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Mehrheit für "Ohnemichels"

Von Helmut Dité

Europaarchiv

Stell Dir vor, es ist Europawahl, und keiner geht hin! Absolute Mehrheit für die Nichtwähler? Das gerade noch nicht, aber die "Partei" der Nichtwähler wäre die stärkste Fraktion im neugewählten

Europaparlament · überall ist die Wahlbeteiligung diesmal niedriger gewesen als beim letzten Urnengang. Aufrufe der Staatsoberhäupter hin, Werbekampagnen her.

Natürlich sind sie keine "Partei", die "Ohnemichels", ihre Gründe nicht zu wählen sind dafür viel zu unterschiedlich. Und sehr vielen, die nicht hingingen · das sollte man nicht unterschätzen · ist

es ohnehin recht, wie die Dinge in Europa sich entwickeln. Da muß man keine "andere Politik" unterstützen, keinen Protest äußern. So begeistert, daß sie etwas akklamieren müßten, sind sie allerdings

auch nicht.

Gemeinsam haben die Nichtwähler eines: Sprüche wie "Nur wer wählt, dessen Stimme zählt!" oder gar "Wer nicht wählt, ist ein Depp", sind ihnen zutiefst wurscht. Ob jetzt die Kandidaten zu wenig

strahlten, ob manche Themen zu abseitig waren und die Glaubwürdigkeit dahinter Mängel hatte · die Leute haben andere Sorgen. "Die machen dort doch sowieso, was sie wollen", "Das läuft mit mir oder

ohne mich ganz genau gleich" · waren die häufigsten Antworten bei einem kleinen "offside poll" unter abseits Gebliebenen am Wochenende in Wien sowie den beliebten Ausflugszielen der Wiener im (EU-

Ziel 1-Fördergebiet) Burgenland und in Ungarn.

Dort war der Andrang groß wie immer · und alle redeten vom Wetter. Gesprächsthemen Nummer Eins und Zwei waren das Unwetter in der Nacht zum Samstag und die Frage, ob die geplante Grillerei wohl

stattfinden könne. Am Grenzübergang Nickelsdorf hat bis Sonntag mittag erst einer gefragt, ob er seine Wahlkarte irgendwo einwerfen kann. (Ging nicht, er wurde ans Gemeindeamt verwiesen.) Die Ungarn,

die erst noch nach Europa wollen, zeigten mehr Interesse.

In der Wiener Leopoldstadt, in der sogar gleich zwei Kandidaten für Brüssel und Straßburg wohnen, war die Wahlbeteiligung auch wesentlich niedriger als sonst. "Weil diesmal die Gemeinderatswahl nicht

gleichzeitig stattfindet", begründete Finanzstadträtin Brigitte Ederer. "Eine Frechheit ist die Beteiligung", klagte ein Funktionär, der noch weiß, wie es war, als man überhaupt nicht wählen durfte.

Europa ist fern. Die "Richtungsentscheidung für Europa" (Bundeskanzler Viktor Klima) ist eher in den vergangenen Jahren mit der Wahl sozialdemokratischer Premiers in Frankreich, Italien, England und

Deutschland gefallen. Und die Richtungsentscheidung für Österreich fällt im Herbst.