalregierung die Zuwanderung gezielt gefördert zu haben, um sich damit das Öl in der Region zu sichern und eine mögliche Abspaltung der Jesiden zu verhindern. Schließlich tobt seit vielen Jahren innerhalb der jesidischen Bevölkerung eine Debatte über deren ethnische Zugehörigkeit. Zwar spricht die Mehrheit von ihnen Kurdisch. Es gibt aber auch eine kleine arabischsprachige Minderheit in den beiden Dörfern Baschika und Bahazane.

Bereits das arabisch-nationalistische Baath-Regime Saddam Husseins hatte sich bemüht, auch die anderen Jesidi zu arabisieren. Weil sich - wie bei den sunnitischen Kurden - auch bei den Jesidi einige Kollaborateure fanden, gelten sie vielen Kurden seither als unsichere Kantonisten.

Die strikten Heiratsregeln und die schlechten Erfahrungen mit Sunniten jeglicher ethnischer Herkunft haben schon im 19. Jahrhundert bei vielen Jesiden eine Art ethnokonfessionelles Bewusstsein entstehen lassen. Während sich manche als Kurden fühlen, wollen andere sich vom Kurdentum distanzieren. Seit die Peshmerga im Sommer vor dem IS davongelaufen sind und auch manchen sunnitischen Kurden - darunter auch Personen aus dem Nahebereich der Regionalregierung - Geschäfte mit dem IS nachgesagt wurden - ist allerdings auch bei vielen kurdenfreundlichen Jesiden das Vertrauen in Barzanis PDK erschüttert.

Genau hier versucht nun der mit Barzani rivalisierende Parteienblock aus PKK, PYD und ihren bewaffneten Kräften YPG und den Volksverteidigungskräften (Hêzên Parastina Gel, HPG) mit dem Vorschlag einzuhaken, einen eigenen Autonomen Kanton Schingal nach dem Vorbild der kurdischen Kantone in Syrien zu bilden.

Die Dankbarkeit vieler Jesiden für die Errettung durch die YPG hat erstmals auch die PKK im Irak populär gemacht. Bei einer Versammlung von 200 Delegierten, die überwiegend aus Jesiden aus dem Umfeld der PKK und der mit der PDK rivalisierenden PUK stammten, hatten sich diese vergangene Woche für die Errichtung eines solchen Kantons ausgesprochen. PKK-nahe Medien in Deutschland hatten sogar schon etwas voreilig von der Bildung eines Kantons Schingal berichtet.

Streit um Errichtung des Kantons Schingal

Als Reaktion darauf warnte am 17. Jänner die KRG die PKK und die mit ihr verbündeten Jesiden in einer öffentlichen Erklärung davor, einen solchen Kanton zu errichten und versprachen dafür die Errichtung einer eigenen Provinz. KRG-nahe Medien behaupteten danach, dass sich die traditionelle jesidische Führung von den Plänen zur Errichtung eines autonomen Kantons distanziert hätte - die distanzierte sich jedoch wiederum umgehend von dieser Distanzierung. Seither tobt der innerkurdische Medienkrieg zwischen PKK-nahen und PDK-nahen Medien um die vermeintliche Position der Jesiden.

Während an der Front immer noch gekämpft wird und während hunderte jesidische Frauen als Sklavinnen vom IS gefangen gehalten werden und die Flüchtlinge immer noch unter katastrophalen Bedingungen in ihren Zeltstädten leben, wird so bereits das Fell des noch nicht erlegten Bären verteilt.